Sicherheitsillusion in Gösgen: Gutachten legt jahrzehntelanges Kernschmelze-Risiko offen
Marcel Tobler,
Das AKW Gösgen stellt seit Inbetriebnahme vor weit über 40 Jahren ein Sicherheitsrisiko dar. Der «Tages-Anzeiger» berichtet heute (29.11.2025) darüber. Im sogenannten Speisewassersystem fehlen gedämpfte Rückschlagklappen, die schädliche Druckstösse verhindern.
Die kritischen Punkte im Überblick
- Gefahr einer Kernschmelze:
Bricht im Speisewassersystem eine Leitung, schliesst eine ungedämpfte Klappe abrupt. So entsteht ein massiver Druckstoss in den noch intakten Rohrleitungen. Das kann zu Folgeschäden führen, Rohrhalterungen überlasten und die Kühlung des Reaktors unmittelbar in Frage stellen. Eine Kernschmelze und damit die Freisetzung von radioaktivem Material wäre die mögliche Folge – ein gravierendes Sicherheitsrisiko für Mensch und Umwelt in der Schweiz und darüber hinaus. - Besondere Gefahr bei äusseren Einwirkungen:
Besonders unkontrollierbar wird die Situation bei einer Kombination dieses Mangels mit äusseren Ereignissen wie einem Erdbeben. Hierbei droht das gleichzeitige Erreichen und Überschreiten relevanter Belastungsgrenzen, was einen Kontrollverlust über die Kernkühlung zusätzlich erhöht. - Spiel mit der Sicherheit:
Bei baugleichen Kraftwerken wurden gedämpft wirkende Rückschlagklappen im Speisewassersystem von Beginn an eingebaut, nicht aber im AKW Gösgen. Warum die Verantwortlichen vom damals schon anerkannten Sicherheitsstandard abwichen, bleibt fragwürdig. Noch befremdlicher wirkt, dass die anderen Schweizer AKW, Beznau und Leibstadt, solche stossdämpfenden Klappen schon lange nachgerüstet haben, Gösgen jedoch nie. - Fragwürdige Analysen:
Warum die Gefahr erst jetzt richtig berechnet wurde, wirft weitere Fragen auf. Das Gutachten belegt, dass das notwendige Instrumentarium zur Durchführung der Sicherheitsanalysen schon lange vor der Jahrtausendwende zur Verfügung stand.
Stephanie Eger, Fachbereichsleiterin Atomenergie der Schweizerischen Energiestiftung (SES), kommentiert die Situation wie folgt: „Es ist ein Skandal, dass das AKW Gösgen seit Inbetriebnahme mit einer potenziell so katastrophalen Schwachstelle betrieben wird. Das zeigt, dass diese Technologie ein Spiel mit dem Feuer ist.“
Es geht auch ohne Gösgen
Obwohl das Kraftwerk Gösgen seit sechs Monaten stillsteht, erlebt die Schweiz keinerlei Versorgungsschwierigkeiten, auch nicht im kühleren November. Die Strom-Importe und -Exporte bewegen sich innerhalb der normalen Bandbreite (Quelle: Energiedashboard, Bundesamt für Energie).
Überzeitbetrieb mit Mängeln und Risiken – auf sichere Alternativen setzen
Die AKW in der Schweiz befinden sich alle im Überzeitbetrieb. Neben möglichen Fehleinschätzungen nehmen Mängel und Gefahren auch altersbedingt zu. Die Schweiz soll nicht noch weitere Jahrzehnte mit diesem ungewissen Zustand auskommen müssen. Unsere Sicherheit ist nur gewährleistet, wenn das Stromsystem rasch und vollständig auf Erneuerbare umstellt wird.
Stephanie Eger von der SES verdeutlicht: «Auch eine Solaranlage oder eine Windturbine kann mal beschädigt sein, aber dann kommen nicht gleich das ganze Land und der halbe Kontinent in akute Gefahr.»
Gutachten zum Download
Gutachterliche Stellungnahme vom 21. November 2025 zur aktuellen Diskussion um den Sachverhalt der Beherrschung von Brüchen im Speisewassersystem des KKW Gösgen von Prof. Dr.-Ing. habil. Manfred Mertins, Professor für Reaktorsicherheit an der Technischen Hochschule Brandenburg, im Auftrag der Schweizerischen Energie-Stiftung
Weitere Informationen
Stephanie-Christine Eger
Leiterin Fachbereich Atomenergie
+41 44 275 21 20
stephanie.eger@energiestiftung.ch