Angriffsziel Atomkraftwerke: Die Schweiz ist verwundbar
Die Kriege im Iran und in der Ukraine sind weit weg. Und doch ganz nah: Die Bedrohung steigt auch in der Schweiz. Vorfälle häufen sich. Ein Ausfall unserer kritischen Infrastrukturen im Energiebereich hätte Auswirkungen auf die Schweiz und ganz Europa – wie sicher sind sie?
«Staatliche russische und chinesische Akteure betreiben intensiv Cyberspionage gegen Schweizer Ziele», hält der Schweizer Nachrichtendienst NDB fest. Allein im Energie-Hotspot Aargau mit den drei Kernkraftwerken Beznau 1 und 2 sowie Leibstadt, dem grössten Schweizer Tanklager und dem Stern von Laufenburg, kam es in den beiden letzten Jahren zu zwölf Vorfällen. Acht davon betrafen gemäss Michael Leupold, Kommandant der Kantonspolizei Aargau, vorwiegend russische und chinesische Nachrichtendienste.
Drohnen über Laufenburg
Beobachtende sichteten im Herbst des vergangenen Jahres über dem Stern von Laufenburg Drohnen mit einer Spannweite von rund 2,5 Metern. Der Aargauer Mitte-Grossrat Daniele Mezzi – er wohnt selbst in Laufenburg – wollte in einer Interpellation von der Kantonsregierung Details über die Sicherheitsmassnahmen wissen. Zumal der Stern von Laufenburg das Rückgrat der europäischen Stromversorgung ist. Mit dieser Schaltanlage wurde 1958 das europäische Stromnetz gegründet. Der Stern von Laufenburg versorgt heute 530 Millionen Menschen in 30 Ländern mit Strom. Ein Ausfall wäre katastrophal. In ihrer Antwort betonte die Regierung die Zusammenarbeit von Kantonspolizei, Militär und der Betreiberin Swissgrid. Sie hielt jedoch fest: «Eine permanente Bewachung mehrerer Objekte durch die Kantonspolizei ist aufgrund ihrer Ressourcen nicht möglich.» Kommt hinzu, dass die Überwachung von Drohnen äussert schwierig ist: «Es gibt auf dem Markt kein System, das alle existierenden Drohnenarten aufspüren kann», sagt der Drohnenexperte Stefan Hunziker. Er ist Profipilot und Ausbilder bei den Polizeistellen von Genf, Waadt und Fribourg.

Bild: Umspannwerk «Stern von Laufenburg», © ETH-Bibliothek, Heinz Leuenberger
Für Beat Wittmann ist klar: «Unsere kritischen Infrastrukturen sind militärisch und zivil völlig ungeschützt.» Er ist zwar Finanzprofi (ex UBS, CS, Julius Bär) – hat sich in seiner Beratertätigkeit aber auf geo- und sicherheitspolitische Aspekte spezialisiert. Er diente selbst als Oberstleutnant und war zehn Jahre im Militärischen Nachrichtendienst (MND): «Wir haben 30 Jahre verschlafen», kritisiert er. Gegen ballistische Angriffe fehlten die militärischen Abwehrsysteme. Doch es brauche nicht zwingend einen Raketenangriff auf ein Kernkraftwerk oder eine Staumauer: «Mithilfe einer Drohne und einem Sprengsatz oder rustikaler mit einem Lastwagen könnten Angreifer einen Transformator oder die Schaltanlage in Laufenburg einfach ausser Kraft setzen und einen riesigen Schaden anrichten. Auch ein Kraftwerk benötige für den Betrieb und die Kühlung Strom.»
Gleich argumentiert Georg Häsler, NZZ-Militärpublizist und Oberst. Die Schweiz sei längst Ziel russischer Operationen, meint er. Russland könne aus einem Container oder einem Lastwagen heraus Kampfdrohnen starten und kritische Infrastrukturen – gerade im Energiebereich – in der Schweiz angreifen, wie man das in der Ukraine gesehen habe. «Ballistische Lenkwaffen und Marschflugkörper könnten unser Land problemlos erreichen. Dem wären unsere kritischen Infrastrukturen schutzlos ausgeliefert», so Häsler.
Fokus auf Resilienz
Das für den Bevölkerungsschutz zuständige Bundesamt BABS ist sich der Schwachpunkte bewusst. Es setzt deshalb bewusst auf Resilienz. Das stellt auch Isabelle Chappuis fest. Die Mitte Nationalrätin aus der Waadt gehört der Sicherheitspolitischen Kommission an und ist Präsidentin des Schweizerischen Zivilschutzverbandes: «Das Wort Resilienz taucht in jeder offiziellen Antwort auf», sagt sie. «Aber ohne Zeitplan, ohne Budget, ohne messbare Verpflichtungen.» Für sie grenzt das Vorgehen der Behörden an Bevormundung: «Man sagt der Bevölkerung nicht, wie es mit dem Schutz steht, man fordert nichts von ihr, man hält sie fern – als wäre sie unfähig, Verantwortung zu übernehmen oder die Wahrheit zu hören.» In dieses Bild passt das Verhalten des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats Ensi und der Betreiber Axpo und Swissgrid: Zum Schutz ihrer Anlagen sagen sie nichts.
