Schweizer AKW unterwegs in den Konkurs

Die Schweizer Atomkraftwerke produzieren doppelt so teuer wie der Marktpreis. Erneuerbare Energien werden jedes Jahr billiger und verdrängen Atom- und Kohlekraftwerke aus dem Netz. Ein Ja zum Atomausstieg kann die Schweiz vor steigenden Defiziten schützen.
 
Von Dr. Rudolf Rechsteiner
 
«Ein Grosser wird seine Bilanz deponieren» − so hat Ex-Alpiq-­Präsident Hans Schweickardt am 29. April 2016 im NZZ-Interview den Konkurs eines der grossen Energiekonzerne angekündigt. Unsere AKW-Betreiber haben sich verrechnet, wollen es aber nicht offiziell wahrhaben. Lieber machen sie Jagd auf Sündenböcke: «Die neuen erneuerbaren Energien kommen subventioniert mit dem Preis von 0 Rp. pro Kilowattstunde auf den Markt, werden aber beispielsweise mit 42 Rp. für Photovoltaik, mit 19 Rp. für Wind und mit 12 Rp. pro kWh für die Kleinwasserkraft abgegolten», tönt es aus Gösgen.1 Falsch! «42 Rp./ kWh» − das ist lange her! Innovationen und Wettbewerb drücken den Preis für Solarstrom tief nach unten. In Deutschland, Frankreich und Italien bringen neue Solarfarmen Strom für 4 bis 7 Eurocent pro kWh ans Netz. Das liegt unter den Gestehungskosten von Beznau & Co.
 
Einer der drei AKW-Betreiber, die Bernischen Kraftwerke (BKW), hat das begriffen: Mühleberg wird 2019 geschlossen. Statt in Nachrüstungen stecken die BKW das Geld in die norwegische Windfarm Fosen, die ab 2018 Winterstrom für 3,5 − 4 €C./ kWh liefern wird.2 Tausende neue Investoren bringen auch in der Schweiz immer mehr sauberen Strom ans Netz − oft ohne Finanz­hilfe. Seit 2008 hat sich die installierte Photovoltaik (PV) von 49 auf 1394 MW vervielfacht. Von den 340 MW neuen PV ­Installationen im 2015 erhielten laut BFE nur 120 MW eine Förderung.3 Besonders Grossanlagen erreichten die Wirtschaftlichkeit allein dank Eigenverbrauch. Und Kleinanlagen, die eine Einmalvergütung aus dem KEV-Topf erhalten, kosten die Allgemeinheit weniger als 3 Rp./ kWh, bezogen auf 30 Jahre Produktion. Sie verbilligen den Strom für alle Bezüger, weil die teure Mittagsspitze verschwunden ist
 

So wird der Atomstrom durch sauberen Strom ersetzt

13 bis 14 Milliarden Verluste – Tendenz steigend

Gösgen, Leibstadt und Beznau produzieren zu Gestehungskosten von 4,6 Rp., 5,6 Rp. und 8,5 Rp. pro kWh. Diese Kosten können die Betreiber nicht mehr aus eigener Kraft stemmen, deshalb wollen Alpiq und Axpo Subventionen. Gemessen am aktuellen Marktpreis von 3,1 Rp. / kWh machen die drei AKW Betriebsverluste von jeweils 120, 220 bzw. 297 Mio., insgesamt 637 Mio. Franken, und bei Stillstand von Beznau 1 sogar 667 Mio. Franken pro Jahr! Bei 60 Jahren angestrebter Laufzeit entstehen 13 − 14 Mia. Franken Fehlbetrag. Nicht eingerechnet sind die höheren Prämien für den Stilllegungs und Entsorgungsfonds (Stenfo), die die Betreiber per Beschwerde bekämpfen. Auch die Nachfinanzierungen des Stenfo weg-en tiefer Kapitalerträge im Niedrigzinsumfeld, wie auch Mehrkosten für Entsorgung, die aus neuen Kostenschätzungen hervorgehen, sind nicht berücksichtigt. Dazu kommen weitere Risiken, etwa, dass die Strompreise weiter sinken.

Irreführung der Öffentlichkeit

Die Betreiber wollen sich den Fakten nicht stellen und erzählen Märchen. Eines lautet so: Unsere Anlagen wurden alle erneuert. Sie sind jetzt topmodern. Sie abzuschalten, macht schlicht keinen Sinn, denn die variablen Kosten betragen bloss 2,5 Rp./ kWh. Der Weiter­betrieb sorgt für Deckungsbeiträge und senkt Verluste. Die Realität sieht anders aus. Die alten AKW verursachen nicht nur Personal und Brennstoff kosten, sondern Ausgaben für Reparaturen und Unterhalt. Letztere werden von den Betreibern als «anlagetechnische Verbesserungen» beschönigt und nicht als Kosten, sondern als Investitionen ausgegeben und in der Bilanz aktiviert. So erscheinen die Betriebskosten viel tiefer als sie in Wirklichkeit sind.
 
Tabelle 1: AKW-Unterhaltskosten pro Jahr in Mio. Franken

Seit Fukushima im März 2011 die Energiepolitik der Schweiz erschüttert hat, ist viel Wasser durch die Turbinen geflossen. Die Betreiber der Wasserkraftwerke verdienen damit aber immer weniger Geld, weil sie einen Teil des Stroms am europäischen Strommarkt absetzen und dort die Preise im Keller sind. Grund dafür ist die Energiepolitik Deutschlands: Die Stromproduktion ist von 613 TWh (2011) auf 652 TWh (2015) angestiegen. Der Verbrauch in Deutschland hingegen ging im gleichen Zeitraum leicht zurück, von 607 TWh auf 600 TWh (zum Vergleich: Die Schweiz produziert und verbraucht rund 60 TWh pro Jahr).

