ZEV statt KEV: Solarstrom gemeinsam nutzen hat Potenzial

Seit dem 1.1.2018 ist das neue Energiegesetz in Kraft. In der Öffentlichkeit wird aber selten über eine potenziell revolutionäre Änderung gesprochen: die Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch (ZEV). Diese können ihre Wirkung allerdings nicht voll entfalten, weil es viele Widerstände gibt.

Von Felix Nipkow

Unter dem Motto ZEV statt KEV könnte man die Änderungen bei der Solarstrompolitik im Rahmen der Energiestrategie 2050 zusammenfassen. Die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) hat ein definiertes Ende. Theoretisch können bis Ende 2022 neue Anlagen in das System aufgenommen werden. In der Praxis aber kann nicht einmal die bestehende Warteliste abgebaut werden: Anlagen, die nach Mitte 2012 angemeldet wurden, werden voraussichtlich nie von einer Einspeisevergütung profitieren.

Neue Anlagen lassen sich kaum refinanzieren, obwohl Photovoltaik heute die günstigste Art ist, Strom zu produzieren (siehe Kasten). Auch der Tarif, den die Verteilnetzbetreiber bezahlen, ist in den meisten Fällen zu tief. Der heutige Strommarkt bietet in der Regel zu wenig Anreize für Investitionen in neue Kraftwerke.1 Es sind also andere Formen gefragt für die Finanzierung neuer Solarkraftwerke. Eine davon ist der Zusammenschluss zum Eigenverbrauch, der neu mit der Energiestrategie 2050 eingeführt wurde.


Luftaufnahme Erlenmatt Ost (BS). Bis 2023 werden im Endausbau 650 MieterInnen ihre Energie zum Teil aus lokalen Solaranlagen beziehen.

Eigenverbrauchszusammenschlüsse sparen Netzkosten

Mehrere Liegenschaften konnen sich über die Parzellengrenzen hinweg freiwillig zu einem Arealnetz zusammenschliessen, vorausgesetzt, dass sie den Strom einer Solaranlage gemeinsam nutzen. Wenn ein Teil des produzierten Stroms vor Ort verbraucht werden kann, ist das günstiger als der Bezug aus dem Netz, weil keine Netzgebühren und Abgaben anfallen. So kann sich die gemeinsame Anlage finanziell lohnen, auch ohne KEV. Dies insbesondere zusammen mit der oft beantragten Einmalvergütung, die maximal 30 % der Investitionskosten finanziert.

Blockadeversuche der Strombranche

Die Elektrizitätsunternehmen wehren sich allerdings gegen Eigenverbrauchszusammenschlüsse. Unter dem Vorwand, die solarstromproduzierenden Eigenverbraucher «entsolidarisierten» sich, versuchen sie, diese Regelung abzuschwächen und den Eigenverbrauch – und damit die Produktion von Solarstrom – unattraktiv zu machen. Die Behauptung, dass die Eigenverbraucher Netzgebühren auf Kosten anderer Strombezüger einsparen, lässt sich aber nicht halten, wie eine Studie von Rudolf Rechsteiner von 2016 belegt.2 Im Gegenteil: Dezentrale Solaranlagen entlasten die Netze und reduzieren damit auch die Netzgebühren jener KonsumentInnen, die selber keiner Solarstromanlage angeschlossen sind.

Energieökonom Rolf Wüstenhagen von der Universität St. Gallen hält die Ängste der Branche auch für übertrieben. In einer Beilage der «NZZ am Sonntag» vom 7. Oktober rät er den Elektrizitätswerken, die Chancen zu sehen und neue Produkte und Dienstleistungen anzubieten. «Die Ertragspotenziale, die beispielsweise Speicher und Elektromobilität eröffnen, sind viel grösser als die Umsatzeinbussen im Netzbereich», so der Professor für Management erneuerbarer Energien.

Tendenz in Richtung Flatrate beim Strombezug

In der aktuellen Vernehmlassung für die Revision des Stromversorgungsgesetzes3 schlägt der Bundesrat vor, den Anteil des Arbeitstarifs an den Netzgebühren von 70 auf 50% abzusenken. Strombezüger sollen anteilsmässig mehr für die maximal zur Verfügung stehende Leistung (in Kilowatt) als für den effektiv bezogenen Strom (in Kilowattstunden) bezahlen; die Tendenz geht in Richtung Flatrate beim Strombezug. Der Anreiz für effizienten und sparsamen Umgang mit Elektrizität wird so geschwächt. Auch für den Eigenverbrauch ist das eine schlechte Nachricht. Wenn nur noch die Hälfte der Netzgebühr gespart werden kann, verringert sich die Rentabilität von Solaranlagen zusätzlich.

Gegen die laufende Verschlechterung der Bedingungen für Solarstrom muss politisch gekämpft werden. Sonst ist der Ersatz der Atomkraftwerke mit einheimischer Stromproduktion innert nützlicher Frist nicht realistisch. Die billigste Art, Strom zu produzieren, ist Photovoltaik, eine Blockade dieser Technologie ist nicht im Sinn der Energiestrategie. Eigenverbrauchszusammenschlüsse können einen wichtigen Beitrag leisten – unbürokratisch, dezentral, netzentlastend und ohne Subventionen. Statt zusätzliche Steine in den Weg zu legen, sollten Politik und Stromwirtschaft zusammenarbeiten, um das enorme Potenzial von Eigenverbrauchszusammenschlüssen auszuschöpfen.

 

  1. Siehe auch E&U Nr. 2/2018, S. 18/19 «Was zum Teufel soll Strommarktdesign»
  2. Zusammenfassung bei Swissolar erhältlich. Kurzlink: tinyurl.com/rechsteiner
  3. www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen.msg-id-72549.html

Der Autor

Felix Nipkow

Felix Nipkow
Leiter Fachbereich erneuerbare Energien

Tel. 044 275 21 28
Mail: felix.nipkow@energiestiftung.ch
Twitter: @FelixNipkow

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