Jahresbericht 2019

Die SES-Jahresversammlung vom 29. April, an welcher der Jahresbericht sowie die Jahresrechnung 2019 vorgestellt worden wäre, musste aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden. Jahresbericht und Jahresrechnung sind dieses Jahr deshalb ausschliesslich online zugänglich. SES-Fördermitglieder können allfällige Fragen und Bemerkungen bis am 15. Mai 2020 gerne telefonisch oder per E-Mail an die Geschäftsstelle richten (044 275 21 21, info@energiestiftung.ch). Wir danken für das Verständnis.

Das Jahr 2019 könnte als Zäsur in Sachen Schweizerische Klimapolitik gewertet werden. Nicht, dass die Gesetzgebung komplett auf Energiewende umgeschwenkt hätte. Aber der Druck der Klimabewegung auf der Strasse hat zu ersten spürbaren Veränderung auf politischer Ebene geführt: Hatte der Nationalrat 2018 die Revision des CO2-Gesetzes noch versenkt, verschärfte der Ständerat 2019 die bundesrätliche Vorlage und sprach sich für bislang chancenlose Massnahmen wie eine Flugticketabgabe aus. Bei den Wahlen 2019 gewannen energiepolitisch progressive Kräfte in einem noch nie dagewesenen Masse dazu. Das gibt Hoffnung für die kommende Legislatur.

In punkto AKW war 2019 das Jahr der traurigen Jahrestage. Vor 50 Jahren ereignete sich der erste Reaktorunfall der Schweiz in Lucens (VD). Dennoch nahm im gleichen Jahr auf der Insel Beznau das erste Schweizer AKW den Betrieb auf – und läuft bis heute weiter. 10 Jahre später ereignete sich der Reaktorunfall im AKW Three Mile Island (USA), und in der Schweiz ging das AKW Gösgen ans Netz. Das Ignorieren der Gefahr der Atomkraft dauert bis heute an. Die Kernenergiegesetzgebung ist weiterhin nicht auf den Langzeitbetrieb der überalterten Schweizer AKW ausgelegt. Die bekannten Risiken für die Bevölkerung bleiben bestehen. Ende Jahr ging mit Mühleberg zwar das erste Schweizer AKW vom Netz. Gemäss unserer Analyse bleibt dies vorerst aber ein Einzelfall. Der Atomausstieg und die Energiewende sind noch lange nicht geschafft.

Im Rahmen des SES-Strategieprozesses 2019 kommt es zu Änderungen auf der Geschäftsstelle. Mit Beschluss des Stiftungsrats vom 18. November 2019 wird Katja Jent, Leiterin Finanzen & Fundraising, zur stellvertretenden Geschäftsleiterin ernannt. Zudem wird die bisherige Praktikantin, Tonja Iten, für ein Jahr befristet als wissenschaftliche Mitarbeiterin angestellt. Sie wird sich neben den gewohnten Themenfeldern schwerpunktmässig dem Bereich Suffizienz widmen.

 

SES-Highlights 2019

Januar. Das Atomunglück im Versuchsreaktor von Lucens (VD) jährt sich am 21. Januar 2019 zum 50. Mal. Die SES widmet dem traurigen Ereignis eine Abendveranstaltung. Mit Referaten von Historiker Michael Fischer und dem internationalen Atomenergieexperten Mycle Schneider wirft sie einen Blick auf die Anfänge der Atomenergie in der Schweiz und die  weltweite Entwicklung dieser Technologie. Der Anlass ist gleichzeitig der Startschuss für eine Kampagne rund um das «Beznau-Manifest». Darin thematisiert die SES die Mängel der Kernenergiegesetzgebung in Bezug auf den Langzeitbetrieb der überalterten Schweizer Reaktoren. Die Kampagne wird mit Videoclips, etwa einer Strassenbefragung zum Reaktorunglück von Lucens (VD) oder dem Beitrag «Happy Beznau to you?» von Satiriker und Spoken-Word-Künstler Renato Kaiser flankiert.

März. Nachdem das Bundesverwaltungsgericht eine Beschwerde von Anwohner-Innen des AKW Beznau, unterstützt durch Greenpeace, die SES und den Trinationalen Atomschutzverband (TRAS), Anfang Jahr abgelehnt hat, kommunizieren die Beschwerdeführenden, dass sie den Entscheid zum sogenannten «Beznau Verfahren» ans Bundesgericht weiterziehen wollen. Es geht dabei um die strittige Frage des Strahlenschutzgrenzwertes im Katastrophenfall.

Mai. Im Anschluss an die Jahresversammlung 2019 widmet sich die Veranstaltung «Wenn die Politik streikt» der Frage, wie die Schweiz die Ziele  des Klimaabkommens von Paris erreichen kann. VertreterInnen der Gletscher-Initiative, der Klimabewegung und nationale ParlamentarierInnen diskutieren vor vollen Rängen die politischen Hebel, mit denen die Energiewende in der Schweiz umgesetzt werden soll.

