Marmor, Stein und Eisen bricht – nur die Liebe zur Stromlücke nicht

Die Stromlücke ist seit Jahrzehnten der Verkaufsschlager der Strombranche für neue Kraftwerke schlechthin. Die neuste Auflage des Evergreens erklingt nicht erst seit der Corona-Pandemie. Doch seither steigt die Zahl derer, die in den Chor miteinstimmen. Was ist dran, am Klagelied?

Von Nils Epprecht*

Das Intro

«Stromperspektiven 2020» heisst ein Papier der Axpo aus dem Jahr 2007. Die zentrale Erkenntnis von Autor Niklaus Zepf, dem Axpo-Chefstrategen, lautet darin: «Eine Gegenüberstellung der verfügbaren Produktionskapazitäten mit der Bedarfsentwicklung im Winterhalbjahr zeigt, dass je nach Verbrauchsanstieg, die Schweiz ab 2012 eine Versorgungslücke aufweisen dürfte.» Sein damaliger CEO Heinz Karrer ging damit auf Tournee. In Interviews und Vorträgen warnte er landauf, landab von der «Stromlücke». Doch der Begriff wurde schon viel früher erfunden: Die Strombranche verwendete ihn bereits seit den 1970er-Jahren und den Plänen von Kaiseraugst, als sie die Bevölkerung von der Notwendigkeit eines neuen Atomkraftwerks überzeugen wollte1. Zepf stiess 2007 fast ins selbe Horn: Eiligst aufgebaute Gaskraftwerke sollten genügend Strom produzieren, bis 2020 die beiden ältesten Schweizer AKW Beznau und Mühleberg durch neue, grössere AKW ersetzt würden.

Der Refrain

Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2020. Aus den «Stromperspektiven 2020» hat sich kaum etwas bewahrheitet. Die Reaktorkatastrophe in Fukushima 2011 hat in der Schweizer Strompolitik keinen Stein auf dem anderen gelassen. Mit einer Ausnahme: Der Warnruf vor der Stromlücke. Exemplarisch dafür die NZZ, die in Meinungs- und Fachartikeln schon fast kampagnenartig verlautbart: «Die Schweiz setzt ihre Versorgungssicherheit fahrlässig aufs Spiel». Die Sorge: Wenn in Deutschland 2022 die letzten AKW vom Netz gingen, allerspätestens aber mit dem Abschalten der Kohlekraftwerke würden sich Lieferengpässe im Winterhalbjahr ergeben2.

Sekundiert wird die NZZ von der Strombranche: Der VSE, der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen, schreibt in einem Positionspapier zum CO2-Gesetz zuhanden der Parlamentarier: «Extreme kalte Dunkelflauten treten vornehmlich im Winter auf und können bis zu zwei Wochen lang anhalten.» Eine Forderung nach neuen AKW ist im Positionspapier zwar nicht zu finden, aber: «Zur Überbrückung solcher zeitlich begrenzten Versorgungsengpässe im Winterhalbjahr können Gaskraftwerke dank ihrer hohen Flexibilität und Steuerbarkeit einen Beitrag leisten.» Und auch die Kraftwerke Oberhasli begründen das derzeit grösste Projekt für ein neues Kraftwerk in der Schweiz, ein neuer Speichersee in der Triftregion, zuallererst damit, dass in der Schweiz im Winterhalbjahr «teilweise Stromengpässe» bestünden.

Die Begleitmusik

Immer noch dieselbe Leier also? Wird die Stromlücke nur erfunden, um Grosskraftwerke herbeizureden? Nicht ganz. Denn es gibt noch andere, warnende Stimmen. Zum Beispiel die Swissgrid. Die Schweizer Übertragungsnetzbetreiberin klagt jedoch bereits seit Jahren über sogenannte «ungeplante Flüsse» in ihrem Netz. Die Schweiz ist zwar über so viele Stromnetze mit dem Ausland verknüpft wie kein anderes Land in Europa. Physikalisch lässt sich nicht verhindern, dass viel europäischer Strom durch Schweizer Netze fliesst. Geplant – oder eben auch ungeplant. Als Nicht-EU-Land ist die Schweiz jedoch nach wie vor nicht vollwertig in die Märkte der Nachbarländer integriert. Das Bestellen von ausgleichender Mehr- oder Minderproduktion bei Schweizer Kraftwerken wird damit zur Herausforderung. Die Swissgrid agiert wie eine blinde Seglerin auf See, die keine Warnleuchten sieht und ihre Segel erst fiert, wenn der Sturm schon da ist. Die Gefahr besteht, dass Netze über- oder unterlastet werden. Im allerschlimmsten Fall droht ein geographisch begrenztes Blackout. Abhilfe schaffen könnte ein Stromabkommen mit der EU. Doch dieses ist seit langem in den Verhandlungen ums Rahmenabkommen blockiert. Immerhin: Das Problem der Swissgrid hat wenig bis gar nichts mit fehlenden inländischen Kraftwerkskapazitäten zu tun. Es ist also höchstens etwas Begleitmusik im Konzert der Strombarone.

