Wie Atomlobbyist Shellenberger lernt, die Atombombe zu lieben

In jüngster Zeit wird für neue AKW ein Tabu gebrochen. Ganz offen wird die Verbindung zwischen Atomkraft und Atomwaffen eingestanden. Diese gilt neu gar als Verkaufsargument. Diese Kehrtwende hat ihren Ursprung in der aktuellen Krise der Atomkraft. Eine Entwicklung mit noch unabsehbaren Folgen.

Von Dr. Jim Green*
Von Friends of the Earth Australia

2015 hat der «Nuclear Monitor» eine detaillierte Analyse veröffentlicht, wie Atomlobbyisten und Insider der Atomindustrie die Zusammenhänge zwischen Atomkraft und der Verbreitung von Atomwaffen verharmlosen und verleugnen. Seitdem sind gängige Argumentationslinien auf den Kopf gestellt worden und prominente Brancheninsider und Lobbyisten gestehen offen die Verbindung zwischen Atomkraft und Atomwaffen ein: Rüstungsprogramme seien gefährdet, falls nicht höhere Subventionen für die zivile Atomindustrie bereitgestellt würden.

Foto: de.wikipedia.org/wiki/Kernwaffe#

Jahrzehnte der Täuschung wurden mit dieser neuen Verkaufsstrategie über Bord geworfen. Ein Atomlobbyist, der die Verbindung zwischen Atomkraft und Atomwaffen bis vor kurzem in Abrede stellte, war Michael Shellenberger von der US-amerikanischen Pro-Atomkraft-Lobbygruppe «Environmental Progress». Noch 2017 erklärte Shellenberger an einer Konferenz der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA): «Atomenergie verhindert die Verbreitung von Atomwaffen.»

Shellenbergers spektakuläre Kehrtwende

In zwei im August 2018 veröffentlichten Artikeln hat Shellenberger eine 180-Grad-Kehrtwende vollzogen. «Eine Atomwaffenoption in der nationalen Sicherheit zu haben, ist häufig der wichtigste Faktor in einem Staat, der eine friedliche Atomenergie verfolgt», glaubt Shellenberger inzwischen. In einer kürzlich durchgeführten Analyse von Shellenbergers «Environmental Progress» wird festgestellt, dass von den 26 Staaten, die Atomkraftwerke bauen oder bauen wollen, 23 über Atomwaffen verfügen, verfügt haben oder Interesse am Erwerb von Atomwaffen gezeigt haben. «Obwohl diese 23 Nationen bei ihren Bemühungen um Atomenergie sicherlich andere Motive als die nationale Sicherheit haben», schreibt Shellenberger, «scheint die Möglichkeit, an der Schwelle zum Besitz von Atomwaffen zu stehen, ein entscheidender Faktor zu sein.»

Shellenberger verweist auf eine Forschung der Politikwissenschaftler Fuhrmann und Tkach, aus der hervorgeht, dass 31 Nationen über die Fähigkeit verfügen, Uran anzureichern oder Plutonium wiederaufzuarbeiten, und dass 71 % von ihnen diese Fähigkeit genutzt haben, um sich die Möglichkeit offen zu behalten, ein nukleares Schwellenland zu werden.

Atomwaffen – eine Macht für den Frieden?

Das Streben nach Atomkraft ist häufig eng mit dem Streben nach Atomwaffen verknüpft. Dies ist aus meiner Sicht ein triftiger Grund, Atomkraft zu meiden, die IAEA-Inspektionsprogramme bei der friedlichen Nutzung zu verstärken, Exportkontrollen zu verschärfen sowie die Verbreitung der Anreicherung und Wiederaufbereitung zu begrenzen.

Shellenberger sieht das anders und fragt sich, warum die abschreckende Wirkung der Atomkraft nicht als eine ihrer vielen Vorteile hervorgehoben wird. Er argumentiert sogar, dass der Iran ermutigt werden sollte, Atomwaffen zu entwickeln. Michael Shellenberger zitiert den langjährigen Verfechter der Verbreitung von Atomwaffen Kenneth Waltz, der behauptet, dass die «jahrzehntelange Atomkrise im Nahen Osten [...] erst dann enden wird, wenn ein militärisches Gleichgewicht wiederhergestellt ist». Shellenberger zitiert auch einen deutschen Akademiker, der argumentiert, dass ein mit Atomwaffen bewaffnetes Deutschland «die NATO und die Sicherheit der westlichen Welt stabilisieren würde». Aus seiner Sicht «sollten wir froh sein, dass Nordkorea die Bombe hat». Und so geht es weiter – seine Begeisterung für die Verbreitung von Atomwaffen kennt keine Grenzen.

