Rösti allein zu Hause
Rudolf Rechsteiner,
Im Juni 2024 sagten 68,7 Prozent der Stimmberechtigten Ja zum «Stromgesetz». Saubere Stromerzeugung aus Wasserkraft, Sonne und Wind soll bis 2045 verdoppelt werden. So gibt es mehr als genug Strom, um die alten Atomkraftwerke abzuschalten und die CO₂-Emissionen gegen null zu bringen, inklusive neuer Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge und Rechenzentren.
Spitzkehre im Bundesrat
Schon bald nach dem eindeutigen Volksentscheid beschloss der Bundesrat auf Druck von Albert Rösti, das seit 2017 bestehende AKW-Neubauverbot sei aufzuheben.
Im Parlament findet sich Unterstützung. Die aktuelle Energiestrategie 2050 soll «technologieoffen» untergraben werden. SP, Grüne, Grünliberale und Teile der Mitte-Partei wehren sich:
- Ein neues AKW wie etwa in Flamanville (F) würde etwa 30 Milliarden Franken kosten, höheres Preisniveau eingerechnet. Der Netzzuschlagsfonds mit 1 Milliarde Franken Einnahmen pro Jahr müsste 18 Milliarden beisteuern – und für Solarstrom, Wasserkraft und Windenergie bliebe kaum etwas übrig.
- Bandenergie aus Atomkraftwerken drückt auf die Strompreise. AKW laufen auch dann, wenn der Strom nicht gebraucht wird. Stromüberschüsse lassen sich nicht so einfach in Batterien, Wärmespeichern oder E-Mobilen verwerten wie bei der Photovoltaik. Laufwasserkraft, Wind- und Solarenergie geraten durch einen ruinösen Verdrängungswettbewerb unter Druck.
Teuer, langsam, gefährlich
Erfahrungen aus dem Ausland zeigen: Bei neuen Atomkraftwerken wurden Baukosten und Bauzeit regelmässig überschritten. Die zuständige Nationalratskommission (UREK) beschloss aber mit Stichentscheid, über Kosten werde nicht diskutiert.
Zuvor warnte die Finanzkommission: «Nirgends sind die Projektrisiken so hoch wie bei Kernkraftwerken». Dazu kommen Atommüll, das Risiko von Unfällen und die Uran-Abhängigkeit von Russland. Und «technologieoffen» war die Atomlobby noch nie. Seit Jahrzehnten blockiert sie die Energiewende mit allen denkbaren Mitteln, zum Beispiel mit Desinformationskampagnen wie der neuesten «Studie» des Atomkonzerns Axpo.
Darin wird neuer Atomstrom extrem billig dargestellt – billiger als erneuerbare Energien! Es koste den Bund nur 4,4 Rp./kWh, ein neues AKW zu bauen. Allerdings will die Axpo selbst keinen einzigen Rappen beisteuern. Zahlen solle der Staat. Für grossspurige Atompläne fehlt der Axpo aber die Rückendeckung. «Es gibt keinen Auftrag an die Axpo Holding, den Kanton mit Strom zu versorgen», schrieb der Zürcher Regierungsrat schon 2015. Die Axpo sei «vornehmlich eine Beteiligung aus finanziellen Interessen».
Auffällig auch: Die Atomkonzerne Alpiq und BKW sagen kein Wort dazu, denn sie wissen: Für Atom-Abenteuer würden sie an der Börse sofort abgestraft. Ihre Bonität wäre in Gefahr. Auch beim Bundesamt für Energie und an den Hochschulen findet sich keine einzige ernstzunehmende Studie oder Fachperson, die den Bau neuer Atomkraftwerke anstelle von erneuerbaren Energien empfiehlt.
Falsch gerechnet
Die Atomlobby mag zwar jubeln über ihren willfährigen Magistraten Albert Rösti. Sie macht die Rechnung aber ohne den Wirt: Atomstrom entfernt sich durch den Preiszerfall für Solarmodule und Batterien immer weiter von der Wettbewerbsfähigkeit. Er würde auf dem Papier etwa 20 Rp./kWh kosten (s. Abbildung), das meiste davon sind Fixkosten (Zinsen, Personal).
Doch diese Rechnung ist unvollständig: Im Sommerhalbjahr lässt sich Bandenergie gar nicht länger verkaufen, denn Solarstrom und Batterien füllen die Netze, wie man in Kalifornien heute schon sieht. Also müsste man die hohen Kosten allein auf die Wintermonate verteilen. Die Kosten könnten sich so auf ca. 35 Rp./kWh verdoppeln. Nur: Im Winter kommt dem Atomstrom billiger Windstrom aus Europa in die Quere. Die Strompreise in der Schweiz werden in der EU gemacht. Der Verkauf von Atomstrom bliebe selbst im Winterhalbjahr also an vielen Tagen unsicher.
Chancen nutzen – Erneuerbare speichern
Die Schweiz hat viel bessere Lösungen als Atomstrom:
- Windenergie ist bei uns seit Jahrzehnten blockiert, hätte aber mit 66 Prozent Winteranteil ein gutes Profil.
- Photovoltaik liefert 40 Prozent Winterstrom an Standorten auf den Jurahöhen und in den Voralpen. Zum halben Preis von neuem Atomstrom.
- Die Stromüberschüsse aus der Nordsee könnte man im Winterhalbjahr nutzen. Eine bidirektionale Bewirtschaftung der Saisonspeicher (Umwandlung zu Pumpspeicher-Wasserkraftwerken) könnte aus dem Netzzuschlag unterstützt werden. Die Versorgungssicherheit steigt, und im Stromhandel winken lukrative Mehreinnahmen.
Pumpspeicher und Batterien stabilisieren die Netze und schaffen Flexibilität. Neue Atomkraftwerke tun das Gegenteil. Ein teures, unnötiges Klumpenrisiko, das es abzulehnen gilt.
Studie zum Thema: Integrierte Energiestrategie – Lösungen statt Luftschlösser
Die Studie beschäftigt sich mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien in der Schweiz mit Blick auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Es wird vorgeschlagen, die in der Umsetzung begriffene Schweizer Energiestrategie 2050 integriert über die gesamte Energienutzungskette weiterzuentwickeln. Der exponentielle Zubau von Speichern erhöht die Auslastung der Netze. Der Zubau von erneuerbaren Energien senkt Kosten. Integration setzt voraus, dass die Netze digitalisiert und die Netznutzungsgebühren zeitlich dynamisch nach Auslastung gestaltet werden.
Die Zulassung neuer Atomkraftwerke wird aus Kostengründen ins Leere laufen. Grösstes Risiko ist das Abwürgen von Investitionen in Wind, Photovoltaik und Wasserkraft.
Hier zum Herunterladen (PDF 6,6 MB)
Dr. Rudolf Rechsteiner
Ökonom, Dozent für Projektentwicklung im Bereich der erneuerbaren Energien an der ETH Zürich
Wissenschaftsbeirat der SES, alt Nationalrat