Myriam Dunn Cavelty gibt Nationalrätin Chappuis recht. Die international renommierte Forscherin und stellvertretende Leiterin des Think Tanks des Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich ist eine grosse Anhängerin des Resilienzansatzes, sagt aber auch: «Man denkt ihn leider nicht bis zum Schluss. Wie kommt man dorthin? Wer muss etwas machen? Wo darf es wehtun? Das hat man bis jetzt noch nicht angeschaut», sagt die Sicherheitsexpertin. Für sie ist ausser Zweifel: «Wir sind nicht geschützt. Man kann nicht unsere gesamte Energieinfrastruktur schützen, man kann nicht überall Kameras und Leute aufstellen.» Wir müssten mit diesen Verwundbarkeiten leben. Deshalb setze das BABS zurecht auf das Konzept der Resilienz. «Es geht darum, wie schnell wir nach einem Vorfall wieder zum Normalzustand zurückkehren können.» Oder welche Möglichkeiten es gäbe, um einen Unterbruch zu überbrücken und welche anderen Mittel eingesetzt werden könnten.
Ein Beispiel für Resilienz in der Schweiz ist für Dunn Cavelty die Dezentralisierung von Wasserkraftwerken sowie von Solar- und Windanlagen. «Das Internet ist auch dezentral aufgebaut. Die Energiewirtschaft arbeitet schon lange mit resilienten Konzepten. Doch wie auch in der IT-Branche führte der wirtschaftliche Druck zu einer Konsolidierung des Marktes mit immer weniger Playern.» Ein anderes Beispiel nennt Beat Wittmann: Er fordert einen nationalen Sicherheitsrat mit Expert:innen aus Energie, Finanzen, Cyber, Armee und Supply Chain. Und unabhängig von der verzögerten Auslieferung der Patriot-Luftverteidigungssysteme hält Georg Häsler einen Schweizer Alleingang für falsch: «Wir können unsere kritischen Infrastrukturen nicht alleine schützen, weil wir eine Bedrohung aus Distanz ohne die Sensoren von Partnern gar nicht erkennen können. Wir sollten im strategischen Alpenraum eng mit Österreich und auch den grösseren Anrainerstaaten in einer verbindlichen Allianz zusammenarbeiten.»
Im Zentrum des Resilienzansatzes steht für Myriam Dunn Cavelty die Aussage: «Wir wissen, dass wir nichts verhindern können – aber wir können versuchen, zu verstehen, was man bei einem solchen Vorfall machen muss.» Für sie ist verständlich, dass Persönlichkeiten aus dem militärischen Umfeld auf Teufel komm raus aufrüsten wollen. «Das hat mit déformation professionnelle zu tun», ist sie gewiss. Das Militär spielt alle möglichen Gefahren und Szenarien durch: Was ist möglich? Wer könnte was machen? Wenn man die moderne Welt und unsere kritischen Infrastrukturen anschaut, ist ihrer Meinung nach sehr viel denkbar. «Dieses Denken geht stark von Verwundbarkeiten aus.» Wenn man so überlege, sehe man Tausende von Angriffsmöglichkeiten. Und man realisiere, dass man da und dort absolut nicht geschützt sei. «Dann siehst du eine riesige Bedrohung auf unser Land zukommen.» Und? «Diese Leute überlegen sich nicht, was für einen Gegner überhaupt Sinn macht.» Wenn man anfange, so zu denken, könne man die Lage besser einordnen.

Bild: AKW Gösgen, © KKG
Macht es Sinn, ein Schweizer Kernkraftwerk völlig zu zerstören mit dem Wissen, dass die austretenden radioaktiven Substanzen grosse Teile der Schweiz und Deutschlands verseuchen? Oder die Staumauer von Grande Dixence zu sprengen und so das ganze Rhonetal zu fluten? «Was bringt das einem Angreifer?», fragt Dunn Cavelty. Würde es nicht reichen, mit viel weniger Aufwand einen grossen Teil Europas vom Strom abzuschneiden? Linke und rechte Extremist:innen wollen ihrer Meinung nach schocken. Gerade der Linksextremismus habe eine lange Geschichte mit Angriffen auf Energieinfrastrukturen. Auch jüngst in Berlin waren bei einem konventionellen Brandanschlag auf Hochspannungsleitungen während bis zu fünf Tagen bis zu 100'000 Haushalte ohne Strom. Resilienz ist auch in Berlin ein Thema: Eine Arbeitsgruppe klärt, wie man solche Unterbrüche überbrücken und die Widerstandsfähigkeit des Netzes stärken kann. Dieser Brandanschlag zeigt Myriam Dunn Cavelty, dass es einfach ist, unsere Gesellschaft mit kleineren Störmanövern zu unterbrechen.
