Corona zieht den Stecker

Die Strompreise liegen flach. Wie die gesamte Wirtschaft kann sich auch die Strombranche nicht vor den Nebenwirkungen von COVID-19 schützen. Die Massnahmen aller europäischen Regierungen fordern ihren Tribut. Ein Blick auf die Turbulenzen im Strommarkt und die drohende Wirtschaftskrise.

Von Simon Banholzer und Tonja Iten*

Nach dem 30. März ging die Hälfte der SBB-Züge vom Netz. Die Leute pendeln nicht mehr mit dem öffentlichen Verkehr, sondern sitzen im Home-Office. Restaurants, Hotels, Clubs haben die Lichter gelöscht, die Schulen sind geschlossen, auch zahlreiche Büros sind leer. Der Bundesrat hat Mitte März das Leben in der Schweiz auf das Nötigste heruntergefahren: «Systemrelevant» ist das Wort der Stunde. Auch Strom gehört zur Grundversorgung. Wenn aber jeder zweite Zug stillsteht, wenn ganze Tourismusregionen unbesucht bleiben, dann braucht das weniger Strom. Was bedeutet dies für die Stromproduzenten und den Strommarkt? Was, wenn die Wirtschaft über Monate im Krisenmodus funktionieren muss? Gefährdet die Pandemie letztlich gar die Energiewende oder bietet sie auch Chancen?

Im Hauptbahnhof Zürich ist während des Lockdowns gespenstische Ruhe eingekehrt.
Bild: Bernard van Dierendonck.

Strombranche im Krisenmodus?

Der Lockdown ist historisch einmalig. Frühere Wirtschaftskrisen wie die Finanzkrise von 2008 führten einzig bei der Industrie wegen ausfallender Produktion zu reduziertem Stromkonsum. In der Rezession 2009 verbrauchte die Schweizer Industrie 1 Terawattstunde (TWh) weniger Strom als im Vorjahr (2008: 19,2 TWh). Die Corona-Krise ist aber keine normale Wirtschaftskrise. Je stärker die Massnahmen der Regierungen in das tägliche Leben eingreifen, desto stärker fällt der Stromkonsum. Länder mit strikten Ausgangssperren wie Spanien und Frankreich haben einen Einbruch von bis zu 17 % zu verzeichnen, die italienische Stromnachfrage ist teilweise gar bis zu 30 % eingebrochen. Marianne Zünd vom Bundesamt für Energie (BFE) meint gegenüber Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), solch starke Rückgänge seien in der Schweiz nur vereinzelt in städtischen Gebieten mit vielen Industrie- und Gewerbekunden zu beobachten.

Schweizer Spotpreise während der Corona-Krise

Das drückt auf den Strompreis. Zumindest kurzfristig sind die Spuren deutlich, wie sich an der europäischen Strombörse EPEX zeigt: Die Schweizer Spotpreise sanken auf ein Rekordtief von unter 20 Franken pro Megawattstunde (Durchschnittspreis für März). Wie stark sind die Schweizer Stromkonzerne davon betroffen? Thomas Grond von Repower kommentiert, die Situation sei natürlich unschön, aber «die aktuellen Preisentwicklungen sind nicht lebensbedrohlich». Auch bei der Axpo ist man zumindest vorläufig zuversichtlich, wie Mediensprecher Tobias Kistner mitteilt: «Kurzfristig treffen uns die gesunkenen Preise auf dem Spot- und Terminmarkt nicht mit voller Wucht.» Auch die Axpo hat gemäss Absicherungsstrategie den Grossteil der Produktion abgesichert und für die kommenden drei Jahre ist der grösste Teil der Produktion bereits verkauft. Doch wie sieht es längerfristig aus?

Wie schnell erholt sich die Wirtschaft?

Die Zahlen mitten im Lockdown sind erschreckend. Die Frage ist, wie schnell der Bundesrat und andere Regierungen die Lockerung der Massnahmen umsetzen können, ohne dass die Infektionsrate wieder ansteigt. Doch was passiert, wenn eine weitere Corona-Welle kommt? Was, wenn die Wirtschaft auf breiter Front zusammenbricht? Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) geht mittlerweile von verschiedenen Szenarien für die schweizerische Volkswirtschaft aus. Im «Worst Case», wenn die Schweiz und ihre Haupthandelspartner bis im Sommer grosse Ausfälle haben, könne es zu sekundären Effekten wie Konkursen und Massenentlassungen kommen. Das SECO erwartet im schlimmsten Fall also: Das BIP fällt 2020 um 10 % und die Arbeitslosigkeit steigt von 3 auf 7 %. Das wäre deutlich mehr als nach der Finanzkrise 2009 (BIP − 2,5 %, Arbeitslosenquote 3,7 %). Dies dürfte auch den Strommarkt spürbar treffen. Sollte der Einbruch linear zur Finanzkrise 2009 verlaufen, betrüge der Rückgang bei der Stromnachfrage 4 TWh oder die halbe Stromproduktion des AKW Gösgen.

