Der EPR-Atomreaktor strahlt bis in die Schweiz

Es geht um Sicherheit, aber auch um viel Geld: Obwohl weder der EPR in Flamanville noch jener in Olkiluoto betriebsbereit sind, gilt deren Sicherheitstechnik als neuster Standard in Europa. An ihm müssen sich die alten Atomkraftwerke messen – auch in der Schweiz.

Von Simon Banholzer*

Die Summe scheint unwirklich. 55 Milliarden Euro will der französische AKW-Gigant EDF bis 2030 in die Nachrüstung seiner Reaktor-Flotte stecken. Ob sich das lohnt? Die 32 zwischen 1978 bis 1987 in Betrieb genommenen 900-MW-Reaktoren werden bald 40 Jahre alt und müssen die «4. Visite décennale» der französischen Atomaufsicht «Autorité de sureté nucléaire» ASN durchlaufen. Ende 2020 will die ASN festlegen, welche Nachrüstungen EDF umsetzen muss. Was in Paris entschieden wird, hat ebenfalls Einfluss auf die verbliebenen drei AKW in der Schweiz: Gewisse Nachrüstungen müssten wohl übernommen werden, mit Investitionskosten in noch unbekannter Höhe.

EPR als «State of the Art»

EDF baut seit vielen Jahren in Flamanville ein neues AKW des Typs «Evolutionary Power Reactor» EPR. Er ist eine Weiterentwicklung älterer Baureihen, welche die Lehren aus den Unfällen in Three Mile Island und Tschernobyl berücksichtigen soll. In Westeuropa gibt es kein AKW, das sicherheitstechnisch einen höheren Stand hätte. In Frankreich wie auch in der Schweiz müssen sich bestehende AKW am aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik orientieren, also am französischen EPR. Schon seit Jahren diskutiert deshalb die AKW-Betreiberin EDF mit der Atomaufsicht ASN darüber, welche Nachrüstungen für die älteren Reaktoren notwendig sind, damit sie über die aktuell bewilligte Laufzeit von 40 Jahren betrieben werden dürfen. Eines ist heute schon klar: Es wird sehr viel Geld kosten. Zu viel? Ist ein wirtschaftlicher Betrieb für den tief verschuldeten Quasi-Staatsbetrieb EDF noch möglich? Denn schon heute ist der Betrieb der französischen AKW – aufgrund der hohen Investitionskosten und schlechten Verfügbarkeit – stark defizitär.

EDF und die Herkulesaufgabe

Bernard Laponche, Physiker und ehemaliger Ingenieur beim «Commissariat de l’énergie atomique» CEA, hat im Auftrag der SES das Dilemma von EDF und der 900-MW-Reaktorflotte analysiert. Er diagnostiziert, dass es für EDF drei massgebliche Hürden gibt.

  • Erstens sind Nachrüstungen wie beispielsweise ein «Core Catcher light» oder «Stabilisateur du corium», wie er in Frankreich genannt wird, technisch noch gar nicht fertig erprobt. Trotzdem hat EDF angekündigt, solche Nachrüstungen umsetzen zu wollen.
  • Zweitens war EDF bei der 4. «Visite décennale» im AKW Tricastin 1 mit 5000 Fachkräften vor Ort versammelt. Ob sie das künftig, wenn mehrere Prüfungen gleichzeitig anstehen, leisten kann, ist mehr als fraglich. Möglicherweise dauern dann die Überprüfungen länger oder die Qualität nimmt ab. Das gilt ebenfalls für die ASN, die an ihre Grenzen kommen könnte.
  • Drittens nimmt die Verschuldung der EDF-Gruppe unaufhaltsam zu. Alleine letztes Jahr nahm die Nettoverschuldung um über 7 Milliarden Euro zu. EDF versucht deshalb seit 2019, die Ausgaben um bis zu einer Milliarde pro Jahr zu senken.


ENSI und der Stand der Nachrüstungstechnik

In der Schweizerischen Kernenergiegesetzgebung gibt es den spannenden wie unklar definierten Begriff «Stand der Nachrüstungstechnik». Die AKW-Betreiber in der Schweiz müssen «die Anlage so weit nachrüsten, als dies nach der Erfahrung und dem Stand der Nachrüstungstechnik notwendig ist, und darüber hinaus, so weit dies zu einer weiteren Verminderung der Gefährdung beiträgt und angemessen ist». Auf Nachfrage der SES hat die Atomaufsicht ENSI diesen Begriff öffentlich präzisiert: Mindestens die internationale Praxis bezüglich Nachrüstungen müssen die Schweizer AKW ebenfalls umsetzen. Viele Länder haben AKW in Betrieb, die demnächst nachzurüsten sind, falls sie Laufzeitverlängerungen anstreben. Daher sind die Beschlüsse, wie jene der ASN Ende 2020 auch für die Schweiz enorm bedeutend. So hat das AKW Gösgen geprüft, ob und wie auch sie einen «Stabilisateur du corium» einbauen könnten. Für Leibstadt und Beznau müsste gemäss ENSI zuerst noch analysiert werden, wie sich dieses neue Sicherheitsinstrument umsetzen liesse (Technisches Forum Kernkraftwerke vom 11. September 2020.

Das nahe Ende – oder Langzeitbetrieb?

Alle drei verbliebenen AKW der Schweiz stecken aktuell in einer periodischen Sicherheitsüberprüfung (PSÜ) oder haben sie erst kürzlich abgeschlossen. Das ENSI verfügt zum Abschluss einer PSÜ jeweils Nachrüstungen, die umgesetzt werden müssen. Aus diesem Grund rüsten sich die Bertreiberinnen auch finanziell für den Langzeitbetrieb. Alle AKW haben in den letzten Jahren bereits hunderte Millionen für neue Technik ausgegeben. Sie werden noch mehr ausgeben müssen. Neben Bankkrediten und Anleihen nimmt beispielsweise die Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG (KKG) auch Geld in der Höhe von 50 Millionen Franken bei ihren Aktionären auf. Damit werden allerdings längst nicht nur sicherere Komponenten finanziert, sondern auch veraltete Technik wie die Brandschutzklappen ersetzt.

AKW-Sicherheit erlaubt keinen Spielraum

Erneuerbare als günstigste Option

Die Investitionen sind also oft dazu da, das aktuelle Sicherheitsniveau zu halten und weniger es zu erhöhen – haben also nicht zwingend mit dem Stand der Nachrüstungstechnik zu tun. Die AKW-Betreiber wissen das und versuchen bereits heute, das ENSI unter Druck zu setzen. Im Oktober hat der Branchenverband swissnuclear ein Positionspapier publiziert, in dem erklärt wird, dass der Langzeitbetrieb nicht unnötig verteuert werden darf, respektive ein wirtschaftlicher Betrieb möglich sein müsse. Dennoch hat das ENSI bei Nachrüstungen, die international umgesetzt werden und die Sicherheit steigern, gemäss Kernenergiegesetz keinen grossen Spielraum.

Das Schweizer Prinzip «Weiterbetrieb solange sicher» ist nichts Statisches, sondern bedeutet Weiterentwicklung und Erweiterung der Sicherheitstechnik so nahe wie möglich an den Stand von Wissenschaft und Technik – eben EPR oder bald EPR 2.

*Der Autor

Simon Banholzer

Simon Banholzer
Leiter Politik

Tel. 044 275 21 22
Mail: simon.banholzer@energiestiftung.ch
Twitter: @Simon_Banholzer

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