Klimapositiv aus der Kaffeepause

Der SES-Kommunikationsleiter ist verunsichert und gestresst. Ein neues Buch liefert Gesprächsstoff zu einem brisanten Klimathema. Florian Brunner, Leiter Fachbereich Klima, schafft es, ihn zu beruhigen. Was ist geschehen? 

Von Florian Brunner und Valentin Schmidt*

Neulich sagt Florian Brunner in der morgendlichen Kaffeepause auf der SES-Geschäftsstelle zu Valentin Schmidt: «Hast du schlecht geschlafen? Du schaust niedergeschlagen aus.»

Schmidt: «Ja, gestern Abend habe ich einen Schocker gelesen, einen regelrechten Horrorroman, sodass ich anschliessend lange nicht einschlafen konnte. Gedankenkarussell und so.»

Brunner: «Stephen King?»

Schmidt: «Nein, Boris Previšić. Ein Kulturwissenschaftler, der in seinem Buch < CO2: Fünf nach zwölf > 1 minutiös die Erkenntnisse der letzten IPCC-Klimaberichte zusammenfasst und verständlich auf den Punkt bringt. Wir wissen es ja bereits, aber glaub mir, es sieht nicht gut aus. Wir haben in Sachen CO2-Emissionen den Point-of-no-Return bereits überschritten! Unser CO2-Budget ist aufgebraucht. Das Pariser Klimaabkommen und das bundesrätliche Netto-Null-Ziel bis 2050 reichen nicht aus, um den Kipp-Punkt zu verhindern, bei dem die Erderwärmung das Leben auf der Erde zur Hölle machen wird. Es sei denn, wir kriegen Treibhausgase im grossen Stil wieder aus der Atmosphäre raus. Aber ob das so einfach geht, da habe ich meine Zweifel. Wie siehst du das?»

Brunner: «Ja, ohne so genannt negative Emissionstechnologien ist das erforderliche Gleichgewicht für Netto-Null-Treibhausgasemissionen nicht zu erreichen.2 Zusätzlich zur Reduktion der Klimagase auf Null müssen wir den zu viel ausgestossenen Kohlenstoff der Atmosphäre wieder entziehen. Wir benötigen also Negativemissionen, damit wir insgesamt klimapositiv werden können.»

Schmidt: «Im Buch steht, dass wir rund 400 Gigatonnen CO2 aus der Atmosphäre wieder entfernen und dauerhaft speichern müssen. Das entspricht einem 10 Kilometer hohen Würfel mit einer Fläche von 40'000 Quadratkilometern, in etwa die Fläche der Schweiz. Aber wie soll das gehen?»

Brunner: «Es gibt verschiedene Ideen und Ansätze, sowohl natürliche als auch technologische. Allen ist gemein, dass noch Fragen bezüglich Kosten, Umweltauswirkungen, Dauerhaftigkeit oder Zielkonflikte geklärt werden müssen (siehe Infobox). Das grösste Potenzial und das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis liegt bislang bei den biologischen Verfahren. Dazu gehören die Aufforstung von Wäldern, schonende Bodenbewirtschaftung oder die Wiederherstellung von Küstenfeuchtgebieten und Mooren.»

Schmidt: «Ich habe aber schon gelesen, dass z.B. die Aufforstung gewisse Limiten hat.»

Brunner: «Richtig, die Aufforstung braucht enorme Flächen, und der Platz auf der Erde ist begrenzt. Nicht überall macht das Pflanzen von Bäumen Sinn. Im hohen Norden wäre es klimatechnisch sogar kontraproduktiv, da Treibhausgase aus dem Permafrost freigesetzt werden könnten. Effektiver wäre es, die Wald-Rodungen in den Tropen zu stoppen und dort wieder aufzuforsten. Die Böden hingegen können sehr viel mehr CO2 aufnehmen, wenn sie sanfter bewirtschaftet werden. Das macht sie zudem fruchtbarer und widerstandsfähiger gegen die Folgen des Klimawandels. Ähnlich wie bei der Aufforstung sind die Böden aber irgendwann mit Kohlenstoff gesättigt. Eine andere Option ist Pflanzen- beziehungsweise Biokohle. Sie besteht aus Kohlenstoff, den die Pflanze beim Wachsen gebunden hat. Speichern kann man diesen Kohlenstoff, wenn die Biokohle in die Böden eingearbeitet wird.»

Schmidt: «Aha. Und wie steht es um die technologischen Verfahren zur CO2-Abscheidung?»

Schweizer Spotpreise während der Corona-Krise

Brunner: «Die sind noch am Anfang ihrer Entwicklung, erst teilweise vorhanden oder noch nicht abschliessend erprobt. Am teuersten sind bislang so genannte Air-Capture-Verfahren, wie die Schweizer Firma Climeworks sie einsetzt. Das CO2 direkt der Atmosphäre zu entziehen, klingt vielversprechend, ist allerdings äusserst energieintensiv. Strom und insbesondere Wärme sind nötig, um das CO2 zu filtern. Nichtsdestotrotz sind die Kosten am Sinken. Die grosse Chance besteht darin, aus dem gefilterten CO2 synthetische Kraftstoffe herzustellen: Das Treibhausgas könnte schon bald von einem unerwünschten Abgas zu einem wertvollen Rohstoff für industrielle Prozesse werden. Der Fachbegriff hierfür lautet CCU – Carbon Capture & Utilization. Dabei gilt es aber zu berücksichtigen, dass das CO2 als Rohstoff zwischenzeitlich gebunden, bei der energetischen Nutzung aber auch wieder freigesetzt wird und so keinen Klimaschutzeffekt aufweist!»

Schmidt: «Das klingt alles noch vage. Was sollten wir denn angesichts dieser Unklarheiten tun?»

Brunner: «Die Antwort ist simpel: Alles! Wir sollten möglichst alle Ansätze weiterverfolgen. Technologien, die der Atmosphäre CO2 entziehen, müssen neben der Steigerung der Energieeffizienz und dem Ausbau der erneuerbaren Energien Teil des globalen Klimapfads werden. Es müssen parallel alle Hebel in Bewegung gesetzt werden. Die Hoffnung auf negative Emissionstechnologien darf aber nicht als Ausrede dienen, um den Ausbau der Erneuerbaren zu verzögern. Der Umbau unserer Energieversorgung muss jetzt geschehen. Für die letzten paar Tonnen CO2, deren Ausstoss wir nicht komplett vermeiden können, bietet sich durch NET eine Möglichkeit, sie aus der Luft zu < waschen > .»

Schmidt: «Danke Florian. Das stimmt mich jetzt wieder etwas positiver.»

 

Quellen und Verweise

  1. Boris Previsic (2020), CO2: Fünf nach zwölf – Wie wir den Klimakollaps verhindern können. Mandelbaum Verlag, Berlin.
  2. Im September 2020 hat der Bundesrat einen Bericht über die Bedeutung von negativen CO2-Emissionen für die künftige Schweizer Klimapolitik gutgeheissen.
  3. In der Zement- und Stahlindustrie oder auch Landwirtschaft (Viehzucht) sind Emissionsreduktionen bedeutend schwieriger als bei Verkehr, Wärme und Strom.

 

*Die Autoren

Valentin Schmidt

Valentin Schmidt
Leiter Kommunikation

Tel. 044 275 21 23
Mail:
valentin.schmidt@energiestiftung.ch
Twitter: @energiestiftung.ch

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