Worauf wartet die Schweiz?

Es verbleiben nur wenige Jahre für wirksamen Klimaschutz. Andernfalls werden 1,5 °C, wohl 2 °C überschritten – mit katastrophalen Folgen. Null Treibhausgas-Emissionen und 100 % Erneuerbare bis 2030 heisst das Ziel. Die Energiewende ist machbar – weltweit, in Europa und auch in der Schweiz. 

Von Hans-Josef Fell und Felix De Caluwe*

Laut NASA und NOAA (Nationale Ozean- und Atmosphärenbehörde der USA) werden wir das in Paris festgelegte Klimaschutzziel von 1,5 °C schon um 2035 überschreiten. Analysen der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) haben gar ergeben, dass dies mit einer Wahrscheinlichkeit von 20 % bereits in den nächsten fünf Jahren geschieht. Das Zeitfenster, um dem Klimanotstand noch zu begegnen, schliesst sich laut den WissenschaftlerInnen spätestens gegen Ende des Jahrzehnts.

Bis 2030 müssen möglichst alle Treibhausgas-Emissionen weltweit ein Ende finden, andernfalls werden 1,5 °C und wohl auch 2 °C deutlich überschritten werden, mit katastrophalen Folgen für die gesamte Menschheit. Es geht schlicht und einfach darum, die menschliche Zivilisation vor dem möglichen Untergang zu bewahren. Was sich nach «Panikmache» anhören mag, ist das Ergebnis einer Szenario-Analyse des australischen Thinktank Breakthrough.


Null Emissionen – 100 % Erneuerbare

Wirksamer Klimaschutz bedingt Null-Treibhausgas-Emissionen und den Aufbau eines 100 % erneuerbaren Energiesystems. Dies ist keine ferne Utopie, weder im Stromsektor noch sektorenübergreifend, sondern eine reelle, volkswirtschaftlich, oftmals betriebswirtschaftlich lohnende und vor allem notwendige Massnahme. Hierbei gilt es drei Punkte zu beachten:

Erdgas ist keine Brückentechnologie!

Nebst Methanemissionen, die stark zunehmen, verursacht die weitere Nutzung fossiler Energieträger (Erdöl, Erdgas bis Kohle) deutlich über die Hälfte aller Treibhausgas-Emissionen weltweit. Während Kohle aufgrund seiner verheerenden Wirkung für das Klima noch zu langsam, aber doch stetig auf dem Rückzug ist, wird die Klimawirkung von Erdgas noch weitestgehend unterschätzt. Zwar verursacht dieses weniger CO2-Emissionen, aber aufgrund seiner hohen Methanemissionen ist Erdgas ebenso klimaschädlich wie Kohle und deshalb keine Brückentechnologie.

Luftverschmutzung – eine der weltweit grössten Gesundheitsrisiken

Auch mit Fokus auf die allgemeine Gesundheitsfürsorge ist die Energiewende erforderlich. Denn – gemäss einer Studie des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie – verursacht Luftverschmutzung jährlich weltweit 8,8 Millionen vorzeitige Todesfälle (2015), von welchen mindestens 5,5 Millionen auf den Einsatz fossiler Brennstoffe zurückzuführen sind. Eine andere Studie des Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) und Greenpeace Südostasien beziffert den volkswirtschaftlichen Schaden durch Luftverschmutzung auf 2900 Milliarden US-Dollar jährlich. Auf die Schweiz entfallen mit zirka 1900 US-Dollar dabei die zweithöchsten Pro-Kopf-Kosten weltweit.

Die Energiewende bedingt den Atomausstieg

Eine Umstellung auf 100 % Erneuerbare bedeutet auch den kompletten Ausstieg aus der Atomenergie. Deren enorme Kosten, Sicherheits- und Gesundheitsrisiken stellen bereits heute keine Alternative mehr zu erneuerbaren Energien dar. Welche schwerwiegenden Folgen ein AKW-Unfall u.a. für die Schweiz und Deutschland hätte, zeigt eine Studie der Universität Genf aus dem Jahr 2019. Zwar hat die Schweiz den Ausstieg aus der Atomenergie bereits beschlossen, jedoch zeitlich nicht terminiert. Um den Weiterbetrieb zu gewährleisten, wurden laut Ökonom und SES-Beirat Dr. Rudolf Rechsteiner jüngst «die harten Grenzwerte abgeschafft und die Messmethoden verwässert» – mit der unausgesprochenen Strategie «Laufenlassen bis zum Unfall».

