Deals statt rasche Abschaltungen

In Frankreich und der Schweiz sind mit den AKW Fessenheim und Mühleberg jüngst gleich drei Reaktoren in den Ruhestand gegangen. Diese nehmen eine Vorreiterrolle für die Stilllegung weiterer Atomkraftwerke in ganz Europa ein. Wie man es macht, und wie besser nicht, zeigt die Analyse des ehemaligen höchsten Schweizer Strahlenschützers André Herrmann im Auftrag der SES.

Zu teure Nachrüstungen

Für die Stilllegungsentscheide ausschlaggebend waren in beiden Ländern wirtschaftliche Gründe. Electricité de France (EDF) wusste bereits 2017, dass sie das AKW Fessenheim aus Kostengründen vom Netz nehmen muss. Trotzdem hat EDF die formelle Einreichung des Stilllegungsgesuchs auf 2019 verschoben. In dieser Zeit konnte EDF dem französischen Staat - notabene ihrem Mehrheitsaktionär - eine Entschädigung von über 400 Millionen Euro abringen, obwohl ein wirtschaftlicher Weiterbetrieb kaum möglich gewesen wäre, wie aus der Analyse von André Herrmann hervorgeht.

Mühleberg – Stilllegung ja, aber

Ähnlich sah die Situation für die Mühleberg-Betreiberin BKW 2013 aus. Nach Fukushima forderte die Schweizer Atomaufsichtsbehörde ENSI kostspielige Investitionen in die Sicherheit. Zu teuer für die BKW. Sie entschied sich für die Stilllegung, rang aber dem ENSI die Betriebsbewilligung bis Ende 2019 ab, statt nur bis 2017. Weil die BKW bereits früh wusste, dass sie Mühleberg 2019 vom Netz nehmen würde, konnte sie in Ruhe die Stilllegung vorbereiten und Gelder auf die Seite legen. Anders die EDF: Das Stilllegungsgesuch reichte sie zu spät und mit einer Vielzahl an Lücken ein. Selbst Monate nach der Stilllegung sind noch viele Fragen offen. Der Stilllegungsplan ist bereits heute in Verzug. «Die Vorbereitung der Stilllegung ist wichtig, darf aber nie auf Kosten der Sicherheit gehen», so die Einschätzung von Simon Banholzer, Leiter Fachbereich Atomenergie bei der SES. «Faktisch lief Mühleberg die letzten Jahre, ohne die  ursprünglich verlangten Sicherheitsvorschriften einzuhalten. Das ENSI drückte beide Augen zu.»

Fixe Abschaltdaten für mehr Sicherheit

Die beiden Fälle zeigen, dass sich Betreiberin und Aufsicht frühzeitig zusammensetzen müssen, um die Stilllegung aufzugleisen. Dabei sollte die Aufsicht bei der Sicherheit des Kraftwerks keine Kompromisse eingehen. Simon Banholzer bilanziert: «Hilfreich wären klar festgelegte Abschaltdaten. Sonst machen die AKW-Betreiber unter dem Druck der Wirtschaftlichkeit Abstriche bei der Sicherheit.»

» Analyse von André Herrmann (PDF, in französisch)
» Kurzfassung der Analyse auf deutsch

 

--

Fokus Frankreich

Die Modalitäten und das Tempo des Atomausstiegs der Schweiz werden in hohem Masse von Entwicklungen in Westeuropa – nicht zuletzt von Atommächten wie Frankreich und Grossbritannien – beeinflusst. Sie geben den Takt vor in Bezug auf Sicherheitsstandards und Laufzeitverlängerung bestehender AKW. Aus diesem Grund wirft die SES in einer Serie von Analysen den Blick auf Frankreich, die «Grande nation nucléaire». In loser Folge werden nach dem Auftakt durch André Herrmann, Präsident der Strahlenschutzkommission von 2005 bis 2012, weitere Analysen folgen.

