«Wir brauchen Störenfriede, die aus dem Mainstream ausbrechen»

Der Ökonom Niko Paech theoretisiert über und lebt selbst die Suffizienz. Erst einmal hat er – gezwungenermassen - ein Flugzeug bestiegen. Mit seiner Wachstumskritik gilt er als Enfant Terrible der Wirtschaftszunft. Die Klimadebatte hat zu einer steigenden Popularität der von ihm geprägten Postwachstumsökonomik beigetragen. Die SES hat sich mit ihm über Genügsamkeit und Wachstumswahn ausgetauscht.

Interview von Tonja Iten,
Wissenschaftliche Mitarbeiterin SES

E&U: «Small is Beautiful» lautet eine Redewendung, um das Prinzip der Suffizienz zu übersetzen. Was halten Sie von diesem Prinzip?

Niko Paech: Als junger Mensch war ich begeistert vom gleichnamigen Buch von Ernst Friedrich Schumacher, bereits 1973 vorgelegt. Darin geht es um eine ganz andere Arbeits- und Technikwelt, dezentral und auf kleinen Einheiten beruhend. Also vorderhand nicht um Suffizienz, doch als Anhänger der buddhistischen Wirtschaftslehre hat er Konzepte der Genügsamkeit als Basis gelegt. Das Buch propagiert eine technikkritische Haltung und eine sogenannte mittlere Technologie, das heisst Werkzeuge sollen die Menschen zusammenbringen und ihre Arbeit verstärken, aber nicht ersetzen. Die Arbeit selbst habe erst mal den Zweck, dass Menschen sich entwickeln und gemeinsam etwas erschaffen, und dient erst an dritter Stelle der Einkommenserzielung, folglich einer bescheideneren Ausformung von Wirtschaft und Dasein.

Und welche Rolle spielt die Suffizienz in ihrem Wirtschaftskonzept, der sogenannten Postwachstumsökonomie?

Suffizienz kennt drei Erscheinungsformen: Erstens die Reduktion eines bestimmten quantitativen Konsumnachfrageniveaus, z.B. den Fleischkonsum zu reduzieren – was nicht heisst, gar kein Fleisch mehr zu essen. Zweitens die Selbstbegrenzung, etwa ein einmal erreichtes Konsumniveau nicht weiter zu steigern - auch wenn es finanziell möglich wäre. Drittens die grundsätzliche, ja radikale Entsagung, also gewisse Dinge kategorisch aus dem Leben rauszuhalten, beispielsweise niemals zu fliegen. Jedes Nachhaltigkeitskonzept, dass nicht zuvorderst auf Suffizienz abstellt, ist nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt steht. Denn keine Technologie ist auch nur theoretisch in der Lage, unseren derzeitigen Wohlstand von ökologischen Schäden zu entkoppeln. Suffizienz ist nicht alles – aber ohne Suffizienz, ist alles, was wir im Nachhaltigkeitsdiskurs diskutieren, nichts.

Kein Überleben ohne radikale Entsagung, das klingt ziemlich drastisch. Wie kommen wir als Gesellschaft dorthin?

Ganz einfach - oder ganz schwer, je nach Betrachtung. Der Homo Sapiens ist ein soziales Wesen. Er beobachtet andere, imitiert deren Praktiken, wird umgekehrt von anderen beobachtet. Diese soziale Interaktion ist das Medium, durch das sich neue Dinge verbreiten. Die Letzteren entstammen Nischen, Reallaboren, sozialen Experimentierfeldern, aus denen heraus Pioniere oder Störenfriede, die aus dem Mainstream ausbrechen, eine völlig neue, suffiziente Praxis vorleben. Das kann auf Widerstände und Ignoranz stossen, dennoch ist dies in Demokratien der Weg jeglicher gesellschaftlichen Veränderung.