2019 veröffentlichte die Energy Watch Group zusammen mit der finnischen LUT University eine Studie, die zeigt, dass es weltweit möglich ist, auf 100 % erneuerbare Energien umzusteigen. Die Studie ist kein Einzelfall: Auch das Team von Prof. Jacobson von der Stanford University in den USA und WissenschaftlerInnen der University of Technology in Sydney sowie viele andere haben Studien veröffentlicht, die allesamt zu dem Schluss kommen, dass 100 % erneuerbare Energien der kosteneffizienteste, klimaschonendste und sozial verträglichste Weg in die globale Energieversorgung der Zukunft sind. Auch in der Schweiz finden sich fundierte Vorschläge und Studien, welche die Machbarkeit von 100 % erneuerbaren Energien aufzeigen.

Klimaziele fernab jeglicher Notwendigkeit

Ein Blick auf die deutschen und schweizerischen Klimaziele ist hingegen enttäuschend. Mit dem Ziel der Klimaneutralität bis 2050 agiert die deutsche Klimapolitik fernab von jeglicher Notwendigkeit und verletzt das 2015 in Paris unterzeichnete Ziel, die Erderwärmung auf unter 2 °C zu begrenzen. Auch die Klimaziele der Schweiz sind ähnlich einzuordnen. Vor etwas mehr als einem Jahr beschloss der Bundesrat, dass die Schweiz bis 2050 «unterm Strich» keine Treibhausgas-Emissionen mehr verursachen soll. Doch bereits das bisherige, unzulängliche Ziel, 20 % weniger Treibhausgas-Emissionen bis 2020 (gegenüber 1990), wird wohl nicht erfüllt. Denn bis 2018 wurden lediglich minus 14 % erreicht.

Zögerlicher Ausbau der Erneuerbaren

Strom aus erneuerbaren Quellen wird zukünftig bis zu 90 % des Bedarfs aller Energiesektoren decken: Elektrizität, Wärme, Kühlung, Verkehr und Industrie. In der Schweiz sind aber der Ausbau der Erneuerbaren sowie die Elektrifizierungsrate trotz eines augenscheinlich hohen Anteils an Ökostrom nach wie vor unzulänglich. Zwar liegt der Ökostromanteil am Strommix in der Schweiz bei knapp 60 % (2019), doch dieser beruht zu 54 % auf grossen Wasserkraftwerken. Nur 6 % des Schweizer Stroms stammen aus neuen erneuerbaren Quellen (Solar, Wind, Kleinwasserkraft, Biomasse). Da der Ausbau der Solarenergie nur langsam vorangeht, liegt ihr Anteil an der Stromproduktion bei nur knapp 4 %. Und der Anteil der erneuerbaren Energien an der gesamten Schweizer Energieversorgung beträgt lediglich 24 %.

Erneuerbare als günstigste Option

100 % Erneuerbare bis 2030 ist machbar

Die rasche Wende hin zu einer 100 % nachhaltigen, erneuerbaren Energieversorgung – das ist auch in der Schweiz sehr wohl möglich: Alle benötigten Technologien existieren bereits für einen effizienten und funktionierenden Mix aus erneuerbarer Energieerzeugung, Speicherung und digitalisierter Steuerung. Mit ihrem grossen Anteil an Wasserkraft bestehen beste Voraussetzungen für Energiespeicherung und die Schweiz könnte damit sogar noch seine Nachbarländer und -regionen unterstützen. Es ist aus wirtschaftlicher Sicht vollkommenen widersinnig, weiter die fossil-nukleare Energieerzeugung mit staatlichen Subventionen zu unterstützen, statt endlich den Ausbau von 100 % Erneuerbaren bis 2030 zu forcieren.

