Energiesuffizienz – Zeitenwende durch Corona?

Die Corona-Krise hat unseren Alltag und unser Arbeitsleben stark beeinflusst. Eine aktuelle SES-Studie zeigt die energetischen Effekte von Corona auf und wie es gelingen kann, die positiven Veränderungen beizubehalten. 

Von Anja Umbach-Daniel und Julia Brandes*

Noch 2019 hat die Klimakrise viele Menschen bewegt und aktiviert. Vielen ist klar geworden, dass wir systemische Veränderungen brauchen, um die ökologische Katastrophe abzuwenden. Dann kam Corona – und veränderte unser Leben dramatisch. Ausgerechnet dieses kleine unsichtbare Virus hat uns aber auch ein Gelegenheitsfenster beschert, die Zukunft nachhaltig zu gestalten. Die Corona-Krise leitete nämlich gesellschaftliche Veränderungen auf allen Ebenen ein. Vor allem machte die Zeit im Lockdown und danach eines deutlich: Unsere Gesellschaft ist durchaus willens und in der Lage, in extrem kurzer Zeit die notwendigen Vorkehrungen zu treffen und (wenigstens eine Zeit lang) zusammenzustehen, um in gemeinschaftlicher Solidarität zu handeln. Das macht Hoffnung, auch die grösste aller Krisen, die Klimakrise, zu meistern.


Bild: Reuters/ Arnd Wiegmann

Mehr Energieeffizienz dank Verhaltensänderungen?

Der Lockdown und die Schutzmassnahmen im Zuge der gestiegenen Infektionszahlen haben zu – wenn auch unfreiwilligen – individuellen und gesellschaftlichen Verhaltensänderungen geführt, mit Auswirkungen auf den Energieverbrauch. Diskutiert werden seither unter anderem der Wandel des Mobilitäts- und Reiseverhaltens (z.B. verstärkte Velonutzung, weniger Flugverkehr, Urlaub im eigenen Lande), Homeoffice und verstärkte Digitalisierung (Videokonferenzen) sowie ein geringerer und regionalerer Konsum.

Die Auswirkungen auf Energieverbrauch und CO2-Bilanz sind jedoch differenziert zu betrachten, da auch Rebound-Effekte auftreten, die Energieeinsparungen in einem Bereich durch ein klimaschädlicheres Verhalten in einem anderen Bereich kompensieren. Die SES hat in einer Literaturanalyse ausgewählte Beispiele der durch die Corona-Krise angestossenen Verhaltensveränderungen untersucht, die ein hohes Potenzial für mehr Energiesuffizienz bieten. Ziel ist es, die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Energieverbrauch zu diskutieren und Vorschläge für politische Anreize zu entwickeln, die helfen, die angestossenen Verhaltensänderungen beizubehalten.

Hat die Zukunft der Arbeit begonnen?

Schweizer Spotpreise während der Corona-Krise

Corona hat die Arbeitswelt verändert und unzählige ArbeitnehmerInnen ins Homeoffice geschickt. Geschäftsreisen mit Flugzeug und Bahn wurden gestrichen bzw. auf ein Minimum beschränkt und durch Videokonferenzen ersetzt. Homeoffice lag zwar bereits vor Corona im Trend, hat sich aber durch Corona klar verstärkt. Eine Studie schätzt, dass während der Corona-Krise zusätzlich 335'000 Beschäftigte im Homeoffice tätig waren. Gemäss einer anderen Befragung lag der Anteil der Beschäftigten, die von zu Hause arbeiteten, bei 50 %. Bei vielen Arbeitnehmenden besteht der Wunsch, auch nach der Corona-Krise einen Anteil Homeoffice beizubehalten. Auf Arbeitgeberseite scheint ebenfalls eine positive Einstellung zum Homeoffice zu überwiegen.

