Wenn unwahrscheinliche Szenarien eintreten

Kommentar zum Tschernobyl-Jahrestag vom 26. April 2022.

Der 36. Jahrestag der grössten zivilen Atomkatastrophe der Geschichte ist anders als seine 35 Vorgänger. Das Risiko, das wir mit dem Betrieb von Atomkraftwerken eingehen, ist plötzlich greifbar nahe.

Atomanlagen sind zusätzliche Risikofaktoren

Am 24. Februar 2022 hat Russland einen grausamen Krieg gegen die Ukraine begonnen. Kurz darauf übernahmen russische Streitkräfte die Kontrolle über das Gelände des stillgelegten AKW Tschernobyl. Seither haben sich die Ereignisse überschlagen: Erhöhte Messwerte für Radioaktivität und Spekulationen zu den Ursachen (von aufgewirbeltem Staub bis zu ausgehobenen Gräben in kontaminiertem Boden, verhinderte Rotationen der Betriebsschichten, womöglich verstrahlte Soldaten und entwendetes radioaktives Material aus Laboren, um nur einige Beispiele zu nennen. Anfang April, nach mehr als einem Monat russischer Besatzung ist das Gelände inzwischen wieder unter ukrainischer Kontrolle.

In der Zwischenzeit geriet im Süden der Ukraine das aktive Atomkraftwerk Saporischja zwischen die Fronten und unter russische Kontrolle. Dort kam es zu noch gravierenderen Gefahrenmomenten: Bilder einer Explosion auf dem Kraftwerksgelände und vor allem Informationen über unterbrochene Stromleitungen machten aus einer hypothetischen, plötzlich eine viel zu konkrete Gefahr für die nukleare Sicherheit des grössten AKW Europas.

Neue Bedrohungslage erfordert Umdenken

Die russische Offensive hat sich von der Region um Tschernobyl weg verlagert. Der dort angerichtete Schaden wird erst noch zu bemessen sein. Der Krieg dauert indes an – das AKW Saporischja steht weiterhin unter russischer Kontrolle und zwei seiner sechs Reaktoren sind aktuell in Betrieb. Vor 36 Jahren hat die Katastrophe von Tschernobyl auf tragische Art und Weise gezeigt, welche Folgen das Vertrauen auf nukleare Hochrisikotechnologien haben kann. 2022  ruft der russische Angriff auf die Ukraine – einen Staat, der seinen Strom zu mehr als der Hälfte in Atomreaktoren produziert – eine andere unverrückbare Tatsache ins Bewusstsein: Trotz aller Anstrengungen der vergangenen Jahrzehnte, in denen Betriebsrisiken von Atomkraftwerken ermittelt und berechnet, Szenarien gezeichnet und verworfen, Sicherheitstechnik entwickelt und installiert wurde, ist es nie gelungen, ein Atomkraftwerk gegen ein leider viel zu typisch menschliches Verhalten, einen Krieg, auszulegen.

Neuer Risiko-Stresstest jetzt!

Der Krieg gegen die Ukraine konfrontiert uns damit, dass leider auch sein kann, was eigentlich nicht sein darf. Die Krux mit dem nuklearen Risiko liegt genau darin, dass selbst wenig wahrscheinliche Szenarien jederzeit möglich sind. Zu diesen Szenarien gehört auch der böswillige Zugriff auf Atomanlagen. Der beste Schutz dagegen ist ein Ausstieg aus der nuklearen Stromproduktion – bis dieser abgeschlossen ist, muss jedoch dafür gesorgt werden, dass die Sicherheitstechnik soweit wie möglich vervollständigt und gestärkt wird – auch in Schweizer AKW. Die Sicherheits- und Risikoüberprüfung, die nach Fukushima durchgeführt wurde (Fukushima-Stresstest) ist dringend zu ergänzen und zu aktualisieren. 36 Jahre nach Tschernobyl und elf Jahre nach Fukushima ist es erneut an der Zeit, die Anlagensicherheit in den Fokus zu nehmen, ihre Auslegung und Vulnerabilität auch gegenüber menschgemachten Katastrophen schonungslos zu prüfen.

 

Fabian Lüscher

Fabian Lüscher
Leiter Fachbereich Atomenergie

Tel. 044 275 21 20
Mail: fabian.luescher@energiestiftung.ch

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Wenn unwahrscheinliche Szenarien eintreten

Kommentar zum Tschernobyl-Jahrestag vom 26. April 2022.

