AKW Mühleberg: Einstieg in den Atomausstieg?

Am 20. Dezember 2019 geht mit dem AKW Mühleberg das erste Schweizer Atomkraftwerk vom Netz. Doch langjährige Bewegte und Engagierte sehen nur beschränkt Grund zum Jubeln. AKW-KritikerInnen ziehen eine persönliche Bilanz.

Von Valentin Schmidt*

«Als ich im Jahr der Tschernobyl-Katastrophe als Mess-Steuer-Regelungstechniker im AKW Leibstadt arbeitete und dort bei der Arbeit kontaminiert wurde, hatte dies zwar medizinisch keine Folgen für mich, aber es änderte meine Sicht auf die Atomtechnologie. Ich begann energietechnische Zusammenhänge zu hinterfragen. 1989 kaufte ich auf der Strasse ein Infoblatt der «Aktion Mühleberg stilllegen – AMüs», welcher ich kurz darauf beitrat. Ich erkannte, dass sich in der AMüs AktivistInnen mit viel Wissen in Atomfragen treffen. Ich konnte der technischen Diskussion gut folgen, die politische Arbeit aber musste ich noch erlernen.

Schon bald aber reichte ich meine erste Einsprache gegen ein Atommüll-Aufbereitungsgebäude im AKW Mühleberg ein und ich wagte es, an einer BKW-Generalversammlung aufzutreten. Später nahm ich mit AMüs an Fachgesprächen mit der HSK (der heutigen Atomaufsicht ENSI) und der KSA (der heutigen Kommission für Nukleare Sicherheit KNS) teil. Wir stellten kritische Fragen, erregten Aufmerksamkeit und bewirkten die spätere Ausserbetriebnahme-Verordnung. Darin hat das UVEK die Kriterien definiert, die zu einer vorläufigen Ausserbetriebnahme von AKW führen.

2003 wurde aus der AMüs der neue Verein «Fokus Anti-Atom», dessen Präsident ich heute bin. Nach dem Fukushima-GAU waren wir als atomkritische Techniker gefragt und hatten in den ersten sechs Monaten beinahe jede Woche einen Medienauftritt. Zugleich leitete ich den «Verein Mühleberg Ver-fahren», der das Ziel hatte, dem AKW Mühleberg juristisch den Garaus zu machen. Im Trio mit dem Physiker Jürg Aerni und dem Juristen Rainer Weibel arbeiteten wir Nächte hindurch und verfassten mehrere hundert Seiten lange Eingaben.

In einem Verfahren unterlagen wir vor Bundesgericht, in einem weiteren erhielten wir Recht. Jedoch auferlegte uns das Bundesgericht in noch nie dagewesener Art Verfahrenskosten von bis zu 200'000 Franken – kein Klacks!

Mit Einsprachen, Stellungnahmen, Behördenkorrespondenz, Infoblättern und unserer Website machten wir immer schon auf die Risiken aller Schweizer AKW aufmerksam. Als die BKW die Waffen streckte und die Abschaltung des AKW Mühleberg ankündete, freute ich mich, obwohl ich gleichentags feststellte, dass das AKW trotzdem noch weitere 6 Jahre weiterlaufen wird. Dass Mühleberg Ende dieses Jahres ausser Betrieb genommen wird, ist dem jahrelangen Druck der Berner Anti-AKW-Bewegung zu verdanken. Jedoch ist es für mich kein Tag zum Feiern. Im Abschalt-Rummel, den die BKW veranstaltet, geht unter, dass der Atomausstieg noch lange nicht Tatsache ist. Die AKW Leibstadt, Gösgen und Beznau laufen still weiter, obwohl auch diese mit Altersgebrechen und Konstruktionsmängeln zu kämpfen haben.

Ich freue mich auf die Stilllegung des dereinst letzten Schweizer AKW! Bis dahin gibt es noch viel zu tun: Der Tag nach der Stilllegung ist der Tag vor der nächsten Stilllegung!»

