Das entscheidende Tor in letzter Minute!

«Wir trinken kein Erdöl, zum Leben brauchen wir Wasser», sagt der Energieexperte Laurent Horvath. Doch die Vorstellung, ohne fossile Energie auskommen zu müssen, verunsichert viele. Das hat speziell auch mit der Kommunikation der Erdöllobby zu tun. Wir dürfen uns aber im fossilen Endspiel nicht auf eine Verlängerung einlassen. Ein JA zum CO2-Gesetz ist dringender denn je!

Von Florian Brunner*

Die grossen, global tätigen Erdölkonzerne wissen seit mehreren Jahrzehnten, dass das Verbrennen von fossilen Energieträgern klimaschädigend ist.1 Dieses Wissen haben sie aber bewusst zurückgehalten und die Öffentlichkeit in die Irre geführt, indem sie Zweifel am Klimawandel schürten. Laurent Horvath* beschäftigt sich ebenfalls seit Jahrzehnten mit den Auswirkungen von (fossiler) Energie auf die Weltwirtschaft. Vor der Abstimmung zum neuen CO2-Gesetz wirft er einen Blick hinter die Kulissen des Energiegeschäfts und zeigt, wie die Erdöllobby weltweit Einfluss auf die Klimapolitik nimmt.

Falsches Spiel: Wissen schützt vor Torheit nicht

«Exxon knew» – zu deutsch «Exxon wusste es» – ist seit Jahren ein Leitwort journalistischer Recherchen, juristischer Ermittlungen und politischer Kampagnen. Der US-amerikanische Erdölkonzern Exxon wusste bereits seit den 1970er-Jahren darüber Bescheid, dass der Einsatz und das Verbrennen von Erdöl und Gas letztlich zu einer gefährlichen Klimaerwärmung führen wird. Doch statt nach alternativen Geschäftsfeldern zu suchen oder die Öffentlichtkeit zu informieren, finanzierte Exxon Desinformationskampagnen, die gezielt Zweifel an den Erkenntnissen der Klimaforschung säten.2 Noch Ende der 1990er-Jahre behauptete Exxon, man wisse nicht, welche Rolle vom Menschen verursachte Treibhausgase bei der Klimaveränderung spielen. Ab 2017 stand der Ölriese denn auch wegen falscher Aussagen über die Folgen des Klimawandels vor Gericht, wurde Ende 2019 aber freigesprochen.3 Doch es gibt noch etliche weitere US-Klagen gegen Ölmultis wie Exxon.

Ölraffinerie in Texas, USA (stock.adobe.com/Trong Nguyen)

Noch heute machen die Ölgiganten mit dem Verkauf fossiler Energieträger Milliardengewinne. Es erstaunt deshalb nicht, dass die Erdöl- und Autolobby auch hierzulande Klimaschutz-Fortschritte in Form des neuen CO2-Gesetzes zu verhindern versucht. Hinter dem Referendum gegen das CO2-Gesetz steht eine Lobby, die von ölproduzierenden Ländern über Erdölgesellschaften finanziert wird. Das Ziel von Firmen wie BP, Shell, SOCAR oder Total ist es, ihr Businessmodell aufrecht zu erhalten. Dafür haben sie viel getan und auch «deshalb etablieren sie ihre Lobby im Herzen der Verbraucherländer – wie ein trojanisches Pferd», so Laurent Horvath. «Sie unternehmen alles, um den Menschen weiszumachen, dass es nicht möglich ist, den Verbrauch von Benzin für ihre Autos oder den Verbrauch von Heizöl für ihre Häuser zu reduzieren.»

Taktik aufgedeckt: die Strategie der Fehlinformation

Mit Falschinformationen wie «Es gibt keinen menschengemachten Klimawandel» oder «Es hat genügend Öl für ein weiteres Jahrhundert» verunsichert(e) die Erdöl- und Gaslobby die Menschen. Sie haben gigantische finanzielle Mittel, um WissenschaftlerInnen zu kaufen und entsprechende Studien in Auftrag zu geben. Exxon hat dieses Vorgehen sogar vor Gericht zugegeben. Diese Strategie wird auch in der Schweiz angewendet. Laurent Horvath sagt, dass das Vorgehen mit der Praxis der Tabakindustrie vergleichbar ist, welche uns jahrelang mit Erfolg vorgaukelte, dass das Rauchen keinen Einfluss auf die Gesundheit habe.