Hybride Kriegsführung
Bei Angriffen von Staaten hält die Forscherin die Frage nach Sinn oder Strategie für noch entscheidender. Besonders interessant ist für sie der hybride Bereich. «Es sind neue strategische Auseinandersetzungen, man will die Wehrhaftigkeit des anderen testen. Wie weit kann ich über die rote Linie gehen?» Im EU-Nato-Kontext mache das an der Grenze zu Russland Sinn. Stark überschätzt hat man laut Dunn Cavelty über Jahre die Cyberbedrohung. Ursprünglich ging man davon aus, dass dies sehr einfach und billig sei. «Inzwischen weiss man: Um gute Angriffe im Cyberbereich zu starten, muss man sehr viel Geld investieren und braucht erst noch erstklassige Leute sowie nachrichtendienstliche Erkenntnisse.»
Wenn jemand in ein Netzwerk bei einer kritischen Infrastruktur in der Schweiz eindringen wolle, habe er es nicht mit einem Microsoft-Computer zu tun, in dessen Netzwerk auch Hobby-Hacker gelangten. «Das sind Operationen, die Monate oder gar Jahre dauern und entsprechend ins Geld gehen.» Wenn man einen Schaden wie mit einer Bombe erzielen wolle, also die komplette Zerstörung einer Anlage, sei eine Cyberattacke nicht geeignet. In den letzten 20 Jahren sei es nur zu zwei oder drei Angriffen mit einem physischen Effekt gekommen. Die allermeisten Staaten setzten Cybermittel für Spionage ein. «Das macht Sinn: Du sitzt im Verborgenen vor einem Computer und schaust alle Daten an.»
Doch weshalb erhielt das Bundesamt für Cybersicherheit BACS allein im zweiten Halbjahr 2025 insgesamt 29'006 freiwillige Meldungen und 145 meldepflichtige Cybervorfälle? Meist handle es sich um Kriminalität, so Dunn Cavelty. «Die Zunahme zeigt, dass wir als Gesellschaft digitalisierter sind und das heisst, dass wir mehr Angriffsflächen haben.» Das sei vor allem für Kriminelle interessant. «Dort sehen wir, wenn ein Schaden entsteht. Bei allem andern gibt es eine riesige Dunkelziffer.» Eines weiss Dunn Cavelty: «Wenn ich in der Schweiz im Bereich Energie eine Anlage schädigen möchte, dann würde ich es ganz sicher physisch machen.»

Bild: Drohne Helsing HX2, © Helsing
Das beobachte man auch im Terrorismus: Die grössten Wirkungen erzielten Attacken, bei denen Terroristen mit einer Kalaschnikow in einen Club eindrangen und wild um sich schossen oder Fahrer mit ihren Autos in Menschenmengen rasten. «Auch im Ukrainekrieg ging man zu Beginn vom ersten wirklichen Cyberkrieg aus. Aber es kam nur zu wenigen Cyberattacken, der grosse Rest war Artillerie.» Und schon seit 30 Jahren hätten wir Angst vor gehackten Atomkraftwerken, die in die Luft fliegen. Allein mit Software ein Kernkraftwerk so zu manipulieren, sei aber schlicht nicht möglich.
Wichtiger wird das Spiel mit der Verunsicherung, Destabilisierung und Desinformation. Wenn Besucher:innen, wie letzthin russische Expats, ein Kernkraftwerk in der Schweiz besichtigen, können sie dort laut Dunn Cavelty vermutlich nichts ausspionieren, aber es ist ein symbolisches Zeichen von Machtdemonstration und Einschüchterung: «Schau, ich bin in deinem wichtigen Kernkraftwerk.» Und wenn grosse Schweizer Medien über diese Expats-Besuche von Russen in kritischen Energieinfrastrukturen und Spionage schreiben, verängstige man die Bevölkerung. Und schwäche die Resilienz.

Bild: Umspannwerk Laufenburg, © Swissgrid
AKW widersprechen Resilienz-Strategie
Aufgrund der verschlechterten Bedrohungslage richtet der Bundesrat die Sicherheitspolitik der Schweiz neu aus. Er will die Resilienz stärken, den Schutz und die Abwehr verbessern sowie die Verteidigungsfähigkeit erhöhen. Die Schweizerische Energiestiftung SES hält in ihrer Vernehmlassung zur Bundesratsstrategie fest, dass die Atomenergie keine stabilisierende, sondern eine hochriskante kritische Infrastruktur ist. Sie sei anfällig für Sabotage, Terrorismus, Cyberangriffe und militärische Einwirkungen. «Sie birgt im Ereignisfall ein Schadenspotenzial von nationaler Tragweite über Generationen hinweg.» Das stehe im klaren Widerspruch zur Strategie, die Resilienz zu stärken. Statt neuer AKW empfiehlt die SES deshalb, den Ausbau dezentraler, erneuerbarer Energiesysteme prioritär voranzutreiben, um Abhängigkeiten zu reduzieren und die Resilienz der Schweiz nachhaltig zu stärken.
von Max Fischer, Journalist
im Auftrag der Schweizerischen Energie-Stiftung SES
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