Damit sich Mehrheiten für neue Daseinsformen bilden, müssen diese von Eliten erprobt und praktiziert werden, so dass ihre Funktionsfähigkeit und Vorzüge sichtbar werden. Eine avantgardistische Suffizienz-Minderheit kann niemals Wahlen gewinnen. Doch sie kann vollendete Tatsachen schaffen, beispielsweise ohne SUV, Fliegen, Fleisch, Eigenheim oder Apple-Endgerät glücklich existieren.

Gleichzeitig wird uns ja dauernd das Gegenteil verklickert, ohne SUV und Co. sei kein glückliches Leben möglich. Wie kommt mensch dagegen an? Und ist denn der Prozess schnell genug, um die akuten Umweltprobleme zu meistern?

Die Frage ist irrelevant, weil es keine Alternative gibt. Die Coronakrise, Finanzkrise, Fukushima-GAU, Immigrationskrise, jetzt das Hochwasser-Desaster waren Eruptionen, die uns zeigen, dass unsere derzeitige Daseinsform nicht zukunftsfähig sein kann. Von Klima- und Biodiversitätsproblemen gar nicht erst zu sprechen … Krisen werden zum Treiber der Veränderung und zum Selektionsmechanismus, so dass aktuelle Lebensgewohnheiten auf den Prüfstand gestellt werden. Und das, was derzeit nur eine Avantgarde praktiziert, könnte sich als überlebensfähig herausstellen, wenn die Einschläge näher rücken.

Und die Politik: Was kann und muss diese tun?

Die Menschheit steht nicht nur am ökologischen Abgrund, sondern zusätzlich an einem anderen Wendepunkt, der einem weissen Elefanten ähnelt, über den ungern gesprochen wird: Die Versuche, den modernen Lebensstils von ökologischen Schäden zu entkoppeln, misslingen nicht nur systematisch, sondern verstärken das Problem.

Was heisst das? Bislang wurden Parteien immer dafür gewählt, dass sie den Menschen Umweltschutz versprachen – unter dem Vorbehalt, dass der Wohlstand dadurch nicht gefährdet würde. Genau dieses Versprechen ist nicht mehr einzuhalten. Aber wenn die Technik versagt, an die das Problem bislang delegiert wurde, müsste die Politik der Wählermehrheit zu einem genügsameren Lebensstil nötigen. Sie müsste also die seit dem zweiten Weltkrieg vorherrschende Maxime jeglicher Politik – bedingungslose Steigerung aller Wohlstandsoptionen – ins glatte Gegenteil umkehren. Das entspräche dem perfekten politischen Selbstmord, ausser es findet sich bereits eine hinreichende Quantität an Menschen, die bereit und fähig sind, genügsamer zu leben, so dass sich die Politik auf diese berufen kann. Es gibt tausend Probleme, die von der Politik direkt gelöst werden können. Aber nicht die Wachstumsfrage. Diese muss zunächst von der Zivilgesellschaft dezentral beantwortet werden.

Viele sagen, es brauche aber eben die richtigen Anreize seitens der Politik, gerade auch um bestehende Fehlanreize  zu beseitigen. Was ist mit Politikmassnahmen, die darauf abzielen, externe Kosten zu internalisieren?

Wenn es keine grünen Substitute für die meisten Güter und Praktiken geben kann, ist die Forderung, über geeignete Rahmenbedingungen die externen Kosten zu internalisieren, keine Lösung, sondern nur eine Umformulierung des Problems. Wenn eine Gesellschaft nicht bereit ist, ihre Ansprüche zu reduzieren, dann ist es gleich, ob ich die Dinge verbiete oder verteure. Es bleibt das Problem, dass dieselben Menschen, auf die diese Massnahmen angewendet werden, die Politiker:innen wählen müssten, die diese anwenden. Was dann herauskommt? Ende 90er hat die erste rotgründe Bundesregierung eine Ökosteuer eingesetzt, das klassische Instrument der Internalisierung. Die Höhe war so gering, dass kein Mensch etwas davon spürte. Gleichzeitig konnte aber jeder sagen, ich haben meine Schäden ausgeglichen, weil ich nun den wahren ökologischen Preis entrichtet habe und nun reinen Gewissens die nächste Flugreise buchen kann. Folglich birgt die Einführung einer Öko- oder CO2-Steuer das Risiko, kontraproduktiv zu wirken, weil sie sogar die ruinösesten Praktiken rechtfertigt. Besser als eine Preissteuerung wäre Mengensteuerung.