» www.energiestiftung.ch/fokus-frankreich

 

Weitere Informationen

Simon Banholzer

Simon Banholzer
Leiter Fachbereich Atomenergie

Tel. 044 275 21 22
Mail: simon.banholzer@energiestiftung.ch
Twitter: @Simon_Banholzer

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Deals statt rasche Abschaltungen

In Frankreich und der Schweiz sind mit den AKW Fessenheim und Mühleberg jüngst gleich drei Reaktoren in den Ruhestand gegangen. Diese nehmen eine Vorreiterrolle für die Stilllegung weiterer Atomkraftwerke in ganz Europa ein. Wie man es macht, und wie besser nicht, zeigt die Analyse des ehemaligen höchsten Schweizer Strahlenschützers André Herrmann im Auftrag der SES.

Zu teure Nachrüstungen

Für die Stilllegungsentscheide ausschlaggebend waren in beiden Ländern wirtschaftliche Gründe. Electricité de France (EDF) wusste bereits 2017, dass sie das AKW Fessenheim aus Kostengründen vom Netz nehmen muss. Trotzdem hat EDF die formelle Einreichung des Stilllegungsgesuchs auf 2019 verschoben. In dieser Zeit konnte EDF dem französischen Staat - notabene ihrem Mehrheitsaktionär - eine Entschädigung von über 400 Millionen Euro abringen, obwohl ein wirtschaftlicher Weiterbetrieb kaum möglich gewesen wäre, wie aus der Analyse von André Herrmann hervorgeht.

Mühleberg – Stilllegung ja, aber

Ähnlich sah die Situation für die Mühleberg-Betreiberin BKW 2013 aus. Nach Fukushima forderte die Schweizer Atomaufsichtsbehörde ENSI kostspielige Investitionen in die Sicherheit. Zu teuer für die BKW. Sie entschied sich für die Stilllegung, rang aber dem ENSI die Betriebsbewilligung bis Ende 2019 ab, statt nur bis 2017. Weil die BKW bereits früh wusste, dass sie Mühleberg 2019 vom Netz nehmen würde, konnte sie in Ruhe die Stilllegung vorbereiten und Gelder auf die Seite legen. Anders die EDF: Das Stilllegungsgesuch reichte sie zu spät und mit einer Vielzahl an Lücken ein. Selbst Monate nach der Stilllegung sind noch viele Fragen offen. Der Stilllegungsplan ist bereits heute in Verzug. «Die Vorbereitung der Stilllegung ist wichtig, darf aber nie auf Kosten der Sicherheit gehen», so die Einschätzung von Simon Banholzer, Leiter Fachbereich Atomenergie bei der SES. «Faktisch lief Mühleberg die letzten Jahre, ohne die  ursprünglich verlangten Sicherheitsvorschriften einzuhalten. Das ENSI drückte beide Augen zu.»

Fixe Abschaltdaten für mehr Sicherheit

Die beiden Fälle zeigen, dass sich Betreiberin und Aufsicht frühzeitig zusammensetzen müssen, um die Stilllegung aufzugleisen. Dabei sollte die Aufsicht bei der Sicherheit des Kraftwerks keine Kompromisse eingehen. Simon Banholzer bilanziert: «Hilfreich wären klar festgelegte Abschaltdaten. Sonst machen die AKW-Betreiber unter dem Druck der Wirtschaftlichkeit Abstriche bei der Sicherheit.»

» Analyse von André Herrmann (PDF, in französisch)
» Kurzfassung der Analyse auf deutsch

 

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Fokus Frankreich

Die Modalitäten und das Tempo des Atomausstiegs der Schweiz werden in hohem Masse von Entwicklungen in Westeuropa – nicht zuletzt von Atommächten wie Frankreich und Grossbritannien – beeinflusst. Sie geben den Takt vor in Bezug auf Sicherheitsstandards und Laufzeitverlängerung bestehender AKW. Aus diesem Grund wirft die SES in einer Serie von Analysen den Blick auf Frankreich, die «Grande nation nucléaire». In loser Folge werden nach dem Auftakt durch André Herrmann, Präsident der Strahlenschutzkommission von 2005 bis 2012, weitere Analysen folgen.

» www.energiestiftung.ch/fokus-frankreich

 

Weitere Informationen

Simon Banholzer

Simon Banholzer
Leiter Fachbereich Atomenergie

Tel. 044 275 21 22
Mail: simon.banholzer@energiestiftung.ch
Twitter: @Simon_Banholzer

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