«Ich bin von den europäischen Regierungen enttäuscht»

Interview mit Christian Breyer, Professor für Solarwirtschaft

Interview von Felix Nipkow

E&U: Sie sind von Deutschland ausgerechnet nach Finnland gezogen, um die Solarenergie zu erforschen: Wären Sie nicht besser in den sonnigen Süden gezogen?
Als Wissenschaftler möchte ich dort arbeiten, wo ich die besten Arbeitsbedingungen vorfinde und die sind ganz klar an der Lappeenranta University of Technology. Mein Team stammt aktuell aus 15 verschiedenen Ländern von allen Kontinenten, das ist fantastisch.

E&U: Hat Solarenergie in nördlichen Ländern überhaupt Zukunft? Im Winter, ausgerechnet wenn der Stromverbrauch am höchsten ist, kann ja fast keine Energie gewonnen werden.
Im Winter ist in der nördlichen Hemisphäre der Wind hervorragend und im Sommer geht die Sonne kaum unter, das gleicht sich hervorragend aus. Unternehmen, die in Finnland Photovoltaik (PV) nicht zum Eigenverbrauch auf ihren Dächern nutzen, vergeben inzwischen Gewinnchancen.

E&U: Sie beschäftigen sich seit über zehn Jahren mit Solartechnologie und -forschung. Welche Entwicklung hat Sie in dieser Zeit am meisten beeindruckt?
Technisch und wirtschaftlich sicherlich, dass die Lernkurve voll intakt ist. Die Kosten sinken kontinuierlich und ungebrochen. Dies ist zur Hälfte Folge technischer Innovationen. Politisch bin ich von den europäischen Regierungen unisono enttäuscht. Sie ergeben sich heute lieber willfährig dem Lobbyismus der fossil-nuklearen Energiewirtschaft statt dem Willen der Bevölkerung nachzukommen, die Energieversorgung zügig auf Nachhaltigkeit umzustellen.

E&U: Was sind die nächsten grossen Schritte in der Photovoltaik-Forschung? Dürfen wir uns schon bald auf die nächste Technologierevolution freuen?
Bei der Photovoltaik gibt es keine Revolutionen, aber eine kontinuierliche Evolution. Der Modulwirkungsgrad nimmt stetig um 0,4% pro Jahr zu als Folge vieler Optimierungen. Die stärkste Unterstützung wird die PV von schnell sinkenden Batteriekosten erhalten, weil dies die Nutzung der PV auf 24 Stunden am Tag ausweitet.

E&U: Rund zwei Drittel der weltweit verbauten PV-Module werden in China hergestellt. Warum ist die Herstellung in China so viel günstiger – warum können wir diese Wertschöpfung nicht bei uns halten?
Entsprechend skalierte Fabriken würden in Europa gleich viel kosten! Ingenieure in Schanghai sind heute teurer als in Ostdeutschland. Die PV-Industrie in China ist als strategische Industrie klassifiziert. Da die europäischen Regierungen die Energiewende nur halbherzig vorantreiben, sind ihnen die entsprechenden Industrien nicht wirklich wichtig.

E&U: Die Prognosen zum Solarstrom-Ausbau der IEA werden regelmässig um Grössenordnungen übertroffen. Warum wird das Wachstum der Solarenergie konstant unterschätzt?
Die IEA veröffentlicht mit ihren Hauptstudien, zum Beispiel dem World Energy Outlook, Jahr für Jahr Zahlen, für welche die Studenten in meinen Vorlesungen mangels Sachkenntnis die Prüfung nicht bestehen würden. Seit 20 Jahren sind alle PV-Projektionen der IEA grottenfalsch gewesen. Der formale Hauptgrund ist, dass ein jährliches Marktwachstum schlicht verleugnet wird, dies ist jüngst wieder im aktuellen World Energy Outlook geschehen. Über die dahinterstehenden Gründe dieser Realitätsverweigerung können wir nur spekulieren. Da die Entwicklung von Kohle- und Kernkraftwerken jedoch regelmässig überschätzt wird, haben wir zumindest eine Ahnung, woher der Wind weht.

E&U: Wenn in Europa viele Solarkraftwerke stehen, produzieren immer alle gleichzeitig Strom. Das hat zur Folge, dass entweder Überschuss herrscht oder kein Strom da ist. Wie kann dieses Problem gelöst werden?
In der ganzheitlichen Betrachtung von Energiesystemen gibt es einen solchen Widerspruch nicht. Die Kunst besteht darin, das Energiesystem flexibel zu gestalten. Der Wind weht normalerweise nicht besonders stark, wenn die Sonne stark scheint, Staudämme sollten den Strom dann bereitstellen, wenn kein Wind weht und die Sonne nicht scheint. Elektrolyseure werden dann voll produzieren, wenn die Sonne stark scheint oder der Wind stark weht und die Basis für die chemischen Rohstoffe, Gas und flüssige Treibstoffe herstellen. Mein Team hat eine Website online gestellt, die weltweit aufzeigt, wie 100% erneuerbare Energien im Stromsystem in einer stündlichen Auflösung funktionieren können.

E&U: Hat die Schweiz hier dank rund 60 % Wasserkraft einen Vorteil?
Ja sicher. Das ist wohl das wertvollste Energieasset neben der sehr guten Sonne.

Christian Breyer ist Professor für Solarwirtschaft an der Lappeenranta University of Technology (LUT) in Finnland. Er erforscht technologische und ökonomische Aspekte von erneuerbaren Energiesystemen.

Dieser Artikel ist im SES-Magazin «Energie und Umwelt», Ausgabe 1/2017 erschienen.

 

Lesen

Abonnieren

Ich abonniere das Magazin «Energie und Umwelt» für CHF 30.-/Jahr.

Anrede

Kontakt

Reto Planta

Reto Planta
Leiter Finanzen & Administration

044 275 21 21
E-Mail