Also Kontingente auf Steaks und Flugmeilen?

Nein, sondern ein CO2-Budget für jeden Menschen. Zugleich können Verbote hilfreich sein, um die ruinösesten und zugleich überflüssigsten Praktiken von vornherein einzudämmen. Ein Verbot von Kreuzfahrten oder Flugverkehrseinschränkungen wären ein gutes Instrument. Beispielsweise Schülerreisen per Flugzeug – eine Dekadenz, die kein Mensch braucht und in der aktuellen Situation fast pervers ist – könnten direkt unterbunden werden.

Im Buch «All you need is less» plädiere ich für die Unterscheidung zwischen dekadentem Luxus und basalen Grundbedürfnissen. Es ist sozial gerecht, und damit vielleicht sogar politisch akzeptabel, reinen Luxus, der zugleich zerstörerisch ist, zu verbieten. Das betrifft die Ärmsten nicht, die fliegen nicht in die Karibik, essen keinen Kaviar und wohnen nicht auf 100 Quadratmetern. Auch in einer Demokratie existieren immer Verbote, wie etwa nicht bei Rot über die Ampel fahren zu dürfen.

Dann brauchen wir doch die Politik? Wir sollen wir zu einem Verbot von dekadenten Luxusreisen kommen?

Das war lediglich die Beantwortung, wie eine mögliche Politik aussehen könnte. So gesehen ist das in der aktuellen Situation nur ein Gedankenexperiment. Was aber, wenn die Klimakrise zu weiteren Eskalationen führt und – wie bereits erläutert – ein zunehmender Teil der Gesellschaft durch vorgelebte Praxis vorwegnimmt, was eine rationale Politik bewirken müsste? Dann geriete die Politik unter Handlungsdruck.

Bräuchten wir also ein anderes politisches System?

Ich halte mehr direkte Demokratie, die in der Schweiz bereits existiert, für sinnvoll. Aber Politik ist nicht alles. Sie muss versagen, wenn schon das Bildungssystem jegliche Individualethik pulverisiert, indem jungen Menschen technologischer Fortschritt und politische Rahmenbedingungen als Allheilmittel verkauft werden. Individuelle Verantwortung ist aus meiner Sicht nicht verhandelbar. Damit will ich nicht sagen, dass jegliche Verantwortung beim Individuum liegt. Aber es ist schizophren, wenn diejenigen, denen individuelle Verantwortung abgesprochen wird, dann zugetraut werden muss, dass sie über den Umweg der Politik eben doch eine verantwortbare Politik wählen sollen. Wer wählt eine Politik, die einem etwas aufoktroyiert, dass er freiwillig nicht zu tun gedenkt? Hier liegt ein Grundwiderspruch des Nachhaltigkeitsdiskurses, den wir noch nicht verarbeitet haben.

Der moralische Selbstanspruch der Bürger:innen muss wachsen. Wie schaffen wir das? Ist unsere Kultur zu mehr Moral einfach nicht fähig?

Natürlich, aber Kultur ist ja nicht Granit, sondern veränderbar. Veränderungsprozesse sind manchmal langwierig und schwierig, doch gibt es keinen anderen Weg. Doch wenn meine Prognose stimmt, werden auch die Widersprüche unserer Lebensweise jeden Tag offensichtlicher. Noch verdrängen wir sie, weil wir hier in Europa eine Insel der Glückseligen geschaffen haben, aber diese werden wir von den Konsequenzen unserer Lebensweise nicht länger freihalten können. Dieser Druck wird es sein, der die Menschheit verändert.