Die 1. Strophe

Fällt die neue Stromlücke also doch mit Pauken und Trompeten durch? So einfach ist es nicht. Denn auch die Elcom, die Elektrizitätskommission des Bundes, dazu auserkoren, über die Versorgungssicherheit zu wachen, ist besorgt. So schreibt sie in einem Grundlagenpapier von vergangenem Februar3: Bei der «zukünftigen Exportfähigkeit und Exportwilligkeit der Nachbarländer [bestehen] erhebliche Unsicherheiten». Die Elcom bezieht sich auf die Wintersituation 2016/17. Damals standen in der Schweiz drei Reaktoren in Beznau und Leibstadt sowie zahlreiche französische AKW aufgrund technischer Probleme still. Gleichzeitig sorgten tiefe Temperaturen für einen hohe Strombedarf. Das im Winter normalerweise in die Schweiz exportierende Frankreich musste selber Strom aus Deutschland importieren, um die vielen Stromheizungen im Land zu betreiben. Die Schweiz importierte 10 Terawattstunden Strom. Für die Elcom im Nachhinein so etwas wie die gesicherte Obergrenze, was an Importen in heiklen Situationen gerade noch möglich ist. Mit dem anvisierten Ausbau an erneuerbaren Energien gemäss Energiestrategie 2050 wären jedoch künftig bis zu 17 Terawattstunden Import nötig. Denn die Langfrist-Strategie des Bundes sieht nur zum Teil vor, den Atomstrom aus Schweizer AKW im Inland zu ersetzen. Vom zusätzlichen Strombedarf, mit dem klimaschädliches Benzin oder Heizöl in Form von Elektromobilität oder Wärmepumpen ersetzt werden sollen, ist noch gar keine Rede.

Die 2. Strophe

Mutter der Energiestrategie 2050 ist die ehemalige Bundesrätin Doris Leuthard und mit ihr das Bundesamt für Energie BFE. Aus diesem Hause ertönt der lauteste Widerspruch auf das Hohelied der gefährdeten Versorgungssicherheit. Periodische Studien zur Versorgungssicherheit, die Spezialisten der Universität Basel und der ETH anfertigen, kamen erst gerade letzten Spätherbst wieder zum Schluss4: Alles kein Problem. Die Studie berücksichtigt zwar nicht, was passiert, wenn die Schweiz kein Stromabkommen mit der EU abschliesst, liest sich ansonsten aber wie eine Hose mit Gurt, Gummiband und Hosenträger: Selbst bei der «extrem kalten Dunkelflaute» in Kombination mit einem früheren Ausstieg Deutschlands aus der Kohle, einem früheren Abschalten aller schweizerischer und Teilen der französischen AKW und Verzögerungen beim Stromnetzausbau gibt es in der Schweiz keine Versorgungsprobleme. Diese treten frühestens dann auf, wenn hierzulande der Strombedarf aufgrund der erwähnten Elektrifizierung ansteigt. Doch selbst dann gilt: Aufgrund der engmaschigen Vernetzung mit dem ausländischen Stromnetz hätte in diesem Fall nicht nur die Schweiz, sondern viel mehr Süddeutschland oder Norditalien ein Problem. Helfen würden mehr Erneuerbare. Im Subtext ist die Studie auch ein Loblied auf die Schweizer Wasserkraft. Dank ihrer Flexibilität ist die Schweiz praktisch immer in der Lage, Engpässe auszugleichen.