Energetische Wirkung von Homeoffice

Ob mehr Homeoffice und mobiles Arbeiten auch zu Energieersparnissen geführt haben, dazu ist die aktuelle Forschung nicht eindeutig: In einer Meta-Studie weisen 26 recherchierte Studien eine Abnahme des Energieverbrauchs aus, acht hingegen zeigen einen zunehmenden bzw. neutralen Einfluss. Die grössten Energieeinsparungen erfolgen durch den Rückgang des Pendlerverkehrs und durch geringeren Energieverbrauch von Bürogebäuden. Mögliche Rebound-Effekte sind, dass das Auto zusätzlich für kürzere Strecken zum Einkaufen genutzt wurde. Auch wohnen Mobilarbeitende vergleichsweise weiter entfernt von ihrem Arbeitsplatz, sodass sie dann zwar seltener, aber dafür längere Pendlerwege zurücklegen.

Unter der Annahme, dass zirka 20 % aller beruflichen Tätigkeiten weltweit im Homeoffice durchgeführt werden könnten, schätzen WissenschaftlerInnen, dass der jährliche Energieverbrauch um 8,5 Mtoe (Million Tonnes of Oil Equivalent) abnehmen könnte. Hierzulande zeigt eine Untersuchung aus dem Jahr 2018, dass räumlich flexible Arbeitsformen – damals von zirka 8,4 % der Schweizer Bevölkerung praktiziert – zu einer Abnahme des Verkehrs um 1,9 % geführt haben. Eine frühere Studie im Auftrag des BFE ermittelte für die Schweiz, dass durch eine Verringerung von 200 Mio. Kilometern Pendelwegen (entspricht beim durchschnittlichen Modalsplit rund 140 Mio. Autokilometern) und einer Arbeitsfläche um 2 m2 pro Beschäftigtem im Jahr 2014 bereits 136 GWh eingespart wurden, ohne Abzug von Kompensationseffekten. Zukünftig lassen sich gemäss dieser Studie bis zu 1500 GWh pro Jahr einsparen – unter der Voraussetzung, dass rund 65 % der Unternehmen entsprechende Angebote haben und schweizweit zirka ein Viertel der Beschäftigten diese auch nutzt.

Anreize, um positive Effekte zu verstetigen

Schweizer Spotpreise während der Corona-Krise

Auf Seiten der Unternehmen stellte sich als eine der grössten Herausforderung die fehlende Infrastruktur für den Arbeitsplatz zuhause heraus. Hier bieten sich finanzielle Anreize zum Ausbau von Homeoffice und dem mobilen Arbeiten von Mitarbeitenden an. Dies könnte in Form einer Direktzahlung an KMU geschehen oder allgemein als steuerliche Massnahme. Und es gibt Nachholbedarf an Führungs- sowie an Medien- und Kommunikationskompetenzen.

Auf Seite der Arbeitnehmenden werden neben der unsicheren Rechtslage die Bereiche Gesundheit (mangelhafte ergonomische Ausstattung), Entgrenzung von Privat- und Berufsleben sowie Ausstattungskosten als Herausforderungen für Homeoffice angesehen. Auf Arbeitnehmerseite bieten sich finanzielle Anreize zum Ausbau von Homeoffice an, z.B. verbesserte steuerliche Anrechenbarkeit von Ausgaben für Homeoffice.

Auf Arbeitnehmerseite besteht auch Nachholbedarf im Bereich digitaler Kompetenzen. Für Geringverdiener könnten kostenlose Weiterbildungsmöglichkeiten helfen, den digitalen Gap zu überbrücken. Mobiles Arbeiten liesse sich zudem durch den Ausbau von wohnortnahen Coworking-Spaces (Bürogemeinschaften) ausweiten. Dadurch könnten soziale Isolation und das Verschwimmen von Berufs- und Privatleben abgemildert werden.

Jetzt die Chance nutzen!

Corona hat uns viel abverlangt, aber auch nachhaltigeren Verhaltensweisen Auftrieb gegeben. Das Gelegenheitsfenster «Corona» beginnt sich bereits langsam zu schliessen. Deshalb gilt es jetzt, die Chance zu nutzen und möglichst zügig umfassende Massnahmen einzuleiten, um die angestossenen positiven Veränderungen beizubehalten.

 

*Die Autorinnen

Anja Umbach-Daniel

Anja Umbach-Daniel ist SES-Beirätin und Bereichsleiterin beim interdisziplinären Forschungsbüro Rütter Soceco.

 

Julia Brandes

Julia Brandes ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim interdisziplinären Forschungsbüro Rütter Soceco.

» www.ruetter-soceco.ch

 

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