Klimaschutz schafft Arbeitsplätze

Die Wirtschaft steckt wegen Corona in der Krise. Mit umweltfreundlichen Investitionen lassen sich jedoch viele wertvolle Arbeitsplätze schaffen. Das muss nur noch der Bundesrat begreifen.

Von Daniel Bütler*

Erinnern Sie sich an die klare Sicht im März? Wegen des Lockdowns war die Luft in unseren Städten so sauber wie sonst nie. Der Autoverkehr ging in nie gekanntem Ausmass zurück. Man kann dies als Symptom eines Wendepunkts sehen: der Abkehr von den fossilen Energien.

Tatsächlich brach in der Corona-Krise die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen weltweit ein. Der Erdölpreis geriet ins Purzeln, notierte zeitweise sogar im Minus! Generell sind erneuerbare Energien gegenüber fossilen zunehmend konkurrenzfähig. Auch darum gehen heute ausserhalb von China und Indien fast keine Kohlekraftwerke mehr ans Netz, schreibt das Onlinemagazin «Republik». Die Corona-Krise beschleunigt den Niedergang der Fossilen. Shell, BP und Co. mussten riesige Summen abschreiben. Ihre Börsenkurse sind am Boden. Die Anleger steigen in Scharen aus den Fossilen aus. 2020 finde ein fundamentaler Wandel statt, die ganze Welt bewege sich Richtung alternativer Energien, sagt der Energieexperte Luke Parker in der «Republik». Fazit: «Wer sein Vermögen erhalten will, zieht es aus der fossilen Industrie ab und steckt es lieber in klimafreundliche Technologie.»

Klima-Impulsprogramm notwendig

Die Situation scheint also günstig, den erneuerbaren Energien in der Schweiz einen Schub zu verleihen. Drei Viertel der verbrauchten Energie sind fossilen Ursprungs. Klimapolitisch ist die Schweiz nicht auf Kurs, auch mit neuem CO2-Gesetz nicht. «Wir sollten die Emissionen aus fossilen Energien in der Schweiz mindestens dreimal schneller loswerden als vorgesehen», sagt Georg Klingler, der Leiter Klima bei Greenpeace Schweiz. «Mit einem Klima-Impulsprogramm könnten wir gleichzeitig den Klimaschutz beschleunigen und Arbeitsplätze schaffen.» Er kritisiert, dass «ökologische Kriterien bei den staatlichen Corona-Soforthilfen überhaupt keine Rolle spielten. Es droht eine Verschwendung der Mittel, wenn Gelder in nicht überlebensfähige Branchen fliessen».


Bild: Swissolar / Gian Vaitl

Strombranche im Krisenmodus?

Tatsächlich ist die wirtschaftliche Lage in der Schweiz düster, wie offizielle Daten zeigen: So wird für 2020 ein Schrumpfen der Wirtschaft um fast 5 % prognostiziert. Die Arbeitslosigkeit stieg bisher um 50 %, 50'000 Personen haben ihre Arbeit verloren – weitere Entlassungen werden folgen. Gegen ein Drittel aller Arbeitnehmenden waren in Kurzarbeit. Und rund 80'000 Menschen dürften neu Sozialhilfe beziehen.

Wiederaufbau, aber nachhaltig

Ein Wiederaufbau der Wirtschaft tut Not. Wie dieser nachhaltig zu schaffen ist, zeigen zwei neue Studien. Eine im Auftrag von Greenpeace Schweiz und energie-wende-ja erstellte Expertise skizziert, wie mit einem Impulsprogramm der öffentlichen Hand von 16 Milliarden Franken rund 50'000 Arbeitsplätze geschaffen werden könnten. Die Studienautoren Ruedi Meier und Walter Ott schlagen zahlreiche konkrete Massnahmen vor (siehe Info-Box nebenan). «Die Studie ist interessant wegen ihrer detaillierten Finanzflüsse», sagt SP-Nationalrat und SES-Präsident Beat Jans. «Sie zeigt, wie viel Geld in welche Bereiche investiert werden muss und wie viele Arbeitsplätze dadurch entstehen können.» Ein Beispiel: Mit Gesamtinvestitionen von rund 20 Milliarden in die Photovoltaik, d.h. inklusive privaten Investitionen, können bis 2030 gegen 14'000 Stellen geschaffen werden.