 

«Ich freue mich, dass das AKW Mühleberg endlich vom Netz geht und zurückgebaut wird. Aber es ist für mich kein Weihnachtsgeschenk, sondern das Resultat von harter Arbeit. Es brauchte mehr als 30 Jahre hartnäckige Opposition auf der Strasse, in den Parlamenten und an den Wahlurnen, um dieses Ziel zu erreichen. Leider mussten auch zwei schlimme Atomkatastrophen passieren, deren Folgen bis heute nicht bewältigt sind. Und allein in der Schweiz laufen noch vier Reaktoren weiter. Für ihre Stilllegung und die Energiewende müssen wir uns also weiterhin mit Leidenschaft, Hartnäckigkeit und Ausdauer engagieren.»

 

«Am 20.Dezember 2019 geht das AKW Mühleberg vom Netz. Es ist das Ende einer hochrisikoreichen und extrem teuren Energieproduktion im Kanton Bern und der Beginn der Entsorgung und Lagerung des Atommülls, den wir mit dem AKW Mühleberg angehäuft haben. Diese Hypothek zu beseitigen dauert um einiges länger, als das AKW Mühleberg in Betrieb war und wird die kommenden Generationen weiterhin beschäftigen. Es ist zu hoffen, dass in Zukunft nur noch Technologien eingesetzt werden, bei denen von Beginn an die Entsorgung gelöst ist. Dies zum Wohle aller Erdbewohner.»

 

«Es gab schon vor mir sehr engagierte Kritiker des AKW Mühleberg. Zeitweise haben wir zusammengearbeitet. Ich bin schon der Meinung, dass der langjährige Druck dieser hartnäckig sachlich-fachtechnisch und rechtlich operierenden Organisationen einiges zum Entscheid der BKW beigetragen hat, nun das AKW stillzulegen.

Dieser Entscheid war ökonomisch, ja, aber er kam nur darum zu Stande, weil endlich Nachrüstungen in dreistelliger Millionenhöhe verlangt wurden, u.a. eine zweite, von der Aare unabhängige Wärmesenke, welche Organisationen wie AMüs oder Fokus Anti-Atom schon seit Jahrzehnten gefordert hatten. Der gravierende Missstand liess sich nach Fukushima nicht mehr wegdiskutieren oder weiter verschleppen. Bei der Aufrechterhaltung dieses Drucks konnte ich am Schluss mitwirken und wenn ich mir dafür ein kleines Scheibchen des Erfolgs abschneiden darf, bin ich nun doch zufrieden.

Leider gibt es neben Mühleberg auch noch die anderen alten AKW, allen voran das marode AKW Beznau. Auch dieses beschäftigt mich noch, indem ich dort als Fachexperte bei einem weiteren Rechtsverfahren mitwirke. Das Thema ist für mich nicht erledigt, bis das letzte AKW abgeschaltet ist.»

 

«Mein erster Gedanke zum Stilllegungsentscheid der BKW war: Genial, sie machen weiterhin nichts. Denn das AKW Mühleberg wurde 1972 für eine Laufzeit von 30 Jahren in Betrieb genommen. Eigentlich hätte das AKW 2002 abgestellt werden müssen. Die BKW hat seither finanziell davon profitiert, dass sie trotz der langen Mängelliste beim AKW Mühleberg die teuren sicherheitstechnischen Nachrüstungen nicht umsetzen musste. Wir haben wirklich Glück, dass bis heute kein grösserer Vorfall stattgefunden hat. Was die Zukunft der Atomkraft in der Schweiz anbelangt, so bin ich zuversichtlich, dass auch die übrigen AKW bald vom Netz gehen werden – nicht zum Schutz der Bevölkerung, sondern aus Gründen der fehlenden Rentabilität.»

 

*Der Autor

Valentin Schmidt

Valentin Schmidt
Leiter Kommunikation

Tel. 044 275 21 23
Mail:
valentin.schmidt@energiestiftung.ch
Twitter: @energiestiftung.ch

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