Juni. In Zusammenhang mit der Klimadebatte wird die Atomkraft vermehrt als Lösung gegen den Klimawandel ins Spiel gebracht. Dazu publiziert die SES die Studie «Klimawandel und Atomkraftwerke – Realisierbarkeit von neuen Atomkraftwerken zur Dekarbonisierung der schweizerischen Energieversorgung». Fazit: Neue AKW sind sowohl hinsichtlich Zeit- als auch Kapitalbedarf nicht realistisch und weisen klare Nachteile gegenüber neuen erneuerbaren Energien wie der Photovoltaik auf. Eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstitut gfs-zürich im Auftrag der SES zeigt zudem, dass eine klare Mehrheit von 76% der Bevölkerung den Atomausstieg der Schweiz grundsätzlich befürwortet.

Juli. Die SES publiziert die Studie «Strommix 2018», welche zeigt, dass die vier grossen Energieversorger Axpo, Alpiq, BKW und Repower zwei Drittel ihres Stroms aus fossilen und nuklearen Energiequellen erzeugen. Damit einher gehen eine hohe CO2- und Umweltbelastung. Der Anteil neuer erneuerbarer Energien wächst zwar, bleibt jedoch mit 5% auf sehr tiefem Niveau. Die SES fordert anlässlich der Revision des Stromversorgungsgesetzes bessere Rahmenbedingungen, um Investitionen in erneuerbare Anlagen zu ermöglichen.

September. Die SES richtet die Fachtagung «Fossil Phaseout Congress – #FPC2019» aus. Mit namhaften Grössen wie dem Soziologen Harald Welzer, der Ökonomin Cornelia Meyer, Greenpeace Schweiz-Chefin Iris Menn oder Politwissenschafter Claude Longchamp legt die SES den Fokus in der Energie- und Klimadiskussion auf die Umsetzung und zeigt, wie wir die Energiewende zügig(er) voranbringen.

Oktober. Im Vorfeld der nationalen Parlamentswahlen lanciert die SES das Online-Tool «energielobby.ch». Darin sind sämtliche Lobby-Verbindungen der ParlamentarierInnen im Bereich Energie und Klima zwischen 2015 bis 2019 dargestellt. Die als Wahlhilfe konzipierte Plattform ist mit themenspezifischen Hintergrundartikeln zur Energielobby angereichert, etwa zur bislang erfolgreichen Verhinderung einer CO2-Abgabe auf Treibstoffe durch die Erdöl-, Auto- und Wirtschaftslobby oder zu den Lobbygefässen der Atombefürworter in der Schweiz, welche trotz klarem Volksentscheid von einer Renaissance der «klimafreundlichen» Atomkraft träumen.

November. Eine von der SES beim Öko-Institut Darmstadt in Auftrag gegebene Studie zieht den Sicherheitsnachweis für den Weiterbetrieb von Beznau I in Zweifel: Die von der Axpo angewandten Methoden in Bezug auf die rund 1'000 Einschlüsse im Reaktordruckbehälter widersprechen wissenschaftlichen Standards, sind ungeeignet und von keinem internationalen Reglement anerkannt. In der Folge lanciert die SES die Beznau-Petition gegen den fragwürdigen und gefährlichen Weiterbetrieb des AKW Beznau, mit welcher sie nach der Sammelphase an den Bundesrat gelangen will.

Mitte November präsentiert die SES eine Studie von Dr. Rudolf Rechsteiner, die verschiedene Massnahmen zur Stärkung der Stromerzeugung mit erneuerbaren Energien empfiehlt. Die innovativen Vorschläge sind kostengünstig, können rasch umgesetzt werden und berücksichtigen den Schutz der Landschaft. Die Versorgungssicherheit wird so auch bei zunehmender Elektri-fizierung von Verkehr und Wärmeversorgung dank inländischer Erzeugung gewährleistet.

Dezember. Am 20. Dezember geht mit dem AKW Mühleberg das erste Schweizer Atom-kraftwerk vom Netz. Ist das der Einstieg in den Atomausstieg der Schweiz? Gemäss der Analyse der neu publizierten SES-Studie «Treiber für Stilllegungsentscheide in der Schweizer Atomindustrie» ist Mühleberg ein Spezialfall. Neben der langfristigen Unter-nehmensstrategie der BKW war 2013 für den Entscheid ausschlaggebend, dass die Stilllegung kostengünstiger kommt als der Weiterbetrieb. Das ist bei den verbleibenden Schweizer AKW aktuell nicht der Fall.

Das ganze Jahr. Wir sitzen mit der Bundesverwaltung, mit der Energiewirtschaft und mit PolitikerInnen zusammen. Wir besuchen Schulen, Vereine und Gemeinden und bestreiten Podien. Wir geben Interviews, versorgen JournalistInnen mit Hintergrundwissen, lobbyieren bei den Kantonen und helfen  bei parlamentarischen Vorstössen mit. Immer mit der Botschaft und der Überzeugung, dass die Zukunft den erneuerbaren Energien gehört.

Wir danken allen ganz herzlich, welche die SES auch in diesem Jahr in irgendeiner Form unterstützt haben.

 

Nils Epprecht

Nils Epprecht
Geschäftsleiter

Tel. 044 275 21 21
Mail: nils.epprecht@energiestiftung.ch
Twitter: @nepprecht

Jahresbericht inkl. Jahresrechnung 2019 (pdf)