Atomkraft hat keine Zukunft
AKW verschlingen Unsummen an öffentlichen Geldern und sind Symptom des militärischen Wettrüstens.
Seit Jahrzehnten beschwört die Atomindustrie Atomkraft als sichere Energiequelle, seit einigen Jahren als Schutz für das Klima. Deshalb müssten laut der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) bis 2050 900 Gigawatt Kernkraft neu gebaut werden. Das wären 600 bis 700 neue Atommeiler, weit mehr als heute in Betrieb sind. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat den deutschen Atomausstieg gerade erst als «strategischen Fehler» bezeichnet. Auch in Deutschland fordern Politiker:innen, allen voran Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, die Rückkehr zur Atomkraft.
Nichts spricht dafür, dass die Erwartungen an die Atomkraft Wirklichkeit werden, wie die gerade erschienene aktualisierte Ausgabe des Uranatlas zeigt. Dazu reicht bereits der Blick auf die ökonomische Wirklichkeit: Von der Beseitigung der Schäden des Uranbergbaus über den Normalbetrieb bis hin zu den schwer bezifferbaren Kosten für Rückbau und Endlagerung hat die Atomindustrie weder den wahren Preis ihres Wirtschaftens ermittelt, noch ihre wirtschaftliche Situation angemessen beleuchtet.
Studien gehen davon aus, dass allein in Deutschland die Endlagerung von Atommüll bis zum Jahr 2100 rund 170 Milliarden Euro kosten wird, während sich die AKW-Betreiber im Jahr 2017 mit einer Einmalzahlung von 24,1 Milliarden Euro freigekauft haben. Den Rest tragen die Steuerzahlenden, sprich die Allgemeinheit.
AKW-Neubauten wiederum verschlingen Unsummen, wie die aktuellen Beispiele zeigen: Olkiluoto/Finnland kostete 11 Milliarden Euro, kalkuliert waren 3 Milliarden; Flamanville/Frankreich kommt auf 23,7 Milliarden Euro, kalkuliert waren 3,3 Milliarden. Und für Hinkley Point C1 und C2/England werden bereits jetzt Kosten in Höhe von 43 bis 47 Milliarden britische Pfund erwartet – kalkuliert waren ursprünglich 16 Milliarden. Die Türkei hat als Neueinsteigerin in die Atomkraft auch ein wirtschaftlich höchst bedenkliches Abkommen unterzeichnet: Der russische Staatskonzern Rosatom als Erbauer des AKW Akkuyu bekommt für die Hälfte des dort erzeugten Stroms 12,3 $-Cent pro Kilowattstunde. Erneuerbarer Strom kombiniert mit Grossspeichern ist wesentlich günstiger.
Auch die derzeit von der Atomlobby hochgepriesenen Small Modular Reactors (SMR) sind nichts weiter als heisse Luft. Die Nuclear Energy Agency hat zwar über 100 Start-ups aufgelistet, es gibt aber kein einziges fertiges Konzept. Im US-Bundesstaat Idaho wollte NuScale das erste Mini-AKW bauen und hat dafür laut Wirtschaftswoche bereits 1,4 Milliarden US-Dollar an Subventionen erhalten. Im November 2023 wurde das Vorzeigeprojekt eingestellt, nachdem NuScale die eigene Kostenschätzung massiv nach oben korrigiert hat.
Nein, es spricht nichts dafür, dass der derzeitige Hype um SMR jemals Wirklichkeit wird. Nichts spricht dafür, dass Atomkraft überhaupt eine Zukunft hat.
Dass Atomkraft dennoch so sehr in öffentlichen Debatten wieder auftaucht, hat vor allem zwei Gründe: Zum einen geht es darum, ungeheure Summen an staatlichen Zuwendungen abzugreifen, zum anderen ist die zivile Nutzung von Atomkraft nicht von der militärischen zu trennen. Die Welt steht vor einem neuen nuklearen Wettrüsten, das auch der neue Uranatlas beschreibt. Wer eine Welt ohne Atomwaffen will, muss sich dafür engagieren, das Atomzeitalter insgesamt zu beenden.
Dr. Horst Hamm
Umweltjournalist
Projektleiter des seit 2019 in verschiedenen Sprachen erschienenen Uranatlas
Seit 2022 geschäftsführender Vorstand der Nuclear Free Future Foundation.
Von Horst Hamm ist 2023 das Buch «Das unheimliche Element. Die Geschichte des Urans zwischen vermeintlicher Klimarettung und atomarer Bedrohung» im oekom Verlag München erschienen. Im Buchhandel und auch als E-Book erhältlich.
Inhalt (Pressinformation):
Strahlende Zukunft? Die Entscheidung der EU, Atomkraft als »nachhaltig« einzustufen, lässt das Element Uran in den Mittelpunkt der aktuellen Debatte zur Energiewende rücken. Einige träumen immer noch davon, mit dem strahlenden »Wunderstoff« über die Lösung aller Energieprobleme zu verfügen.
Doch Uran ist alles andere als harmlos, und weder seine Gewinnung noch seine Verwendung sind nachhaltig oder »klimaneutral«. Als radioaktives Element ist es Basis für Atomwaffen, Katastrophen wie Tschernobyl und Fukushima und nicht zuletzt die Zerstörung der Lebensgrundlagen indigener Völker durch den Uranabbau. Aufgrund der ungelösten Endlagerfrage ist das Element letztlich Sinnbild für eine Kultur der Zukunftsvergessenheit.
Das Buch lädt auf eine faszinierende Reise durch die Zeit- und Wissenschaftsgeschichte ein - und führt in so manchen Abgrund unseres Menschseins.