Wir haben nur eine Schweiz

Zeitbomben im Mittelland: Die Schweiz gefährdet ihren Hauptwohn-, Wirtschafts- und Landwirtschaftsraum durch Atomkraftwerke. Unser Land zeigt sich im internationalen Vergleich ausserordentlich verletzlich gegenüber einem Super-GAU. Eine AKW-Katastrophe würde die Schweiz für Jahrzehnte lahmlegen. Ein Ja zur Atomausstiegsinitiative schützt unsere Heimat.

 

Ein SuperGAU ist auch in der Schweiz möglich
Was passiert mit der Schweiz, wenn es zum Super-­GAU kommt? Eine weitere Katastrophe in der Grössenordnung von Fukushima oder Tschernobyl ist sehr bald wieder möglich, wie eine soeben publizierte Studie der ETH Zürich und der University of Sussex feststellt. Die Schweiz ist mit ihren uralten AKW besonders gefährdet (siehe Textbox). Unser Land, wie es heute ist, wäre nach einem Super-­GAU nicht mehr wiederzuerkennen.

«Kein schöner Land» – nie mehr

Grund dafür ist die radioaktive Verstrahlung des Gebiets rund um das beschädigte AKW. Erfahrungsgemäss müsste nach einem schweren Nuklearunfall eine dauerhafte Sperrzone errichtet werden, mit einem Radius von mindestens 30 −50 km2. Denn die bei einem Super-­GAU unkontrolliert austretende Radioaktivität verteilt sich je nach Wetterlage unterschiedlich auf das umliegende Gebiet. Da alle AKW im Mittelland stehen, käme eine solche Zone im Hauptwohn-­, Wirtschafts- und Landwirtschaftsgebiet zu liegen. Das hätte für die Schweiz einschneidende Auswirkungen (Vgl. Studie von Dr. Jean-Frédéric Piguet). Vom ganzen Schweizer Staatsgebiet sind nicht mal die Hälfte (43 %) für Siedlungen und die Landwirtschaft nutzbar. Der Grossteil dieser Fläche befindet sich weniger als 50 km von den Schweizer AKW entfernt und umfasst mehr als die Hälfte der Schweizer Kantone.

«Übere Gotthard, übere Gotthard» flüchten die Berner

Hunderttausende Menschen müssten auf unbestimmte Zeit ihre Heimat verlassen, ihre (Eigentums-­)Wohnungen und Schrebergärten aufgeben. Rund um die fünf AKW lebt mehr als ein Viertel der Schweizer Bevölkerung (Kantone Aargau, Basel-­Stadt, Basel-­Land, Bern, Solothurn und Zürich). Allein im 30-km-Umkreis von Beznau leben über eine Million Menschen. Nirgends hat die Schweiz eine höhere Bevölkerungsdichte als im Mittelland. Alle grossen Ballungsräume befinden sich dort. Im 50-­km-­Umkreis von Beznau befinden sich sieben Kantonshauptstädte, bei Gösgen sind es sogar acht, bei Leibstadt und Mühleberg je fünf. Bei einem Super-­GAU in Mühleberg bräuchte die Schweiz bei schlechten Windverhältnissen auch eine neue Hauptstadt. Damit ist die Schweiz im internationalen Vergleich besonders verletztlich bei einem Super-­GAU.

Vorsorglich evakuiert würde bei einem Super-­GAU die Bevölkerung in einem Umkreis von 20 km (Zonen 1 und 2). Je nach Verstrahlung ist aber auch in weiterer Distanz als 20 km nicht an Rückkehr zu denken. Für die unverseuchten Alpenkantone und die Westschweiz würde das heissen: Strahlenflüchtlinge aufnehmen.

Es kann niemand mehr «z Märit gah»

Das Mittelland ist die wichtigste Industriezone der Nation. Diese müsste nach einem Super-­GAU geräumt werden. Die umsatzstärksten Unternehmen der Schweiz haben ihren Sitz nämlich im Mittelland, auch die grössten Energieunternehmen sind dort angesiedelt. Wichtige zentralisierte Infrastrukturen befinden sich in unmittelbarer Nähe zu den AKW, wie das Verteil­zentrum der Post in Härkingen (weniger als 20 km von Gösgen entfernt).

Wichtige nationale und internationale Verkehrsknotenpunkte wären ebenfalls betroffen. Der Flughafen Kloten, mit rund 70’000 Passagieren pro Tag, liegt weniger als 40 km von Beznau entfernt. Das AKW liegt direkt in der Anflugschneise. Die A1 und die Eisenbahn-­Schnellstrecke zwischen Bern und Zürich führen nahe an Mühleberg, Gösgen und Beznau vorbei. Die Verbindung zwischen den grössten Städten der Schweiz wäre unterbrochen, Ausweichverkehr auf die Alpenpässe die Folge.

Kaum mehr «Chrieseli günne»

Das Mittelland ist auch das Hauptanbaugebiet für Nahrungsmittel. Bern und Aargau − die Heimatkantone der ältesten AKW der Welt, Mühleberg und Beznau, sind zu­ gleich die grössten Gemüseanbaukantone der Schweiz, dicht gefolgt von Zürich, ebenfalls in der Nähe von drei AKW. Werden diese Gebiete radioaktiv verseucht, ist ein Grossteil der Schweizer Nahrungsmittelproduktion betroffen. Denn Bern und Aargau sind auch bei der Getreideproduktion schweizweit in den Top Drei. Ebenso wäre im Fall eines Super-­GAUs unklar, ob genügend unbedenkliches Trinkwasser vorhanden ist. Aare bzw. Rhein wären durch abfliessendes radioaktives Kühlwasser verseucht, je nach Windrichtung und Regen könnte radioaktives Material sogar in Gewässer gelangen, die in grösseren Entfernungen liegen, z.B. in den Zürichsee (Vgl. Untersuchung Öko-Institut e.V., 2014).

Viel mehr als «drü Batzeli»

Die Folgeschäden bei einem Super-­GAU wären immens und belaufen sich nach Schätzungen auf bis zu 4200 Milliarden Franken. Die Schweizer AKW-­Betreiber sind jedoch nur für einen Bruchteil dessen, bis zu einer Schadenshöhe von 1,8 Milliarden, versichert. Danach bezahlt die Allgemeinheit. Wer aus dem Mittelland wegziehen und sein Eigenheim zurücklassen müsste, kann keine Versicherung für dieses Risiko abschliessen. Das Risiko für einen Super-­GAU sei schlichtweg nicht versicherbar, heisst es bei den Versicherungsgesellschaften (Vgl. Studie Versicherungsforen Leipzig, 2011).

Bewahren wir Helvetia vor dem Strahlenmeer – Ja zur Atomausstiegsinitiative

Verlassene Wohnungen, leere Industriegebäude, Umsatzeinbrüche, langwierige Aufräumarbeiten und horrende Kosten: Die Schweiz wäre nach einem Super-­GAU auf den Kopf gestellt. Bewahren wir unser einzigartiges Land vor einer solchen Katastrophe. Der schnellste Weg dazu führt über ein Ja zur Initiative für den geordneten Atomausstieg am 27. November.
 
 
Dieser Artikel ist im SES-Magazin «Energie und Umwelt», Ausgabe 3/2016 erschienen.
 

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Energie und Umwelt, Ausgabe 3/2016

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