Aber dies ist kein Grund fatalistisch zu werden. Wenn ein breites Spektrum an Lebens- und Versorgungsweisen existiert, sind mehr Krisenbewältigungsmittel verfügbar. Egal ob diese von einer Mehr- oder Minderheit in Szene gesetzt werden. Darum ist es so wichtig, die Widerstandsnester der Wachstumsverweigerer zu wahren und würdigen. Noch werden sie verlacht, aber warten wir mal bis zur nächsten Überschwemmungskatastrophe oder Pandemie. Wir denken, wir können sie wegimpfen – eine kurzfristige Schönheitsoperation. Langfristig werden wir das Mensch–Natur–Verhältnis verändern müssen. Mit unserer aktuellen Lebensweise können wir dem Druck nicht standhalten.

Spätestens seit 1972 spricht mensch von den Grenzen des Wachstums – und noch immer ist es eine Nischenbewegung. In 10 Jahren aber wird es anders sein, ist das Ihre Prognose?

Es lassen sich sehr wohl konkrete Konsequenzen aus der wachstumskritischen Debatte beobachten: Insbesondere viele Projekte, Netzwerke, Einzelpersonen, die versuchen, dieser Herausforderung durch eine genügsame Lebenspraxis zu begegnen. Inzwischen existieren viele Studien und empirische Analysen, die eine Wirtschaft ohne Wachstum beschreiben und wie das Leben dann aussähe.

Nochmals zur Politik. Vor einigen Wochen wurde von der Schweizer Bevölkerung das CO2-Gesetz verworfen, was ist Ihre Einschätzung hierzu? U.a. Flugticketabgabe, höhere Kompensationspflicht auf Treibstoffe hätten dazu führen sollen, energieintensiven, verschwenderischen Konsum zu verteuern und reduzieren. Doch sobald Einschränkung droht, sagen die Leute Nein.

Ich sehe dies als Bestätigung meiner These, dass wir uns nicht auf die Politik oder gesellschaftliche Mehrheiten verlassen dürfen. Sondern dass alle, die ernsten Klimaschutz fordern, selbst aktiv werden müssen. Eine Forderung, die schon im Selbstversuch scheitert, ist weder konsistent noch glaubwürdig, und hat keine Veränderungswirkung. Es besteht kein Mangel an Umweltbewusstsein oder Problemwissen. Alle übertrumpfen sich damit, in einer politisch korrekten oder woken Gesellschaft das moralisch Korrekte zum Ausdruck zu bringen. Dies kann sogar eine Ersatzbefriedigung sein, um von der tatsächlichen Praxis abzulenken. Diese Doppelmoral macht auch vor der jungen Generation nicht Halt. Hinzu kommt eine fast religiöse Technikgläubigkeit. Die Politik ist in einer Zwickmühle, denn sie erhält aus der Zivilgesellschaft zwei widersprüchliche Signale. Erstens, tut endlich etwas gegen den Klimawandel. Zweitens, vermehrt oder erhaltet unseren Wohlstand! Dies entspricht der Quadratur des Kreises. Folglich setzt die Politik nur symbolische Nachhaltigkeit in Form rein additiver Massnahmen um, damit sie wählbar bleibt und die Wähler:innen ein ruhiges Gewissen haben. Die fliegen weiterhin in die Karibik, konsumieren um die Wette, aber klopfen sich auf die Schulter, weil sie die «richtige» Partei gewählt haben, Ökostrom beziehen und ihr Geld in Windenergie investieren.

Das grüne Wähler:innen-Paradoxon … Zum Wohlstand: Hierzulande lautet also die Forderung, diesen zu erhalten. Doch in anderen Weltgegenden muss erst mal ein lebenswürdiges Niveau an Wohlstand geschaffen werden.

