Stilllegungsentscheide in der Schweiz und Frankreich – Gründe und Gefahren

  • Wirtschaftliche Gründe bringen sowohl die BKW als auch EDF zu Stilllegungsentscheiden.
  • Beide AKW-Betreiberinnen haben mit der Aufsicht oder dem Staat Deals erreicht.
  • Teils ungeschützte Abklingbecken enthalten nach Ausserbetriebnahme hohe Radioaktivität.

Stilllegungen in Frankreich und Schweiz
«Atomausstieg» ist ein Wort, das Deutschland seit der Katastrophe in Fukushima 2011 auf der Politbühne ein- und auch umsetzt: 2022 wird die Kettenreaktion auch im letzten deutschen AKW endgültig unterbrochen. In der Schweiz und in Frankreich hingegen existierte dieser Begriff bis im letzten Jahr erst auf Papier. Nun gingen innert einem halben Jahr in Mühleberg und Fessenheim gleich drei Reaktoren in den Ruhestand. Angesichts der vielen sich noch in Betrieb befindenden AKW betreten die Schweiz und Frankreich Neuland (siehe Intro zu Fokus Frankreich: La nation nucléaire).
André Herrmann, Präsident der Strahlenschutzkommission von 2005 bis 2012, hat für die Schweizerische Energie-Stiftung SES in einer Kurzanalyse die Stilllegungsentscheide sowie die Planung der Stilllegungsarbeiten der BKW und von EDF analysiert und verglichen.

Zu teure Nachrüstungen
EDF wusste bereits 2017, dass sie das AKW Fessenheim aus Kostengründen vom Netz nehmen muss. Die Investitionen, zu welchen die vierte Zehnjahresüberprüfung geführt hätte, wären bei Fessenheim wohl viel zu hoch ausgefallen. Trotzdem hat EDF die formelle Einreichung des Stilllegungsgesuchs auf 2019 verschoben. In dieser Zeit konnte EDF dem französischen Staat (notabene Mehrheitsaktionär von EDF) eine Entschädigung von über 400 Millionen Euro abringen, obwohl ein wirtschaftlicher Weiterbetrieb kaum möglich gewesen wäre.
Ähnlich sah die Situation für die BKW im 2013 aus. Nach Fukushima forderte die Schweizer Atomaufsichtsbehörde ENSI verschiedene Investitionen in die Sicherheit wie beispielsweise die Errichtung einer unabhängigen Wasserquelle, was kostspielige Investitionen erfordert hätte. Zu teuer für die BKW. Sie entschied sich für die Stilllegung, rang aber dem ENSI den Weiterbetriebsbewilligung bis Ende 2019 ab, statt nur bis 2017.

Planung folgt dem Deal
Weil die BKW also bereits sechs Jahre zuvor wusste, dass sie Mühleberg 2019 vom Netz nehmen würde, konnte sie in Ruhe die Stilllegung vorbereiten. Mit der Aufsicht konnten alle wichtigen Fragen geklärt werden, bevor die Operateure den Reaktor das letzte Mal herunterfuhren. Selbst ein grosses Abschaltfest und eine Medienoffensive lag für die «Pionierin» BKW drin.
EDF hingegen kümmerte sich wenig um eine minutiöse Stilllegungsplanung von Fessenheim. Das Stilllegungsgesuch reichte sie zu spät und mit einer Vielzahl an Lücken und Ungereimtheiten ein. Selbst Monate nach der Stilllegung gibt es noch offene Fragen. Der Stilllegungsplan ist bereits jetzt im Verzug.

Gefahr trotz Ausserbetriebnahme
Ein ausgeschalteter Reaktor bedeutet noch nicht die totale Sicherheit. Mit der Ausserbetriebnahme eines Atomkraftwerks verschiebt sich der Fokus vom Reaktor zum Lagerbecken, wo fortan die gesamte letzte Brennelementladung sowie ältere Brennelemente gekühlt werden. Erst nach einer gewissen Abklingzeit können die ersten Brennelemente in ein Zwischenlager abtransportiert werden. Die Radioaktivität im Lagerbecken steigt nach der Ausserbetriebnahme massiv an. In Mühleberg befindet sich das Lagerbecken allerdings in der Reaktorkuppel und ist dadurch gut gegen äussere Einflüsse geschützt.

