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Hitzeanpassung ist mehr als klimatisieren

Marcel Hänggi,

Klimaanlagen können eine sinnvolle und manchmal notwendige Technik der Hitzeanpassung sein. Aber die Verengung der Debatte auf Klimaanlagen blendet vieles aus.

Die Hitzewellen dieses Sommers haben eine Debatte über den Umgang mit der Hitze ausgelöst. Das ist grundsätzlich gut so – doch diese Debatte wurde sehr verengt geführt, indem sie hauptsächlich auf eine Strategie fokussierte: die Raumkühlung mit Klimaanlagen.

Europaweit fällt auf, dass rechte bis rechtsextreme und Klimawandel-leugnerische Stimmen am lautesten nach Klimaanlagen riefen, so etwa Marine Le Pen in Frankreich oder die AfD in Deutschland. Das Narrativ lautet: Umweltschützer:innen sind gegen Klimaanlagen und nehmen dafür Tote in Altersheimen in Kauf. So sagte der AfD-Bundestagsabgeordnete Marc Bernhard: «Der Klimawahn führt zu mehr Hitzetoten durch ideologische Baufehler wie den Verzicht auf Klimaanlagen.»

Von einem «Kulturkampf» zwischen Europa und Nordamerika war mehrfach die Rede und in den USA, wo 90 Prozent aller Wohnungen über eine Klimaanlage verfügen, schüttelten auch moderate Kommentator:innen den Kopf darüber, dass es in Europa so wenige Klimaanlagen gibt.

Was ist aus einer energiepolitischen Sicht zum Thema zu sagen?

Noch geringer Energieverbrauch, aber …

Zunächst könnte man für die Schweiz und Europa sagen, dass es sich nicht lohne, wegen ihres Energieverbrauchs über Klimaanlagen zu streiten: In der EU gehen laut Eurostat 0,8 Prozent des Gesamt-Energieverbrauchs der Wohnungen auf das Konto der Raumkühlung. Für die Schweiz fehlen solche Zahlen, aber die Klimaanlagen-Dichte hierzulande ist noch deutlich geringer als in der EU – etwas mehr als 5 Prozent der Wohnungen hierzulande dürften über eine Klimaanlage verfügen.

Doch erstens steigt die Zahl der Klimaanlagen und zweitens wird die Zahl der Hitzetage schnell zunehmen. Forschende der Empa haben geschätzt, dass die Schweizer Haushalte in einem Extremszenario im Jahr 2050 «vergleichbare Energiemengen für Kühlung und Heizung benötigen könnten». In einem moderaten Szenario läge der Bedarf 2050 bei jährlich 5 TWh, das sind 8 Prozent des heutigen Stromverbrauchs.

Dabei spielt auch die verwendete Technik eine Rolle: Die billigen, mobilen Monoblock-Klimaanlagen sind äusserst ineffizient. Die effizienteren, fix installierten Split-Geräte sind teuer und benötigen in den meisten Kantonen eine Baubewilligung. Am effizientesten sind Wärmepumpen-Heizsysteme, die auch kühlen können – mit ihnen stiege der Stromverbrauch laut den Empa-Forschenden im moderaten Szenario bis 2050 nur um 2 statt 5 TWh.

Die Verengung der Debatte

Das Hauptproblem an der Hitzedebatte dieses Sommers liegt aber in ihrer Verengung auf den Techno-Fix namens «Klimaanlage». Denn diese Verengung lenkt von Wichtigem ab. Es ist kein Zufall, dass die Leugner:innen und Verharmloser:innen der Klimakatastrophe am lautesten nach Klimaanlagen rufen.

Wer die Antwort auf die Hitze nur in Klimaanlagen sieht, bürdet erstens die ganze Verantwortung den Individuen auf und blendet aus, dass das Leiden an der Hitze auch ein Ausdruck sozialer Ungleichheit ist: Armutsbetroffene wohnen viel eher in Wohnungen, die sich im Sommer stark aufheizen, und arbeiten viel eher in Hitze-exponierten Berufen. Gerade sie aber können sich eine Klimaanlage meist nicht leisten (und wären sowieso auf den Goodwill des Vermieters angewiesen). Umso wichtiger sind deshalb öffentliche Lösungen wie so genannte Climate shelters – für alle zugängliche gekühlte Aufenthaltsräume, wie sie Städte etwa in Frankreich, Spanien oder Portugal einrichten – und arbeitsrechtliche Schutzmassnahmen wie obligatorische Pausen, wie der Kanton Genf sie eingeführt hat.

