Integrierte Energiestrategie: Lösungen statt Luftschlösser
Rudolf Rechsteiner,
Hohe Verfügbarkeit von Sonnenlicht und Wind sowie tiefe Kosten sprechen für mehr Tempo bei der Umsetzung der gesetzlichen Ausbauziele. Neue Speicher und dezentrale Versorgungseinheiten (ZEVs, LEGs) verbessern die Effizienz. Volatile Erzeugung lässt sich glätten, und dies zu sinkenden Kosten.
Die Potenziale der Erneuerbaren sind gross. Dank kurzen Bauzeiten lassen sich Verbrauchszunahmen problemlos decken. Voraussetzung dafür sind die dynamische Anpassung der Anreize und ausreichende Nutzflächen. Die Strompreise in der Schweiz werden im Ausland gemacht. Es gibt keine «Energiearmut» in der Regelzone Schweiz, aber politische Bestrebungen, die einer erfolgreichen Ausbaustrategie zuwiderlaufen, so z.B.:
- Senkung gesetzlicher Vergütungen,
- ausbleibende Nutzung öffentlicher Infrastrukturen,
- fehlende Nutzflächen,
- fehlende Sachpläne für Winterstrom,
- fehlende Sektorkopplung bei Überproduktion.
Unterlegt wird dies mit einseitig für Atomstrom votierende Kampagnen von Energiekonzernen (z.B. Axpo) wie «Solarstrom am teuersten», «Atomstrom wird nicht subventioniert». Offenbar fürchten sie um den Verlust ihrer Monopolstellung durch dezentrale Erneuerbare. Solche politische Einflussnahme und Bremsmanöver belasten aber die Versorgungssicherheit.
Der Preiswettbewerb im Strombinnenmarkt nimmt zu. Sinkende Marktwerte bremsen die Investitionen; sie führen aber konsumseitig zu Entlastungen, von denen viele Verbraucher mit Marktzugang finanziell profitieren.
Aktuell herrscht eine Diskrepanz zwischen Produktions- und Nachfrageperioden. Diese wird sich erst zurückbilden, wenn der Zubau von Speichern die witterungsbedingte Überproduktion aufnimmt. Hier fehlt es an Entschlossenheit im Handeln, denn der Ausbau der Wasserkraft, eine neue Infrastruktur mit Wärmespeichern und der Ausbau der Elektromobilität könnten Teil der Lösung sein was Länder wie China, Finnland oder Norwegen unter Beweis stellen.
Die bilanzielle Unterdeckung der Stromerzeugung im Winterhalbjahr ruft nach einem Portfoliokonzept. Wind-, Wasserkraft und Winter-PV sind zu steigern, der Ausbau von Ladestationen, Strom- und Wärmespeichern hilft. Der Import von billiger Überproduktion erweitert die Optionen im Stromhandel und bei der Wiederbefüllung von Speicherwasser.
Europa kennt keine «Winterlücke»
Von 2015–2025 wuchs die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien um +8,6 Prozent pro Jahr (EU-27). Der kontinuierliche Ausbau erhöht auch die Überproduktion. Ein zyklisches Auf und Ab mit Strom-Überschüssen und Nullpreisen ist an der Tagesordnung, selbst im Winter.

Komplementäres Solar- und Windprofil (EU-27), keine strukturelle Winterlücke. Daten: Fraunhofer ISE, Energy Charts
Eine integrierte Bewirtschaftung dieser Energieströme senkt Risiken und kann den Strom-Aussenhandel stärken:
- Speicherkraftwerke im bi-direktionalen Betrieb ermöglichen die Verwertung von Überproduktion aus Norden.
- Windenergie, Winter-PV und die winterstrom-optimierte Nutzung von Dächern und Fassaden stärken die Winterproduktion. Dazu bräuchte es einen «Sachplan Winterstrom», der auch die Versorgungsgebiete in die Pflicht nimmt. Kantone und Gemeinden sollten wählen können, ob sie auf Windkraft setzen oder zusätzliche PV-Kapazitäten mit steilem Neigungswinkel aufbauen.
- Das Bundesamt für Energie müsste dafür strategische Auktionen lancieren, die den Winterstrom besser entschädigen.
Kernenergie: teuer, riskant, unflexibel
Der Versuch, an unflexibler Bandenergie aus Kernkraftwerken festzuhalten, hat keine ökonomische Basis.
Ein neues Atomkraftwerk Typ Flamanville (1,6 GW) kostet ca. 30 Milliarden Franken und würde selbst mit 18 Milliarden Franken Einmalvergütung keine schwarzen Zahlen schreiben. Nuklearer Sommerstrom ist heute schon periodisch unverkäuflich und die Chancen einer kostendeckenden Vermarktung sinken mit jedem neuen Solarpanel; jährliche Betriebsdefizite von 500 bis 900 Millionen Franken würden die Eigentümer, in der Schweiz die Axpo, oder den Bund belasten.
Der Kernenergie verliert ihre energiewirtschaftliche Funktion. Der Bedarf an Bandenergie ist weltweit rückläufig. Neue Atomkraftwerke würden einen ruinösen Verdrängungswettbewerb befeuern – ein Nullsummenspiel mit lauter Verlierern. Die Schweizer Laufwasserkraftwerke würden mangels Eigenverbrauch am stärksten leiden.
Es ist kein Zufall, dass Betreiber von Atomkraftwerken keine eigenen Geldmittel investieren wollen. Der europaweite Ausbau von PV, Wind, Wasserkraft, Batterien und Wärmespeichern ist günstiger und schafft Fakten im Markt.