In den letzten fünf Jahren betrugen die «anlagentechnischen Verbesserungen und substanzerhaltenden Massnahmen» in Gösgen und Leibstadt durchschnittlich 257 Mio. Franken pro Jahr (siehe Tabelle 1). Rechnet man diese Kosten zu den übrigen Betriebskosten (ohne Fixkosten) hinzu, dann zeigt sich, dass die variablen Kosten nicht 2,5 Rp., sondern rund 4 Rp. / kWh betragen, was auch der Bundesrat in seiner Kostenstudie schon 2008 festhielt. Will man die echten Deckungsbeiträge des Weiterbetriebs berechnen, muss man alle Kosten berücksichtigen, die durch eine rasche Schliessung ein­gespart werden.

Ein «goldenes Ende» gibt es bei AKW nicht. Die Kosten für Unterhalt nehmen im Alter zu, wegen Rissen im Reaktordruckbehälter, wegen Versprödung des Metalls oder wegen neuer Erkenntnisse nach Unfällen. Allein für «Erdbebenertüchtigung» will das AKW Gösgen in den nächsten Jahren eine Milliarde Franken ausgeben. Würde man das Werk schliessen, könnte man sich dies sparen. Eine wichtige Rolle spielt die Aufsichtsbehörde. Das ENSI pocht offiziell auf «Sicherheit bis zum letzten Tag». Die «substanzerhaltenden Massnahmen» werden nicht auf null sinken, es sei denn man missachte die Vorschriften und spiele Russisch Roulette.

AKW Beznau – Heinz Karrers Lehrstück

Ein Lehrbeispiel liefert das AKW Beznau. Dort beschloss der damalige Axpo-Chef Heinz Karrer im Jahr 2008 den Weiterbetrieb mittels Erdbebenertüchtigung für 150 Mio. Franken. Die Rechnung stieg zuerst auf über 700 Mio. Dann wurden nach der «Ertüchtigung» noch Risse im Reaktordruckbehälter entdeckt. Beznau 1 steht seit März 2015 still. Eine Bauruine mit Milliardenschulden− und das wahrscheinliche Drehbuch für Gösgen und Leibstadt. Die Betreiber spielen auf Zeit und hoffen auf pflegliche Behandlung durch das ENSI. Doch schon der laufende Betrieb ist für die Aktionäre untragbar. Für die Deckung der Entsorgungsprämien fehlen die Einnahmen. Deshalb die Beschwerden gegen den Bundesrat. Gösgen und Leibstadt verfügen über weniger als 10 % Eigenkapital, gemessen an ihren Aktiven. Sie sind blank. Und Quersubventionen aus der Wasserkraft gibt es keine mehr, weil selber unter Druck.
 
Subventionen für AKW bräuchten in einer Volksabstimmung eine Mehrheit. Gemäss einer Umfrage des Blick vom April 2016 bei 500 Personen lehnen 60 % Atomsubventionen ab. Bei einem Alpiq-Konkurs entstünde ein Domino-Effekt. Das AKW-Minus müsste von der Axpo fast allein getragen werden. Die Axpo hat kaum gebundene Endverbraucher, denen sie die Verluste
auf halsen kann. Ein Konkurs würde auch für die Axpo wahrscheinlich.

asdf

Die AKW sind schon ersetzt

Tabelle 1: AKW-Unterhaltskosten pro Jahr in Mio. Franken
Falsch ist das Bild der Betreiber, Atomstrom lasse sich bloss durch Kohlestrom aus dem Ausland ersetzen. Viele Schweizer Stromfirmen haben ein eigenes, grünes Portfolio aufgebaut, mit Bezugsrechten aus ganz Europa. Über 7 TWh sauberer Strom könnten abgerufen werden, das entspricht 12 % des Endverbrauchs.4 Netzengpässe gibt es auch keine, ausser sie werden von der Branche selber organisiert, wie im letzten Herbst.5 Die einheimische Zusatzproduktion aus neuen erneuerbaren Energien wächst ebenfalls substanziell. Sie liefern heute über 4400 GWh oder knapp 8 % vom Endverbrauch (siehe Tabelle 2). Rechnet man die 10’230 GWh aus Projekten auf der KEV-­Warteliste hinzu und trägt man den 1000 neuen Projekten Rechnung, die monatlich für eine KEV gemeldet werden, lässt sich die Produktion aller AKW bis 2029 lückenlos ersetzen.
Fussnoten

1 Gösgen-Jahresbericht 2015, Seite 10.
2 A. Lee: Europe’s biggest and cheapest onshore wind project, Rechargenews, 7.6.2016
3 Marc Muller (BFE): Marché PV 2015, Nationale PV-Tagung 2016
4 Beteiligungen von Alpiq, Axpo, Terravent, BKW, EBM, EKZ, ewb, IWB, Repower, EOS, Helvetic Wind, Swisspower, Aventron, Invest Invent, Susi Investment.
5 ElCom: Versorgungssicherheit Winter 2015/16, Bern, Juni 2016

 

Der Autor

Alt-SP-Nationalrat Dr. Rudolf Rechsteiner ist Ökonom und Dozent für Umwelt- und Energiepolitik. Er ist heute Mitglied des Grossen Rates, des Kantonsparlaments des Kantons Basel-Stadt.

 

Dieser Artikel ist im SES-Magazin «Energie und Umwelt», Ausgabe 3/2016 erschienen.

 

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Energie und Umwelt, Ausgabe 3/2016

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