Ja, aber woher wissen Europäer eigentlich, was eine hinnehmbare Lebensqualität in Afghanistan oder im Tschad ist? Es ist anmassend, dem globalen Süden zu unterstellen, er benötige erst mal ein Entwicklungsniveau, das nach unseren Massstäben vertretbar ist. Lauert hier nicht ein kultureller Kolonialismus? Dazu trägt sicher der globale Personenverkehr, insbesondere der Tourismus, bei: Unser allgegenwärtiges Auftreten im globalen Süden überträgt zwangsläufig unsere Massstäbe für ein gelungenes Leben inklusive der Botschaft «Du könntest es so viel besser haben». Damit zerstören wir die Stabilität bislang funktionsfähiger Kulturen, auch wenn sie genügsamer waren. Viele Entwicklungsprojekte zielen darauf, nicht die basalen Bedürfnisse im jeweiligen kulturellen Gefüge zu decken, sondern ein kleines Abbild unseres mitteleuropäischen Modells zu schaffen. Globale Gerechtigkeit kann nur heissen, dass jeder Mensch auf diesem Planeten dasselbe Recht hat, ein bestimmtes Quantum an ökologischem Verbrauch in Anspruch zu nehmen. Bezüglich des Klimawandels heisst dies, eine Tonne Treibhausgase pro Kopf und Jahr. Doch diese eine Tonne ist nicht kompatibel mit dem mitteleuropäischen Wohlstand.

Wie kriege ich nun den Schweizer dazu, seine Treibhausgasemissionen um 12 Tonnen CO2-Äquivalente zu reduzieren?

Es ist nicht meine Verantwortung, die Mehrheit der Schweizer:innen von der Notwendigkeit einer genügsameren Lebensweise zu überzeugen, ich kann nur Empfehlungen geben. Direkt erreichen lassen sich aber sehr wohl diejenigen, die jetzt schon bereit sind, ihr Dasein im Sinne des nötigen Überlebensprogramms zu verändern, um damit ein kopierfähiges Beispiel zu geben. Damit wird – gemäss einer demokratischen Verständigung – eine Frage an die Gesellschaft gerichtet: Wollt Ihre, liebe Bürger:innen, globale Verantwortung für das Überleben der menschlichen Zivilisation übernehmen oder nicht? Der Ausgang des Spiels ist praktisch zwar offen, aber theoretisch nicht neutral. Denn jede Vorstellung von Humanismus legt nahe, dass das Überleben dem Untergang vorzuziehen ist. Daraus leitet sich eine Pflicht ab, alles zu tun, um nicht kampflos unterzugehen. Deshalb sitzen wir hier und reden über das Thema. Wir spielen nicht um die EM oder WM, sondern die galaktische Meisterschaft im ökologischen Überleben. Mal schauen, ob wir wenigstens ins Viertelfinale kommen.

Wenn Sie nun Schiedsrichter wären, an Gottes Hebel oder zumindest am politischen Drücker sässen, was würden Sie tun?

Ich würde an vielen Stellen auf die Bremse treten. Zunächst würde ein Bodenversiegelungsmoratorium verhängt – kein Quadratmeter dürfte mehr verbaut oder einer ökonomischen Verwertung zugeführt. Dann müsste die Nachhaltigkeitspolitik an den individuellen ökologischen Verbräuchen, also den Lebensstilen ausgerichtet sein. Natürlich gelänge in der Schweiz oder Deutschland nicht von heute auf morgen eine Reduktion von 12 auf 1 Tonne an CO2 pro Kopf und Jahr, aber eine stufenweise Verringerung innerhalb der nächsten Jahre wäre unabdingbar. Drittens wäre eine Arbeitszeitverkürzung auf durchschnittlich 20 Stunden pro Woche anzupeilen, um Vollbeschäftigung bei halbierter Industrieproduktion zu erzielen. So liesse sich grösseres soziales Ungemach verhindern. Ich würde in jeder Stadt ein Ressourcenzentrum einrichten: Ein Lernort, an dem Menschen eine globalisierungsfähige Lebensführung erproben und umsetzen, durch Reparatur, Gemeinschaftsnutzung und eigene Güterproduktion. Universitäten würden massvoll zurückgebaut, um den Akademisierungswahn zurückzudrängen.

