Was zum Teufel soll Strommarktdesign?

«Strommarktdesign», sagt Felix Nipkow jeweils, wenn er gefragt wird, was ihn bei der SES im Moment am meisten beschäftigt. Aber was steckt hinter dem Fachbegriff? Das langjährige SES-Mitglied Robert Steiger wollte es genauer wissen und führte mit dem SES-Projektleiter Strom & Erneuerbare ein Interview.

Interview von Dr. Robert Steiger, SES-Mitglied, pensionierter Verlagslektor und Grossvater

Robert Steiger: Wenn über Strommarkt gesprochen wird, hört man verschiedentlich, der Strompreis gehe tendenziell gegen Null zu. Das verwirrt mich als energiebewusste Person, die Energie und Strom möglichst sparsam nutzen will.

Felix Nipkow: «Der tiefe Strompreis hat vor allem damit zu tun, dass es Überkapazitäten in ganz Europa gibt. Es wurden viele erneuerbare Kraftwerke gebaut und gleichzeitig hat man es verpasst, Atom- und Kohlekraftwerke abzuschalten. Es gibt heute zu viel Strom am europäischen Strommarkt. Das hat die Preise in den Keller getrieben. Mit den Kosten der Stromproduktion hat das aber nichts zu tun. Es ist deswegen nicht günstiger, eine Kilowattstunde Strom zu produzieren. Produzenten erhalten für ihren Strom einfach nicht mehr den richtigen Preis am Markt. Andererseits wird die Stromproduktion tatsächlich immer billiger. In der Vergangenheit hatte man vor allem Atom- und Kohlestrom. Deren wahre Kosten sind wesentlich höher als diejenigen für Strom aus erneuerbaren Energien. Der Strompreis darf aber nie Null sein, sonst bezahlt jemand anders die Rechnung.»

Wir leben auf Kosten unserer Enkel. Sie müssen die ökologischen Belastungen der Kohlekraftwerke und den Rückbau der Atomkraftwerke bis hin zur Entsorgung des Atommülls tragen. Das ist eine enorme Hypothek, die wir ihnen hinterlassen. Wir sind sehr kurzsichtig und egoistisch, wenn wir nur auf den Rappen achten. Warum nicht jetzt, wo die Strompreise tief sind, etwas dazugeben im Hinblick auf die Zukunft?

«Die SES versucht immer wieder aufzuzeigen, was Strom wirklich kostet. Gerade Atomstrom ist viel zu billig, wenn man die Kosten, die in Zukunft anfallen, miteinbezieht. Auch in der Gegenwart gibt es solche Kosten: AKW sind nicht gegen das Risiko versichert, das sie verursachen – oder nur zu einem minimal kleinen Teil. Bei einem Unfall bezahlen letztlich unsere Volkswirtschaft, wir Steuerzahlenden und unsere Kinder und Kindeskinder. Das ist nicht fair.»

Aber die Atomenergie wurde doch schon immer subventioniert, zum Beispiel während der Euphorie für die Atomenergie in den 50er- und 60er-Jahren.

«Richtig. Und heute braucht es dazu einen Ausgleich. Das muss nicht sein, indem man erneuerbare Energien direkt subventioniert, sondern idealerweise, indem man die bisherigen Verzerrungen aufhebt. Wenn die Atomenergie ihre vollen Kosten tragen müsste, wäre sie weg vom Fenster. Sie könnte am Markt nicht bestehen. Wenn man heute ein Kraftwerk baut und man hat die Wahl zwischen Atom-, Kohle-, Gas-, Windkraft und Photovoltaik, dann sind die letzten beiden mit Abstand die günstigsten. Aber immer noch teurer als der Marktpreis – es braucht also Anreize, damit es sich lohnt, in erneuerbare Energien zu investieren.»

Die SES verlangt ein neues Strommarktdesign. Was fehlt bei der Strategie des Bundesamts für Energie?