Abenteuerliche Argumentation

Shellenbergers neue Haltung provozierte eine aggressive Antwort von Innovations-Berater Dan Yurman: «Shellenberger hat aus Sicht der weltweiten kommerziellen Atomindustrie eine Grenze überschritten. Diese hat bislang alles in ihrer Macht stehende getan, um zu verhindern, dass die Öffentlichkeit Atomwaffen mit kommerzieller Atomenergienutzung in einen Topf wirft. Schlimmer noch, er gibt Atomkraftgegnern wie Greenpeace ein gebrauchsfertiges Instrument an die Hand, mit dem sie die Industrie angreifen können.» Yurman zur Verbreitung von Atomwaffen: «Das Problem ist folgendes: Je mehr Nationen über Atomwaffen verfügen, desto gefährlicher wird die Welt. Früher oder später drückt wahrscheinlich irgendein Westentaschendiktator oder religiöser Fanatiker auf den Knopf und befördert uns ins Jenseits.»

US-Atombombentests auf dem Bikini-Atoll: Die Wasserstoffbombe Bravo war die stärkste Bombe, die je gezündet wurde und entsprach etwa 1000 Hiroshimabomben. Neben Bikini wurden auch die bewohnten Atolle Rongelap und Rongerik durch radioaktiven Niederschlag kontaminiert.
Quelle: www.youtube.com

Verbindung zwischen Atomkraft und Atomwaffen

In Atomwaffenstaaten gibt es ein gewisses Mass an nationaler Unterstützung für Atomwaffenprogramme. Jedoch nur wenige Menschen unterstützen die pauschale Verbreitung von Atomwaffen und wenige würden sich Shellenbergers Argumenten anschliessen, der dazu auffordert, das System der Nichtverbreitung und Abrüstung abzuschaffen und die Verbreitung von Atomwaffen zu fördern.

Es ist zu befürchten, dass das Argument, die zivile Atomindustrie sei eine wichtige, sogar notwendige Voraussetzung für ein Rüstungsprogramm, erfolgreich genutzt wird, um zusätzliche Subventionen für Atomenergie zu sichern, beispielsweise in den USA, Frankreich oder Grossbritannien. Denn grundlos geben Atomlobbyisten ihre Verneinung des Zusammenhangs zwischen ziviler Nutzung und Atomwaffen bestimmt nicht auf.

Eine andere Hypothese, die sich aus dem wachsenden öffentlichen Bewusstsein für die atomare Bedrohung ergibt: Die Risiken, dass es zwischen Atomkraft und Atomwaffen einen direkten Zusammenhang gibt, könnten (und sollten) zukünftig vermehrt als klarer Minuspunkt in die Bewertung von Energieerzeugungsoptionen miteinfliessen.

Ausserdem könnte das öffentliche Eingeständnis einer Verbindung zwischen Atomkraft und Atomwaffen direkte Folgen für Atomkraft-Newcomer wie Saudi Arabien haben. Eine solche Entwicklung könnte dazu führen, dass Inspektionsprogramme zur friedlichen Nutzung zusammen mit anderen Massnahmen zur strikten Trennung von Atomenergie und Atomwaffen durchaus gestärkt werden. Doch das ist hypothetisch und liegt derzeit in weiter Ferne – eine Bewegung in diese Richtung ist nicht erkennbar.

*Der Autor

Dr. Jim Green ist ein australischer Atomkraftgegner von «Friends of the Earth Australia» und Herausgeber des Newsletters «Nuclear Monitor», in dem eine längere Version dieses Artikels veröffentlicht wurde. Der Artikel ist auch » hier zu lesen (in Englisch).

World Information Servic on Energy: www.wiseinternational.org/nuclear-monitor

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