Das Lagerbecken von Druckwasserreaktoren befindet sich ausserhalb des Reaktorgebäudes und ist somit nicht durch das Containment geschützt. Quelle: ASN und BKW (modifiziert)

In Fessenheim hingegen befinden sich die Lagerbecken in schwach geschützten Nebengebäuden. Lagerbecken enthalten ein sehr hohes radioaktives Inventar, wenn bei Revisionen der Reaktoren alle Brennelemente darin aufbewahrt werden. Im Lagerbecken von Fukushima Daiichi 4 war dies der Fall, als der Tsunami eintraf. Nach einer Explosion im Lagerbeckengebäude drohte lange Zeit eine Brennelementfusion, weil das Wasser auslief, was zu einer deutlich schlimmeren Exposition der Bevölkerung geführt hätte. Ein grosses Beben in Fessenheim mit den beiden gefüllten Lagerbecken ebenso viel radioaktives Cäsium freisetzen, wie es in Fukushima vorgekommen ist.

Konklusion
Die Phase vom Stilllegungsentscheid über die Planung bis zur Umsetzung ist eine entscheidende Zeit für AKW-Betreiberinnen von Atomkraftwerken. Je klarer die Vorgaben der Behörden, die finanziellen und rechtlichen Umstände sowie das Bewusstsein für die weiterhin bestehenden Gefahren sind, desto weniger Probleme ergeben sich im Prozess. Die beiden betrachteten Fälle zeigen deutlich, dass sich Betreiberin und Aufsicht frühzeitig zusammensetzen müssen, um die Stilllegung aufzugleisen. Dabei sollte die Aufsicht bei der Sicherheit des Kraftwerks keine Kompromisse eingehen.

 

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Zum Autor der Analyse

Dr. André Herrmann

Dr. André Herrmann war langjähriger Präsident der Eidgenössischen Kommission für Strahlenschutz (KSR). Er ist als selbstständiger Berater, vornehmlich im Bereich Strahlenschutz, tätig.
herrmannconsultant@bluewin.ch

 

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  • Wirtschaftliche Gründe bringen sowohl die BKW als auch EDF zu Stilllegungsentscheiden.
  • Beide AKW-Betreiberinnen haben mit der Aufsicht oder dem Staat Deals erreicht.
  • Teils ungeschützte Abklingbecken enthalten nach Ausserbetriebnahme hohe Radioaktivität.

Stilllegungen in Frankreich und Schweiz
«Atomausstieg» ist ein Wort, das Deutschland seit der Katastrophe in Fukushima 2011 auf der Politbühne ein- und auch umsetzt: 2022 wird die Kettenreaktion auch im letzten deutschen AKW endgültig unterbrochen. In der Schweiz und in Frankreich hingegen existierte dieser Begriff bis im letzten Jahr erst auf Papier. Nun gingen innert einem halben Jahr in Mühleberg und Fessenheim gleich drei Reaktoren in den Ruhestand. Angesichts der vielen sich noch in Betrieb befindenden AKW betreten die Schweiz und Frankreich Neuland (siehe Intro zu Fokus Frankreich: La nation nucléaire).
André Herrmann, Präsident der Strahlenschutzkommission von 2005 bis 2012, hat für die Schweizerische Energie-Stiftung SES in einer Kurzanalyse die Stilllegungsentscheide sowie die Planung der Stilllegungsarbeiten der BKW und von EDF analysiert und verglichen.

Zu teure Nachrüstungen
EDF wusste bereits 2017, dass sie das AKW Fessenheim aus Kostengründen vom Netz nehmen muss. Die Investitionen, zu welchen die vierte Zehnjahresüberprüfung geführt hätte, wären bei Fessenheim wohl viel zu hoch ausgefallen. Trotzdem hat EDF die formelle Einreichung des Stilllegungsgesuchs auf 2019 verschoben. In dieser Zeit konnte EDF dem französischen Staat (notabene Mehrheitsaktionär von EDF) eine Entschädigung von über 400 Millionen Euro abringen, obwohl ein wirtschaftlicher Weiterbetrieb kaum möglich gewesen wäre.
Ähnlich sah die Situation für die BKW im 2013 aus. Nach Fukushima forderte die Schweizer Atomaufsichtsbehörde ENSI verschiedene Investitionen in die Sicherheit wie beispielsweise die Errichtung einer unabhängigen Wasserquelle, was kostspielige Investitionen erfordert hätte. Zu teuer für die BKW. Sie entschied sich für die Stilllegung, rang aber dem ENSI den Weiterbetriebsbewilligung bis Ende 2019 ab, statt nur bis 2017.