Die «Klimaschmutzlobby» hat in den letzten Jahrzehnten eine Kommunikationsmaschinerie aufgebaut, um uns glauben zu lassen, dass wir auf fossile Energie angewiesen seien. Deshalb ist für die Menschen in der Schweiz, die seit Jahrzehnten Erdöl nutzen und damit aufgewachsen sind, die Vorstellung, ohne Erdöl auskommen zu müssen, beinahe unvorstellbar. Und: Diese Verunsicherung wird ganz gezielt ausgenutzt. Die Argumente, die in der Schweiz gegen das CO2-Gesetz vorgebracht werden, sind fast identisch mit denen, die in den USA gegen Bidens «Green New Deal» ins Feld geführt werden. Ein zentrales Argument lautet, der CO2-Ausstoss der Schweiz sei im globalen Vergleich sehr klein und die Schweiz somit für das weltweite Klima unbedeutend. Davon spricht auch das American Petroleum Institute API: Die USA sei zu klein, um etwas zu tun. Man müsse darauf warten, dass auch China etwas tue. Ohne billiges Benzin würde die US-Wirtschaft nicht überleben.

Ohne Verlängerung: das fossile Spiel ist vorbei

«Aus allgemeiner, geologischer und strategischer Sicht müssen wir unseren Verbrauch an fossilen Brennstoffen reduzieren und so schnell wie möglich einen Übergang zu sauberer Energie einleiten», so Energieexperte Horvath. «Geologisch gesehen wird es ohnehin sehr schwierig sein, die derzeitigen Ölmengen weiterhin günstig zu fördern. Die enormen Preisschwankungen des letzten Jahres waren für Investoren eine Herausforderung, viele Unternehmen gingen Konkurs.» Es scheint, dass wir uns dem Ende eines Zyklus nähern. Wenn wir den Umstieg auf erneuerbare Energie verpassen, stehen auch unsere Arbeitsplätze auf dem Spiel. Immer mehr Länder haben dies erkannt und beschleunigen den Ausstieg aus der Fossilindustrie. Dänemark und Schweden sind dafür gute Beispiele. Die Schweiz tut sich (noch) schwer damit. Dies auch, weil sich die Erdöllobby im Rückzugsgefecht um eine (letzte) Verlängerung bemüht. Heute anerkennt sie zwar, dass die fossilen Energieträger ersetzt werden müssen, es geht ihr aber etwas «zu schnell». Liebend gerne würde sie ihr gewinnbringendes Spiel in die Verlängerung retten.

Siegestor in letzter Minute: JA zum CO2-Gesetz

Das revidierte CO2-Gesetz kann dies abwenden. «Das Gesetz leitet in der Schweiz eine schrittweise Abkehr von Öl und Gas ein», so Laurent Horvath. Ein JA ist ein klares Bekenntnis dazu, dass wir uns erneuerbaren Energien zuwenden, insbesondere der Solarenergie. Betroffen vom neuen CO2-Gesetz sind neben VielfliegerInnen und AutofahrerInnen auch die Wohn- und HauseigentümerInnen, die immer noch mit Öl und Gas fahren und heizen. Und mit diesen Vielverbrauchern ist eben auch die «Klimaschmutzlobby» betroffen, die ihr Geld mit dem Verkauf von Kerosin, Benzin, Diesel und Heizöl verdient – also Firmen wie Exxon, Shell oder BP.

Das Gesetz ermöglicht es der Schweiz, ihre Energieabhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu reduzieren. Ein JA dient als Signal, um den nötigen Wandel endgültig einzuleiten, sowie den Erhalt und die Schaffung von lokalen Arbeitsplätzen zu fördern. Anstatt wie bisher für fossile Energie Milliarden im Ausland auszugeben, wird das Geld künftig direkt in unsere heimische Wirtschaft investiert. Eine Ablehnung des CO2-Gesetzes wäre nicht nur ein Sieg für die Erdölgesellschaften, sondern eine schlimme Niederlage für die Schweizer BürgerInnen. «Ich wüsste nicht, wieso man für ein solches Gesetz etwas anderes als JA stimmen sollte!», sagt Energiexperte Horvath.

Ein JA zum CO2-Gesetz ist angesichts der drohenden Klimakatastrophe logisch, notwendig und vernünftig! Nutzen wir diese Chance und schiessen das Tor.

Verweise

  1. siehe z.B. «Wie ein Ölkonzern sein Wissen über den Klimawandel geheim hielt» unter www.spiegel.de
  2. siehe «Assessing ExxonMobil’s climate change communications (1977 – 2014)» unter www.iopscience.iop.org
  3. siehe z.B. «Fossil Fuels on Trial» unter www.insideclimatenews.org

 

*Laurent Horvath

Laurent Horvath

Laurent Horvath unterhält die Website 2000Watts.org. Der Energieexperte hat einen MBA von der Dallas University, Texas, und der Xavier University, Ohio (USA). Einzelne Aspekte dieses Artikels beruhen auf einem Interview der Klima-Allianz mit Laurent Horvath.

 

 

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