Jetzt gehts um die Wurst!

Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist für den Klimaschutz zentral. Die Ziele im Energiegesetz bilden das aber nicht ab. Die geplante Gesetzesrevision bietet nun Gelegenheit, das zu korrigieren. Nutzen wir jetzt, was wir in der Schweiz zur Verfügung haben: Sonne, Wind und Wasser – und unsere Köpfe.

Von Florian Brunner*

Ohne erneuerbare Energien erreichen wir die Klimaziele nicht. Der Klimawandel lässt sich bekanntlich nur in den Griff bekommen, wenn unter dem Strich keine Treibhausgase mehr produziert werden. Dieses «Netto Null»-Ziel ist gleichbedeutend mit einer vollständigen Abkehr von fossilen Brenn- und Treibstoffen. Um diese zu ersetzen, brauchen wir den Ausbau erneuerbarer Energien. Mit dem neuen Energiegesetz (EnG) steht daher eine wichtige Entscheidung und Weichenstellung an.

Der Ausbau der Erneuerbaren stockt…

Das Potenzial der Solarenergie ist riesig. Der Bau neuer erneuerbarer Kraftwerke muss in der Schweiz dringend beschleunigt werden. Damit dies gelingt, braucht es ein zweites Massnahmenpaket zur Energiestrategie 2050. Die heutigen Rahmenbedingungen setzen leider keine Anreize für neue Anlagen – auch nicht für Solar- und Wind-Kraftwerke. Das zeigt sich jedes Jahr wieder beim von der SES erstellten Ländervergleich: Seit Jahren bewegt sich die Schweiz im europäischen Vergleich auf den hintersten Rängen bezüglich Solar- und Windstromproduktion. Und das obwohl in der Schweiz allein auf Hausdächern und -fassaden jährlich 67 TWh Strom erzeugt werden könnten, was den Landesstromverbrauch von rund 60 TWh deutlich übersteigt. Zudem haben Photovoltaik- wie auch Windenergieanlagen in den letzten Jahren einen rasanten Preiszerfall erlebt und gehören heute zu den günstigsten Techniken zur Stromerzeugung.

Auf dem Dach des Verteilbetriebs des Lebensmittelproduzenten Migros steht die grösste Solaranlage der Schweiz. Installateur: TRITEC AG

…weil der Strommarkt bockt

Solange die alten, umweltschädlichen nuklearen und fossilen Kraftwerke weiterlaufen, gibt es allerdings zu viel Strom im Netz. Bevor wir diese Kraftwerke also nicht abschalten, rechnen sich Investitionen in neue Anlagen nicht. Wir brauchen Investitionen in neue erneuerbare Energieanlagen und dafür müssen wir jetzt mehr Investitionssicherheit schaffen. Es soll sich in der Schweiz wieder lohnen, in Produktionskapazitäten zu investieren.

Die fehlende Investitionssicherheit im Inland spüren auch die Schweizer Stromversorger. Sie investieren fast nur im Ausland in erneuerbare Energien. «Axpo ist bereits heute die grösste Produzentin von erneuerbarer Energie in der Schweiz und wir würden gerne noch mehr tun – gerade im Solarbereich. Aber Investitionen in grosse Neuanlagen lohnen sich derzeit wirtschaftlich schlicht nicht. Was es jetzt bei der Revision des Energiegesetzes braucht, sind möglichst marktnahe Rahmenbedingungen, die Anreize für den zügigen Ausbau von erneuerbaren Grossanlagen in der Schweiz schaffen», erklärt Alena Weibel, Head Public Affairs bei der Axpo.

Das Energiegesetz muss für gleich lange Spiesse gegenüber dem Ausland sorgen. Nicht überraschend fordert eine breite Allianz der Schweizer Energiewirtschaft – zu der auch die Axpo gehört – ein wirksames Finanzierungsmodell für erneuerbare Energien. Die Schweiz soll ihre Stärken ausspielen und nutzen, was sie hat – Sonne, Wind, Wasser und unsere Köpfe.

Bis das neue Energiegesetz rockt…

Erneuerbare Energien in der Schweiz auszubauen, gehört zu den einfachsten aller Klimaschutzmassnahmen. Sie ist rasch umsetzbar, günstig und hat sich bisher bewährt. Hinzu kommt, dass wir auch den Atomstrom in absehbarer Zeit umweltfreundlich ersetzen müssen. Für das Energiegesetz, das der Bundesrat am 3. April in die Vernehmlassung geschickt hat, bedeutet das konkret: Die Ausbauziele für erneuerbare Energien müssen jetzt für verbindlich erklärt und stark nach oben korrigiert werden.

Die SES begrüsst die vorgeschlagene Stossrichtung. Die Ziele für den Ausbau und die konkreten Massnahmen reichen aber längst nicht aus, um das vom Bundesrat selbst gesetzte Ziel Netto Null Treibhausgasemissionen bis 2050 im Energiesektor zu erreichen. Bis 2035 kann damit gerade einmal die Hälfte des Atomstroms ersetzt werden. Was fehlt ist der zusätzliche Strom, mit dem Benzin, Diesel und Heizöl in Form von elektrischem Verkehr und Wärmepumpen ersetzt werden sollen. Die SES strebt eine möglichst hohe energetische Eigenversorgung der Schweiz an, um die einheimische Wertschöpfung und die Versorgungssicherheit zu stärken.

…und am Ende das Klima frohlockt!

Heute importieren wir drei Viertel unserer Energie in Form von Erdöl, Erdgas und Uran, in Zukunft wird ein grosser Teil davon elektrische Energie sein. Diesen zusätzlichen Strom einfach durch Importe decken zu wollen, scheint fahrlässig: Zum einen sind unsere Nachbarländer derzeit selber stark gefordert, wenn es darum geht, ihre Kohle- und Atomkraftwerke zu ersetzen. Selbst im Energiewendeland Deutschland gerät derzeit der Ausbau der Windenergie ins Stocken. Eine intelligente Energiepolitik investiert schon heute in die Energieversorgung von morgen. Damit kann unsere Unabhängigkeit bei der Energieversorgung erhöht, die Versorgungssicherheit gestärkt und die Dekarbonisierung aufgegleist werden. Nebenbei bringt das auch Wertschöpfung und Arbeitsplätze im Inland – kommt also unserer Wirtschaft zugute: den PlanerInnen, den Installateuren, der Energiewirtschaft und ihren Zulieferern sowie der Forschung. Die ganze Schweiz profitiert von einer guten, umweltfreundlichen und sicheren Energieversorgung. Und ganz wichtig: Auch das Klima profitiert. Jetzt ist es höchste Zeit, um zu handeln.

*Der Autor

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