«Beim Bund scheint man nicht daran zu denken, wie man den Ausbau der erneuerbaren Energien langfristig finanzieren kann. Das BFE fokussiert stattdessen auf Versorgungssicherheit und will diese mit dem Anschluss an den europäischen Strommarkt sicherstellen. Das ist grundsätzlich nicht falsch, aber viel zu wenig weit gedacht. Es geht nicht nur um die Versorgungssicherheit im europäischen Kontext, sondern auch um einen Eigenversorgungsgrad in der Schweiz, das heisst inländische Produktion. Das hat am Ende auch mit Arbeitsplätzen und Wertschöpfung zu tun. Um das gewährleisten zu können, brauchen wir ein Marktmodell, das Investitionen in erneuerbare Energien in der Schweiz ermöglicht. Die Strommarktliberalisierung und ein Stromabkommen mit der EU sind nicht genug.»

Als Rentner muss man doch auch ein bisschen auf die Kosten achten. Wird die volle Liberalisierung, die der Bundesrat offenbar will, die Preise senken?

«Die Liberalisierung ist nicht so bedeutend in dieser Frage. Im Moment sind die Strompreise in Europa sehr tief. Wenn der Markt jetzt geöffnet würde, könnte die Kundschaft tendenziell billigeren Strom einkaufen. Aber das ist nicht nachhaltig. Wenn der Strom weniger kostet als seine Produktion, investiert niemand in Kraftwerke und zwar weder in Atom, noch in Kohle, noch in erneuerbare Energien. Dieses Problem ist heute in ganz Europa akut, ohne Förderung baut niemand ein Kraftwerk. Alte Kraftwerke wird man aber laufend abschalten, Deutschland steigt bis in vier Jahren aus der Atomenergie aus. Kohlekraftwerke sollen dank des Klimaabkommens von Paris auch so rasch wie möglich abgeschaltet werden. Wenn man kein Modell findet, das Investitionen in neue Kraftwerke ermöglicht, wird der Strom tatsächlich irgendwann knapp und dadurch teurer.

Nicht nur der/die KleinkonsumentIn, sondern auch die Wirtschaft sollen den Strom zu den Preisen kaufen, die es kostet, ihn zu produzieren. Mit dem heutigen Marktmodell ist das nicht gegeben, deshalb müssen wir für die Finanzierung der Produktion eine Lösung finden. Die Marktöffnung ist unabhängig davon. Die SES fordert flankierende Massnahmen, mit denen die angesprochenen Probleme gelöst werden können.»

Wäre es dann aber letztlich nicht so, dass wir Schweizer nachhaltige Lösungen finanzieren, der Rest von Europa macht das nicht und wir sind dann die Rufer in der Wüste?

«Ganz im Gegenteil. Im Vergleich mit Europa sind wir fast das Schlusslicht, was den Ausbau von erneuerbaren Energien anbelangt. Nur vier Länder in der EU sind noch schlechter als wir bei der Produktion von Wind- und Solarenergie – den neuen erneuerbaren Energien. Bei allen anderen Ländern stehen wir hintenan. Das Vorzeigebeispiel ist natürlich Deutschland, wo erneuerbare Energien schon zehn Jahre länger als in der Schweiz gefördert werden. Damit hat es einen Ausbau provoziert, der auch die Preise der erneuerbaren Energien gesenkt hat. Heute kostet Photovoltaik einen Bruchteil im Vergleich zu vor zehn oder zwanzig Jahren.»

Für die Versorgungssicherheit ist es doch auch wichtig, dass wir nicht zu stark abhängig werden. Sind die Marktöffnung und der Anschluss an Europa so gesehen überhaupt die richtige Strategie?

«Die Abhängigkeit vom Ausland muss man relativieren: Wir importieren heute drei Viertel unserer Energie aus dem Ausland, vor allem in Form von Erdöl und Erdgas. Strom produzieren wir in der Bilanz ungefähr gleich viel wie wir verbrauchen, betreiben aber regen Handel mit Europa. Wenn wir die fossilen Energien teilweise mit Strom ersetzen, zum Beispiel mit Wärmepumpen oder Elektroautos, dann braucht es möglicherweise vorübergehend sogar mehr Stromimporte. Die Abhängigkeit vom Ausland nimmt nicht zu, wenn wir Strom aus Deutschland statt Öl aus Libyen importieren.

Grundsätzlich gilt: Je mehr wir im Inland produzieren, desto sicherer ist es, dass uns dieser Strom wirklich zur Verfügung steht. Der Ausbau der erneuerbaren Energien verbessert tatsächlich die Versorgungssicherheit.»

Lesen

Ich abonniere das Magazin «Energie und Umwelt» für CHF 30.-/Jahr.

Anrede