Zweitens blendet die Verengung der Debatte die Notwendigkeit aus, mittel- und langfristige Massnahmen zu ergreifen, und das heisst zuallererst natürlich: die Treibhausgase so schnell wie möglich auf netto null zu senken. Nötig sind aber auch Anpassungsmassnahmen wie Begrünungen des öffentlichen Raums, Schwammstadt-Konzepte oder die Renaturierung von Gewässern. Der Schweizerische Städteverband fordert in seinem Positionspapier «Erfolgreiche Klimaanpassungspolitik – wie gelingt die klimaangepasste Stadt?» vom Juni 2026 vom Bund und den Kantonen Fachwissen, finanzielle Ressourcen und interdisziplinäre Zusammenarbeit, mehr Handlungsspielraum für die Städte und zielführende Rahmenbedingungen.

Alternativen zur Klimatisierung

Drittens ignoriert die Fokussierung auf die Klimaanlagen, dass sich Räume auch anders kühlen lassen. Das World Resources Institut empfiehlt eine Kaskade von Massnahmen: Zuerst muss man die Hitze daran hindern, ins Gebäude zu gelangen (durch Beschattung und richtiges Lüften), zweitens die interne Wärmeproduktion vermindern, drittens die Wärme innerhalb der Gebäude managen, viertens passiv ventilieren (durch Bauweisen, welche die Luftzirkulation fördern) und fünftens aktiv ventilieren (durch Ventilatoren). Erst, wenn all dies nicht mehr hilft, braucht es aktive Kühlung durch Klimaanlagen oder reversible Wärmepumpen.

Und das Vierte, was die Debatte ausblendet: Entscheidend für den Umgang mit der Hitze sind soziale Normen. Massnahmen zur Hitzeminderung verändern diese Normen. Je mehr es normal wird, dass es in Innenräumen auch im Sommer nie wärmer als 22 Grad wird, je mehr stark gekühlte Räume sogar zur Prestigesache werden, desto mehr sinkt ist die Bereitschaft (und Fähigkeit), mit Hitze umzugehen, desto mehr steigt der Druck, noch mehr Räume zu kühlen und desto stärker ist stigmatisiert, wer sich keine Raumkühlung leisten kann.

Menschen lebten immer schon auch in subtropischen und tropischen Klimata; sie haben Techniken gefunden, damit umzugehen – von Sozialpraktiken wie der Siesta bis zu Hitze-angepassten Baumaterialien und Bauweisen. Die Klimaanlage hat solche vernakuläre Techniken vielerorts verdrängt. Die Vorstellung, Menschen könnten nur in einem engen Bereich von Temperaturen gut leben und (wirtschaftlich produktiv sein) und dieser Temperaturbereich lasse sich nur durch Klimaanlagen erreichen, ist auch eine kolonialistische Idee.

Fazit

Die Schweizerische Energie-Stiftung anerkennt, dass Klimaanlagen in manchen Fällen notwendig sind, gerade auch zur kurzfristigen Klimaanpassung. Wie jede Technik ist aber auch die Raumkühlung durch Klimaanlagen nur sinnvoll, wenn sie zweckmässig genutzt wird. Zweckmässig sind Klimaanlagen dort, wo Kühlung ein echter Bedarf und kein blosser Luxus ist und mit passiven Mitteln nicht erreicht werden kann.

Das Thema Hitzeanpassung ist zu wichtig, um auf die Klimaanlage reduziert zu werden. Hitze muss in ihrer sozialen Dimension verstanden werden. Zu den Alternativen, wie mit Hitze umgegangen werden kann, gehören auch öffentliche Angebote wie Climate shelters und Sozialpraktiken wie die Siesta oder allgemeiner ein flexibilisierter Umgang mit Arbeits- und Unterrichtszeiten. Raumkühlung aus blossem Komfort- oder gar Prestigebedürfnis unterminiert die Bereitschaft, mit hohen Temperaturen umzugehen.

Und vor allem darf die Diskussion über Klimaanlagen nicht von der Pflicht ablenken, mittel- und langfristig klimapolitisch zu handeln: die Treibhausgasemissionen schnellstmöglich zu senken und Städte und Umland durch Begrünungen, Schwammstadt-Konzepte, Renaturierungen und eine allgemeine Stärkung ökologischer Infrastrukturen hitzeresilient anzupassen.

Zum Downloaden:

«Hitzeanpassung und Kühlung». Positionspapier der Schweizerischen Energie-Stiftung vom Juli 2026.

Lektüretipp:

Jan Eike Dunkhase zeichnet in «Kühle neue Welt. Eine Geschichte der Moderne» (Reclam Verlag, Ditzingen 2026, 288 Seiten) die Kulturgeschichte des Kühlens von der Lebensmittelkonservierung bis zur Klimaanlage als eine Geschichte sozialer Distinktion.

Fachbereich Energiesuffizienz & Klima

Marcel Hänggi

Leiter Fachbereich Nachhaltige Energienutzung & Klima
+41 44 275 21 29
marcel.haenggi@energiestiftung.ch



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