Der 36. Jahrestag der grössten zivilen Atomkatastrophe der Geschichte ist anders als seine 35 Vorgänger. Das Risiko, das wir mit dem Betrieb von Atomkraftwerken eingehen, ist plötzlich greifbar nahe.

Atomanlagen sind zusätzliche Risikofaktoren

Am 24. Februar 2022 hat Russland einen grausamen Krieg gegen die Ukraine begonnen. Kurz darauf übernahmen russische Streitkräfte die Kontrolle über das Gelände des stillgelegten AKW Tschernobyl. Seither haben sich die Ereignisse überschlagen: Erhöhte Messwerte für Radioaktivität und Spekulationen zu den Ursachen (von aufgewirbeltem Staub bis zu ausgehobenen Gräben in kontaminiertem Boden, verhinderte Rotationen der Betriebsschichten, womöglich verstrahlte Soldaten und entwendetes radioaktives Material aus Laboren, um nur einige Beispiele zu nennen. Anfang April, nach mehr als einem Monat russischer Besatzung ist das Gelände inzwischen wieder unter ukrainischer Kontrolle.

In der Zwischenzeit geriet im Süden der Ukraine das aktive Atomkraftwerk Saporischja zwischen die Fronten und unter russische Kontrolle. Dort kam es zu noch gravierenderen Gefahrenmomenten: Bilder einer Explosion auf dem Kraftwerksgelände und vor allem Informationen über unterbrochene Stromleitungen machten aus einer hypothetischen, plötzlich eine viel zu konkrete Gefahr für die nukleare Sicherheit des grössten AKW Europas.

Neue Bedrohungslage erfordert Umdenken

Die russische Offensive hat sich von der Region um Tschernobyl weg verlagert. Der dort angerichtete Schaden wird erst noch zu bemessen sein. Der Krieg dauert indes an – das AKW Saporischja steht weiterhin unter russischer Kontrolle und zwei seiner sechs Reaktoren sind aktuell in Betrieb. Vor 36 Jahren hat die Katastrophe von Tschernobyl auf tragische Art und Weise gezeigt, welche Folgen das Vertrauen auf nukleare Hochrisikotechnologien haben kann. 2022  ruft der russische Angriff auf die Ukraine – einen Staat, der seinen Strom zu mehr als der Hälfte in Atomreaktoren produziert – eine andere unverrückbare Tatsache ins Bewusstsein: Trotz aller Anstrengungen der vergangenen Jahrzehnte, in denen Betriebsrisiken von Atomkraftwerken ermittelt und berechnet, Szenarien gezeichnet und verworfen, Sicherheitstechnik entwickelt und installiert wurde, ist es nie gelungen, ein Atomkraftwerk gegen ein leider viel zu typisch menschliches Verhalten, einen Krieg, auszulegen.

Neuer Risiko-Stresstest jetzt!

Der Krieg gegen die Ukraine konfrontiert uns damit, dass leider auch sein kann, was eigentlich nicht sein darf. Die Krux mit dem nuklearen Risiko liegt genau darin, dass selbst wenig wahrscheinliche Szenarien jederzeit möglich sind. Zu diesen Szenarien gehört auch der böswillige Zugriff auf Atomanlagen. Der beste Schutz dagegen ist ein Ausstieg aus der nuklearen Stromproduktion – bis dieser abgeschlossen ist, muss jedoch dafür gesorgt werden, dass die Sicherheitstechnik soweit wie möglich vervollständigt und gestärkt wird – auch in Schweizer AKW. Die Sicherheits- und Risikoüberprüfung, die nach Fukushima durchgeführt wurde (Fukushima-Stresstest) ist dringend zu ergänzen und zu aktualisieren. 36 Jahre nach Tschernobyl und elf Jahre nach Fukushima ist es erneut an der Zeit, die Anlagensicherheit in den Fokus zu nehmen, ihre Auslegung und Vulnerabilität auch gegenüber menschgemachten Katastrophen schonungslos zu prüfen.

 

Fabian Lüscher

Fabian Lüscher
Leiter Fachbereich Atomenergie

Tel. 044 275 21 20
Mail: fabian.luescher@energiestiftung.ch

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