Windenergie ist systemrelevant

Mit einem intelligent kombinierten Strommix aus Solar-, Wind- und Wasserkraft können wir unseren Energiebedarf weitgehend selber decken, auch fürs Heizen und den Verkehr. Wind ist dabei der systemrelevante Winterpfeiler. Er erlaubt der Schweiz, die Importabhängigkeit langfristig zu senken.

Von Anita Niederhäusern*

Gerade die Corona-Pandemie zeigt, wie wichtig die Eigenversorgung mit lebensnotwendigen Gütern ist. Dazu gehört auch die Energieversorgung. Mit einem gezielten Ausbau der erneuerbaren Energien und der Elektrifizierung der Bereiche Heizen und Mobilität könnten wir unseren Energiebedarf weitgehend selber decken. Und Energie, die wir im Inland produzieren, steht uns sicher zur Verfügung.


Bild: Azienda Eletrica Ticinese

Die Saisonalität ist relevant

Je sonniger und länger die Tage, umso mehr Solarenergie wird produziert. Rund 70 % ihrer Produktion fällt von März bis Oktober an. Bei der Wasserkraft sind es knapp 60 %, bei der Windenergie 34 %. Dafür liefert letztere im Winterhalbjahr mit 66 % zwei Drittel ihrer Produktion (siehe Grafik). Deshalb ist es so wichtig, die Windenergie auszubauen. Denn der Energiedarf ist im Winter aufgrund der Heizungen und Beleuchtungen am grössten. Um unseren Verbrauch zu decken, müssen wir Kohle-, Gas- und Atomstrom aus Deutschland und Frankreich importieren.

Auslandabhängigkeit reduzieren

Mit einem gezielten Windenergieausbau würde die Schweiz sowohl ihre Importabhängigkeit reduzieren als auch ihren Strommix grüner gestalten. Daher ist die Windenergie systemrelevant. Bauen wir die einheimische Produktion aus Solar- und Windenergie nicht aus, verstärkt sich die Auslandabhängigkeit mit dem Abschalten der AKW noch weiter. Und mit dem Ausstieg aus Kohle- und Atomstrom wird Deutschland seinen erneuerbaren Strom vielleicht einmal primär selber verbrauchen wollen.

Österreich hat 13 % und will 25 % Windstrom

Strom für 4500 Menschen

In Österreich drehten sich 2019 bereits 1340 Windenergieanlagen, die 13 % des Strombedarfs deckten. In der Schweiz waren es 37, die gerade mal 0,2 % des Strombedarfs bereitstellten. Dank des neuen Windparks auf dem Gotthard werden es Ende 2020 42 Anlagen sein. Österreich geht noch weiter: Bis 2030 will unser Nachbarland sogar über 25 % seines Strombedarfs mit Windstrom decken. Das Land ist doppelt so gross wie die Schweiz und zählt gleich viele Einwohner. Die Windenergie ergänzt auch in Österreich die Wasserkraft optimal, die dort ebenfalls 60 % des Stromverbrauchs deckt. Auch in den an die Schweiz angrenzenden französischen Departements und deutschen Bundesländern ist der Ausbau der Windenergie verglichen mit der Schweiz enorm: Dort produzierten Ende 2019 mehrere tausend Windenergieanlagen Strom. 2019 deckte die Windenergie bereits 15 % des europäischen Strombedarfs.

1000 Anlagen für 15 % Windstrom

Weil die Schweizer AKW abgeschaltet werden, gilt es für das Winterhalbjahr neue erneuerbare Stromquellen zu erschliessen. Die Eidgenössische Elektrizitätskommission (Elcom) fordert, die Schweiz solle bis 2035 ihre Stromproduktion für das Winterhalbjahr verbindlich um 5 − 10 Terawattstunden (TWh) ausbauen. Suisse Eole, die Vereinigung zur Förderung der Windenergie in der Schweiz, hat im Auftrag des Bundesamts für Energie errechnet, dass dieser zusätzliche Bedarf mit Windstrom gedeckt werden kann. Daher verlangt Suisse Eole vom Bund, Windenergie für die Winterstromproduktion als «prioritär» einzustufen, wie dies auch für die Speicherwasserkraft vorgesehen ist. Gemäss der Studie müssten dank des vorgeschlagenen Windkraftzubaus weder die Übertragungskapazitäten erhöht werden noch thermische Kraftwerke in Betrieb gehen.

Zwei Drittel der Anlagen in Österreich

«Windenergie kann mit rund 1000 Anlagen im Winter 6 TWh, rund 20 % unseres Winterstrombedarfs, decken», erklärt Lionel Perret, Geschäftsführer von Suisse Eole. «Dank längerer Flügel ist die Produktivität der Anlagen in den letzten zehn Jahren um 60 % gestiegen. Um 15 % Windstrom an der Gesamtstromproduktion zu erzielen, reichen in der Schweiz 1000 Windenergieanlagen aus. Das entspricht knapp zwei Dritteln der Anlagen, die in Österreich bereits heute in Betrieb sind.» Die Umweltverbände fordern mittelfristig 400 Windenergieanlagen.

Deutschland ist im Jahr 2000 mit unter 5 % erneuerbarem Strom gestartet, heute beträgt der erneuerbare Stromanteil weit über 40 %. Und alle Netze funktionieren einwandfrei. Wir haben in derselben Zeit unseren erneuerbaren Stromanteil nur um ein paar Prozentpunkte erhöht. Die 60-%-Marke haben wir immer noch nicht erreicht. Hätten wir dieselbe Zielstrebigkeit wie unser nördlicher Nachbar an den Tag gelegt, hätten wir im selben Zeitraum 100 % erneuerbaren Strom schaffen können! Packen wirs endlich an, bauen wir Solar- und Windenergie aus, damit die Generationen nach uns stolz sein können auf uns. Denn um deren Zukunft geht es letztlich!

*Die Autorin

Anita Niederhäusern

Anita Niederhäusern ist Presseverantwortliche bei Suisse Eole und Herausgeberin von ee-news.ch

» www.suisse-eole.ch
» www.ee-news.ch

 

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