Empfehlungen an die Politik

Es ist dringend erforderlich, umgehend politische Massnahmen zu ergreifen, da sich trotz ökonomischer Vorteile der Wandel des Energiesystems bislang viel zu langsam vollzieht – weltweit, in Europa, in der Schweiz und in Deutschland. Folgende Empfehlungen gilt es speziell zu beachten:

  • Ausbau der Erneuerbaren = Ende der fossil-atomaren Energien
    Gesetze zum Ausstieg aus der fossilen und atomaren Energieerzeugung sind genauso entscheidend, wie eine funktionierende Gesetzgebung mit dem Ziel, privaten InvestorInnen in erneuerbare Energien eine Rendite zu ermöglichen. Das in Deutschland im Jahr 2000 verabschiedete Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hat gezeigt, dass dies möglich ist. Bis etwa 2015 war die «Bürgerenergie» mit ihren KleininvestorInnen, Energiegenossenschaften und kommunalen Energieprojekten die treibende Kraft hinter der deutschen Energiewende. Genau daran sollte sich die Eidgenossenschaft orientieren und Gesetzesänderungen auf den Weg bringen, die den Ausbau aller erneuerbaren Energien (Wind, Solar, Wasserkraft, Geothermie, Bioenergie etc.) massiv voranbringen.
  • Erneuerbare = Sicherheit und Unabhängigkeit
    Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist zwingend mit der Versorgungssicherheit zu verknüpfen. Die Erneuerbaren müssen in die Lage versetzt werden, zu jeder Zeit die vollständige Last des Energiesystems zu tragen. Dies kann beispielsweise gelingen durch die Einführung eines eigenen Vergütungssatzes für kombinierte Investitionen, die zu jeder Stunde des Jahres einen Mix aus 100 % erneuerbarer Energien bereitstellen. Sektorenkopplung, Speicherinnovationen und digitale Steuerelemente haben zudem das Potenzial, ein wahres Innovationsfeuerwerk im erneuerbaren Energiesektor zu entfachen.

Weitere notwendige Massnahmen

Flankierend zu den beiden erforderlichen Kernmassnahmen, dem politisch verordneten Ende der fossilen und nuklearen Energieträger sowie den gesetzlichen Anreizstrukturen für den Ausbau und die Systemverantwortung durch erneuerbare Energien sind weitere Massnahmen erforderlich, von denen die drei entscheidendsten nachfolgend aufgeführt sind.

  • Die Abschaffung von fossilen und nuklearen Subventionen: Dies wird dazu beitragen, das Ende der fossilen und nuklearen Energieträger innerhalb von einer Dekade herbeizuführen. So belaufen sich die Subventionen nach aktuellen Recherchen allein für fossile Energieträger europaweit auf jährlich über 137 Milliarden Euro.
  • Die Besteuerung negativer Externalitäten als Folgen der Energiegewinnung: Durch die Einführung von Kohlenstoff-, Methan- und Radioaktivitätssteuern werden die verursachten externen Schadenskosten internalisiert und tragen damit unter anderem zur Beseitigung der ökonomischen Benachteiligung von Technologien der erneuerbaren Energien und Speicher bei.
  • Forschung, Bildung und Innovation bei der erneuerbaren Energieversorgung, den Speicher- und Nullemissionstechnologien voranbringen und verstärkt fördern. Hierfür ist es erforderlich, Instrumente und Rahmenbedingungen zu schaffen, die von der privaten, kommunalen und nationalen bis zur internationalen Förderung von Forschung, Bildung und Informationsaustausch reichen.

100 % Erneuerbare – gerade auch in der Schweiz!

100 % erneuerbaren Energien sind schon längst keine ferne Utopie mehr – über 50 Nationen der Erde haben dieses Ziel bereits formuliert –, sondern ökologisch notwendig und ökonomisch vorteilhaft, auch und gerade in der Schweiz. Wenn es dem Land gelingt, den Atomausstieg zeitnah herbeizuführen und den immer noch nennenswerten Erdöl- und Erdgasanteil an der Energieversorgung auf Null zu bringen, könnte die Schweiz einer der ersten Staaten Europas werden, der zu 100 % auf erneuerbare Energien setzt.

 

*Die Autoren

Hans-Josef Fell

Hans-Josef Fell ist ehemaliger Abgeordneter des Deutschen Bundestages und heute Präsident der Energy Watch Group (EWG), einem internationalen Netzwerk von Wissenschaftlern und Parlamentariern zur Untersuchung der Verfügbarkeit und Verknappung fossiler und atomarer Energieressourcen und für die Untersuchung der Ausbaumöglichkeiten erneuerbarer Energien.

www.hans-josef-fell.de

Felix De Caluwe

Felix De Caluwe ist Project Consultant bei der Energy Watch Group.

www.energywatchgroup.org

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