Die Strombranche wagt keine festen Prognosen. Eine derartige Unsicherheit quer durch die Welt ist ein Novum. «Es gibt keinerlei verlässliche Aussagen!», so Thomas Grond, «die Annahmen ändern fast im Stundentakt.» Für die mittelfristige Zukunft von Repower bleibt er optimistisch. Entscheidend wird sein, wie lange die tiefen Preise im Stromhandel anhalten, insbesondere für die Axpo, welche sämtlichen Strom zu Marktpreisen zu verkaufen hat. «Sollten die Preise länger als 18 Monate tief bleiben, müssten wir beginnen, unsere Produktion auf diesen tiefen Niveaus zu verkaufen», beurteilt Tobias Kistner die Situation: «Wie gut die Axpo durch diese Krise kommt, hängt letztlich also ganz von der Dauer und Intensität der Krise ab.»

Von der Wirtschafts- zur Staatenkrise?

Wirtschaftskrisen ziehen sich hin, wenn politische Krisen hinzukommen: Sollten hoch verschuldete Staaten wie Italien oder Spanien zusätzlich ihre Kreditwürdigkeit verlieren, könnte dies den Schweizer Haupthandelspartner EU nachhaltig schädigen. Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann von der Universität Zürich geht aber nicht davon aus: «Die Europäische Zentralbank wird mit ihrem Kaufversprechen dafür sorgen, dass sich Italien und Spanien weiterhin zu tiefen Zinsen auf dem Markt verschulden können. Sie wird auch die italienischen Banken ausreichend mit Liquidität versorgen.» Volkswirtschaftsprofessor Aymo Brunetti von der Universität Bern klingt weniger optimistisch. Gegenüber Keystone-SDA brachte er seine Sorge um Italien zum Ausdruck: «Ich hoffe sehr, dass die Euro-Länder alles daransetzen werden, mitzuhelfen, Italien vor einem Staatsbankrott zu bewahren.» Die Rettung einzelner EU-Staaten führte schon in der Euro-Krise ab 2012 zu ewigen Diskussionen, bis Griechenland die politischen Optionen ausgingen. Ob Euro- oder Corona-Bonds: Die Einführung gemeinsamer Staatsschulden kann lange dauern, vielleicht zu lange.

Chance oder Gefahr für Energiewende?

Je länger die Corona-Krise dauert, desto wichtiger wird es, dass die Staaten die andere weltweite Krise unserer Zeit nicht aus den Augen verlieren: den Klimawandel. Dieser macht sich in immer kürzeren Abständen bemerkbar und muss mit staatlichen Massnahmen bekämpft werden. Fatih Birol, Direktor der Internationalen Energie Agentur (IEA), warnte und forderte bereits Mitte März, dass die staatlichen Corona-Rettungspakete die Energiewende nicht ersticken, sondern beschleunigen müssten. Wenn es schnell gehen muss, ist das einfacher gesagt als getan. Die aktuellen Bestrebungen der Regierungen dienen dem Erhalt der Arbeitsplätze und der Abfederung der Konjunktureinbrüche. Die Energiewende hingegen erfordert einen Strukturwandel. Es besteht die Gefahr, dass die Politik bisherige Klimaschutzmassnahmen aussetzt oder geplante Reformen streicht, weil das Geld nun fehlt.

Doch aus der Not kann man bekanntlich eine Tugend machen: Plötzlich können viele Menschen dank Home-Office auf lange Arbeitswege verzichten. Die Flugbranche passt sich der Realität an und streicht die Flotten zusammen. Und die Strombranche lernt neue Nutzungsprofile kennen: Die Umstellung im Lebensstil ist in manchen Regionen deutlich spürbar, das klassische Tagesprofil mit Nachfragespitzen am Mittag entfällt. Dies zeigt mögliche Szenarien in einem neuen Stromregime, das mit flexiblen Preisen, Smartmetern und Lastenmanagement operiert. Auch der nun einsetzende Digitalisierungsschub beschleunigt die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Energiewende (siehe auch Artikel «Corona-Krise & Digitalisierung»).

«Never let a good crisis go to waste.» – Dieses Zitat von Winston Churchill hört und liest man in diesen Tagen oft. Es bleibt zu hoffen, dass das Wachkoma der Wirtschaft genutzt wird, um dem Klima nicht bloss eine kurze Verschnaufpause zu verschaffen, sondern um einen nachhaltigen Strukturwandel – inklusive Energiewende – entschlossen voranzutreiben.

 

*Die AutorInnen

Simon Banholzer

Simon Banholzer
Leiter Politik

Tel. 044 275 21 22
Mail: simon.banholzer@energiestiftung.ch
Twitter: @Simon_Banholzer

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