Kostenwahrheit – zum Vorteil aller

Leitlinie beim Wiederaufbau soll Kostenwahrheit sein, konkret etwa via Mobility Pricing. Ein wichtiges Mittel ist auch eine massive Erhöhung der CO2-Abgabe. «Letztlich hätte das Umbauprogramm zur Folge, dass wir unabhängiger vom Ausland werden und erst noch Jobs entstehen», sagt Florian Brunner, der Leiter Fachbereich Klima bei der SES. Zudem hätte ein ökologischer Umbau der Wirtschaft auch massive Einsparungen zur Folge: Durch den Verzicht auf fossile Brennstoffe sparen wir Milliarden an Kosten für deren Import. Und auch die Gesundheitskosten sinken, wenn die Autos kein Benzin oder Diesel mehr verbrennen und so die Luftverschmutzung abnimmt.

Photovoltaik als Jobmotor

Zu den Branchen mit grossem Zukunftspotenzial gehört die Photovoltaik. Dies geht aus einer Studie hervor, die Forscher der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW im Auftrag der SES erstellt haben. Gemäss Bundesrat soll die Schweiz bis 2050 das Ziel Netto-Null-Emissionen erreichen. Das Energiesystem als grösste Quelle von Treibhausgas-Emissionen muss dekarbonisiert werden. Dazu ist ein Ausbau erneuerbarer Energien von geschätzten 44 TWh notwendig. Technisch ist dies mit Photovoltaik-Anlagen, etwa auf Gebäuden oder Parkplätzen, realisierbar. Doch der bisher schleppende Ausbau der Photovoltaik muss massiv beschleunigt werden – um den Faktor 4. Laut Studie sind dazu rund 14'000 neue Arbeitskräfte notwendig, 12'000 Monteure und 2000 PV-Fachplaner. Fazit: Photovoltaik kann zu einem Jobmotor werden, auch für gering Qualifizierte.

Doch dafür müssen die gesetzlichen Rahmenbedingungen stimmen. Zurzeit wird das Energiegesetz revidiert. Die SES fordert, dass die Ausbauziele für Solarenergie deutlich erhöht und zeitliche und finanzielle Förderbeschränkungen aufgehoben werden. Deutschland macht es vor: Dort wurde der Förderdeckel für Photovoltaik abgeschafft.

Keine Klimapolitik auf Sparmodus!

Massnahmen für den klimafreundlichen Wiederaufbau

In der Schweiz haben die SP und die Grünen Vorstösse für ein ökologisches Investitionsprogramm eingereicht. Über entsprechende dringliche Interpellationen wollte das Nationalratsbüro in der Herbstsession nicht debattieren. Bürgerliche Politiker wollten keine weiteren öffentlichen Gelder freigeben, moniert Beat Jans: «Das Parlament ist in Sachen Klimainvestitionen im Sparmodus. » Laut Grünen-Nationalrätin Regula Rytz ist auch «der Bundesrat bisher nicht gewillt, ein Impulsprogramm für die Energie- und Klimawende zu starten». Dies, obwohl der Bund nach der Finanzkrise von 2008 erfolgreich mit Konjunkturprogrammen reagiert habe. Das Geld dafür sei auch jetzt vorhanden, sagt Regula Rytz: «Neue Zahlen zeigen, dass die ausserordentlichen Bundesausgaben für Corona-Hilfen mit rund 18 Milliarden deutlich geringer sind als angenommen.»

Verschiedene renommierte Ökonomen haben sich für Investitionsprogramme ausgesprochen. Andere Staaten packen es an: Deutschland stemmt ein 130-Milliarden-Euro-Konjunkturprogramm – mit Dutzenden Milliarden für die Elektromobilität, den ÖV und CO2-Gebäudesanierungen. Und die EU will über ihr Green-Deal-Programm hinaus eine weitere Billion Euro (1000 Milliarden) in ein Aufbauprogramm stecken.

Nationalrat Jans sieht die Corona-Krise als Wendepunkt. «Jetzt ist erst recht der Moment gekommen, um in Klimaschutz und neue Erneuerbare zu investieren. Somit können wir die Infrastruktur stärken und uns unabhängiger machen. Gerade im Bereich Photovoltaik kann man relativ schnell Arbeitsplätze schaffen.»

 

*Der Autor

Daniel Bütler

Daniel Bütler ist freier Journalist und Texter in Zürich und schreibt regelmässig über Umweltthemen.

www.danielbuetler.ch

 

 

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