Die Bridge

Zugespitzt lautet die Situation vor der Corona-Krise damit Politik versus Physik. Die Elcom gewichtet die Unsicherheiten der Politik höher, das BFE die Sicherheiten der Physik. Doch der Corona-Lockdown ist noch keine zwei Wochen alt, da meint Matthias Gysler, Chefökonom beim BFE in einem Gespräch: «Die Corona-Krise wird die Debatte um die Versorgungssicherheit in der Schweiz verändern». Einige Tage zuvor hatten mehrere EU-Länder dringend benötigte Schutzmasken an der Schweizer Grenze gestoppt. SVP-Nationalrat Thomas Matter nutzt den Steilpass als erster und vermeldete im Tages-Anzeiger, die Schweiz könne auch in einer Stromkrise nicht mit Frankreich und Deutschland rechnen5.

Doch auch die SP-Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga schreibt Anfang April, als sie die Revision des Energiegesetzes kommuniziert auf Twitter: «Versorgungssicherheit stärken dank mehr sauberem Strom aus der Schweiz». Der Slogan kann auch als magistrale Aufforderung an BFE und Elcom gedeutet werden, aufeinander zuzugehen. Sommaruga ist die oberste Chefin der beiden Behörden. Und tatsächlich finden sich in den gegensätzlichen Positionen Schnittmengen: So ortet das Elcom-Papier nach der Analyse das grösste Lösungspotenzial im Ausbau winteroptimierter Solarenergie. Und genau hier setzt der aus dem Hause BFE stammende Vorschlag für das neue Energiegesetz an. So sollen unter anderem die Anreize für solare Grossanlagen markant verbessert werden. Sommarugas Position lässt sich damit mit denselben Worten beschreiben, die eher im Zusammenhang mit Corona zu lesen sind: Vorsicht ja – aber keine Panik.

Das Outro

Harmonisches Ende? Noch nicht ganz. Dass 2020 nicht 2007 ist, symbolisiert wohl niemand besser als Niklaus Zepf. Trotz nicht eingetretener Apokalypse ist der Stromlückenprophet noch immer Chefstratege bei der Axpo. Viel erinnert jedoch nicht mehr an vergangene Tage. Sogar seinen Namen hat er modernisiert: Niklaus heisst jetzt Nick. In einem Blogeintrag der Axpo von Anfang März schreibt er über Klima- und Energiepolitik. Um die Erderwärmung zu begrenzen seien bis 2050 zusätzliche 55 Terawattstunden Strom nötig. Das grösste Potenzial sieht Nick Zepf bei der Solarenergie. Das ist genau diejenige Technologie, deren Kosten er im Papier von 2007 so darstellte, dass sie die Obergrenze der Grafik sprengten und gen Himmel wuchsen. Doch selbst die Axpo steht im Wandel. Zwar hält sie unbeirrt an ihren Uralt-Reaktoren von Beznau fest, doch 2019 wurde mit Urbasolar ein aufstrebendes Solar-Unternehmen aus Frankreich übernommen. Mit den 55 Terwattstunden liegt Zepf sogar über den Forderungen von Swissolar-Präsident und SP-Nationalrat Roger Nordmann, der in seinem neuen Buch den Ausbau von rund 45 Terawattstunden Solarenergie fordert6. Mutiert Zepf vom Saulus zum Paulus der Strombranche? Mit dem Original teilt er immerhin den Übereifer. Der Grundtenor in seinem Text lautet wie eh und je: «Mehr Kraftwerke braucht das Land!»

 

Quellen und Verweise

  1. Michael Fischer 2018, Atomfieber, Verlag Hier und Jetzt
  2. Kommentar von Helmut Stalder in der NZZ vom 22.5.2019, Die Schweiz steuert auf einen Strommangel zu – und sie tut zu wenig, um ihn abzuwenden
  3. Rahmenbedingungen für die Sicherstellung einer angemessenen Winterproduktion, Einschätzung der ElCom vom 27.2.2020
  4. Modellierung der Erzeugungs- und Systemkapazität (System Adequacy) in der Schweiz im Bereich Strom 2019, Bundesamt für Energie, 31.1.2020
  5. Artikel von Denis von Burg et al. in der Sonntagszeitung vom 21. März 2020: Die Bazooka der Schweiz – das Geld reicht noch lange.
  6. Roger Nordmann 2019; Sonne für den Klimaschutz, Zytglogge-Verlag

 

*Der Autor

Nils Epprecht

Nils Epprecht
Geschäftsleiter

Tel. 044 275 21 21
Mobile: 077 455 99 79
Mail: nils.epprecht@energiestiftung.ch
Twitter: @nepprecht

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