Dass eine Wissensgesellschaft nachhaltig sei, dürfte zu den fatalsten Irrtümern zählen. Akademisch gebildete Menschen verbrauchen die meisten Ressourcen. Hingegen fehlen Handwerker:innen für eine Wirtschaft, die weniger industrialisiert und globalisiert ist. Denn über die Auslagerung von Umweltschäden rechnen wir uns schön. Die Schweiz ist da Vorreiter: 60% der von hiesigen Bürger:innen verursachten Umweltschäden finden nicht in der Schweiz statt. Trotzdem halte ich die inländische Schweizer Wirtschaft für vorbildlich. Es bedarf einer Ertüchtigung junger Menschen, wieder im Handwerk und in der Landwirtschaft zu arbeiten.

In Deutschland werden massenhaft Fremdarbeiter:innen gebraucht, um Spargeln zu stechen, weil keine jungen Menschen zu finden sind, die sich das antun wollen. Stattdessen fliegen sie nach dem Abitur um den Planeten, absolvieren Auslandsemester in Port Elizabeth, Praktika in Nicaragua, und sind stolz darauf, die Welt zu verbessern. Die aktuelle Bildungspolitik ist ursächlich für einen lebensbedrohlichen Realitätsverlust.

Es braucht einen gerechten Preis für die Spargel.

Absolut. Und ob wir so viel Spargel brauchen, weiss ich nicht. Falls doch empfehle ich Gemeinschaftsgärten. Die Rückkehr zur teilweisen Selbstversorgung wäre eine wichtige Massnahme, das kann in Kommunen sehr gut gefördert werden. Man könnte in jeder Kommune ein Amt für Subsistenz haben: aus Expert:innen, die neue Möglichkeiten projektieren, Menschen dabei helfen, Flächen und Werkstätten finden, Kurse und Vernetzung anbieten.

Das klingt schon etwas nach Utopie.

Nein, erstens verbreiten sich derlei Versorgungsformen stetig und zweitens werden die kommenden Krisen zum Schrittmacher einer weiteren Entwicklung in diese Richtung.

Sie würden sich also eher als Realisten, statt Fundi, bezeichnen?

Ein Blick auf die Krisenreaktionsmuster der letzten Jahre ist lehrreich: als Merkel auf die Finanzkrise hin Kurzarbeit etablierte, leitete sie (versehentlich) etwas ein, was einer Postwachstumsökonomie gar nicht so abträglich ist. Wenn die Wirtschaft schrumpft, ist dafür zu sorgen, dass niemand komplett ohne Arbeit und die Unternehmen nicht ohne ihre Wissensträger:innen dastehen. Politiker:inen können nicht riskieren, dass ihnen die Gesellschaft um die Ohren fliegt. Deshalb müssen sie in einer Krisensituation das Vorhandene gerecht bewirtschaften und die Fähigkeit der Menschen fördern, mit den Krisenfolgen klarzukommen.

Durch Eskalation werden wir also gezwungen sein, anders zu produzieren und konsumieren. Aber glauben Sie wirklich, dass es dann gerechter vonstatten gehen wird?

Ja, durchaus. In erster Linie werden es Luxusgüter sein, die dann nicht mehr finanziert und in ihrem Gebrauch aufrechterhalten werden können. Einer der führenden Wirtschaftshistoriker Deutschlands hat anhand der Forschung zur Weltwirtschaftskrise der 20er der (alten linken) These widersprochen, dass in Krisenzeiten die Reichen gut wegkommen.

Der beste Krisenschutz besteht darin, sich nicht an überzogene Ansprüche gewöhnt zu haben, sondern nur solche zu stellen, die selbst oder im Rahmen nahegelegener Netzwerke und Kooperationen befriedigt werden können. Gärtnern, reparieren, selbst kochen, musizieren, lesen, Dinge mit anderen teilen oder Fahrradfahren und Wandern kann ich auch in der Krise, aber Fliegen oder SUV kaufen eben nicht. Diejenigen, die jetzt schon einüben, mit weniger Geld ein würdiges Dasein zu haben, sind klar im Vorteil.

Dann sind Sie doch gewissermassen optimistisch.

Sie können dies Optimismus nennen, ich bleibe Realist.

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