Planung folgt dem Deal
Weil die BKW also bereits sechs Jahre zuvor wusste, dass sie Mühleberg 2019 vom Netz nehmen würde, konnte sie in Ruhe die Stilllegung vorbereiten. Mit der Aufsicht konnten alle wichtigen Fragen geklärt werden, bevor die Operateure den Reaktor das letzte Mal herunterfuhren. Selbst ein grosses Abschaltfest und eine Medienoffensive lag für die «Pionierin» BKW drin.
EDF hingegen kümmerte sich wenig um eine minutiöse Stilllegungsplanung von Fessenheim. Das Stilllegungsgesuch reichte sie zu spät und mit einer Vielzahl an Lücken und Ungereimtheiten ein. Selbst Monate nach der Stilllegung gibt es noch offene Fragen. Der Stilllegungsplan ist bereits jetzt im Verzug.

Gefahr trotz Ausserbetriebnahme
Ein ausgeschalteter Reaktor bedeutet noch nicht die totale Sicherheit. Mit der Ausserbetriebnahme eines Atomkraftwerks verschiebt sich der Fokus vom Reaktor zum Lagerbecken, wo fortan die gesamte letzte Brennelementladung sowie ältere Brennelemente gekühlt werden. Erst nach einer gewissen Abklingzeit können die ersten Brennelemente in ein Zwischenlager abtransportiert werden. Die Radioaktivität im Lagerbecken steigt nach der Ausserbetriebnahme massiv an. In Mühleberg befindet sich das Lagerbecken allerdings in der Reaktorkuppel und ist dadurch gut gegen äussere Einflüsse geschützt.

Das Lagerbecken von Druckwasserreaktoren befindet sich ausserhalb des Reaktorgebäudes und ist somit nicht durch das Containment geschützt. Quelle: ASN und BKW (modifiziert)

In Fessenheim hingegen befinden sich die Lagerbecken in schwach geschützten Nebengebäuden. Lagerbecken enthalten ein sehr hohes radioaktives Inventar, wenn bei Revisionen der Reaktoren alle Brennelemente darin aufbewahrt werden. Im Lagerbecken von Fukushima Daiichi 4 war dies der Fall, als der Tsunami eintraf. Nach einer Explosion im Lagerbeckengebäude drohte lange Zeit eine Brennelementfusion, weil das Wasser auslief, was zu einer deutlich schlimmeren Exposition der Bevölkerung geführt hätte. Ein grosses Beben in Fessenheim mit den beiden gefüllten Lagerbecken ebenso viel radioaktives Cäsium freisetzen, wie es in Fukushima vorgekommen ist.

Konklusion
Die Phase vom Stilllegungsentscheid über die Planung bis zur Umsetzung ist eine entscheidende Zeit für AKW-Betreiberinnen von Atomkraftwerken. Je klarer die Vorgaben der Behörden, die finanziellen und rechtlichen Umstände sowie das Bewusstsein für die weiterhin bestehenden Gefahren sind, desto weniger Probleme ergeben sich im Prozess. Die beiden betrachteten Fälle zeigen deutlich, dass sich Betreiberin und Aufsicht frühzeitig zusammensetzen müssen, um die Stilllegung aufzugleisen. Dabei sollte die Aufsicht bei der Sicherheit des Kraftwerks keine Kompromisse eingehen.

 

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Dr. André Herrmann

Dr. André Herrmann war langjähriger Präsident der Eidgenössischen Kommission für Strahlenschutz (KSR). Er ist als selbstständiger Berater, vornehmlich im Bereich Strahlenschutz, tätig.
herrmannconsultant@bluewin.ch

 

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Simon Banholzer

Simon Banholzer
Leiter Fachbereich Atomenergie

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Email
@Simon_Banholzer