Bidirektionaler Betrieb von Speicherkraftwerken
Die Energielandschaft verändert sich grundlegend. Der Nord-Süd-Ausbau der Übertragungsnetze lässt die «Kupferplatte Europa» näher rücken. Aus Norden sind auch im Winterhalbjahr Strom-Überschüsse zu tiefen oder negativen Preisen zu erwarten. Davon kann die Schweiz profitieren.
Leistungserhöhungen (Pumpen, Druckleitungen, Generatoren) bei Stauseen, die bisher einmal pro Jahr geleert wurden, können dank häufigen Hellbrisen (Sonnenschein und Wind gleichzeitig) mehrmals pro Jahr beschickt werden. Alleinstellungsmerkmal ist deren zeitliche Reichweite. Batteriespeicher liefern Strom während 2 bis 10 Stunden, Saisonspeicherseen während Tagen oder Wochen.
ETH-Studien zeigen, dass eine Verknüpfung der grössten Schweizer Speicherseen – Mauvoisin und Lac des Dix (Kanton Wallis) – 2 bis 5 Gigawatt zusätzliche Leistung ermöglichen würde, mit Mehrwert an den alpinen Standorten.
Spitzenkraftwerke im gepuffertem Umwälzbetrieb entlasten die Fliessgewässer. Die Sanierungen wegen «Schwall und Sunk» belasten den Strompreis aktuell mit 0,1 Rp./kWh (50 Mio. CHF/Jahr). Diese Kostenlast würde sinken, ebenso der Bedarf an Notkraftwerken (Gas) und damit die CO2-Emissionen. Die Qualität der Fliessgewässer und der Hochwasserschutz würden verbessert.
Energiepolitik als Teil der Klimapolitik
Die Schweiz hat das Pariser Klima-Abkommen ratifiziert. Ziel ist nicht bloss CO2-armer Strom, sondern die Dekarbonisierung von Wärme, Industrie und Mobilität:
- Im Landverkehr setzen sich Batterien durch, ebenso im intra-day-Ausgleich, zusammen mit Pumpspeichern und Demand-Side-Management.
- Eine Modernisierung der Speicherkraftwerke erschliesst neue Ertragsquellen im Aussenhandel, zum Beispiel zur Absicherung von Dunkelflauten (Windstille ohne Sonnenschein).
Sachplan Winterstrom
Die Höhe des Importbedarfs im Winterhalbjahr ist nicht in Stein gemeisselt. Windenergie, Winter-PV-Anlagen oberhalb der Nebeldecke und PV-Fassaden können fossile und nukleare Abhängigkeiten durchbrechen. Dafür braucht es einen «Sachplan Winterstrom», der die Kantone in die Pflicht nimmt.
Rechtsanspruch auf dynamische Tarife
Batterien, Speicher und Steuerungen sind billiger als neue Netzausbauten. Digitalisierung und dynamische Netzgebühren können Verteilnetze entlasten. Da viele Verteilnetzbetreiber zögern, wäre ein Rechtsanspruch auf standardisierte dynamische Tarife, deren Höhe sich zeitlich gestuft an der Netzauslastung orientiert, zu begrüssen.
Eine integrierte Energiestrategie muss vieles vereinen:
- Rückkehr zum politischen Konsens. Die Absicht des Bundesrats, neue AKW wieder zulassen zu wollen, missachtet Volksentscheide von 2017, 2023 und 2024. Die energiepolitische Spitzkehre gefährdet die Energiestrategie 2050. Sie führt zu Stillstand, von dem nur die fossilen Energien profitieren würden.
- Finanzierung durch Netzzuschlag. Die Digitalisierung der Netze, neue Speichertechniken und Sektorkopplung könnten mit Beiträgen aus dem Netzzuschlag unterstützt werden. Das ist verkraftbar, wenn die hohen Einspeisevergütungen älterer PV-Anlagen auslaufen und wenn die Zahl der Stunden mit sehr tiefen Strompreisen weiter ansteigt.
- Zusammenarbeit Bund, Kantone, Gemeinden. Die Elektrifizierung mit Sektorkopplung inkl. Schärfung von Wasserkraft und Photovoltaik erfordert strategische Kohärenz. Alle Staatsebenen müssen am gleichen Strick ziehen.
- Vertragssicherheit und neue Netze. Internationaler Stromhandel, Netznutzung und Marktzugang erfordern Rechtssicherheit mit Kontinuität.
- Saison-Kraftwerke neu mit Pumpbetrieb. Die Flexibilität durch Pumpspeicherwerke wäre bis 2050 zu verdoppeln (+5 TWh/a). Auch Wärmespeicher mindern die Stromlast: Erdregister, Eisspeicher, Wasserspeicher und Sandbatterien (> 400 Grad Celsius), Nah- und Fernwärmenetze sind strategisch gleichwertig und wären entsprechend zu fördern.
- Versorgungssicherheit. Windenergie, PV an Höhenlagen sowie Fassaden-PV benötigen einen «Sachplan Winterstrom» und entsprechende Auktionen.
- Dynamische Netztarife. Die Höhe der Netzgebühren muss sich stärker an der Auslastung der Netze orientieren. Ein genereller Rechtsanspruch sollte den flexiblen Lasten sofort eingeräumt werden (Speicher, Ladestationen, Industrie) und später für alle Bezüge gelten.
Dr. Rudolf Rechsteiner
Ökonom, Dozent für Projektentwicklung im Bereich der erneuerbaren Energien an der ETH Zürich
Wissenschaftsbeirat der SES, alt Nationalrat