Sans nucléaire civil, pas de nucléaire militaire …

…et sans nucléaire militaire, pas de nucléaire civile. So die Worte des französischen Staatschefs Emmanuel Macron anlässlich seines Besuchs Ende Jahr in Le Creusot, einem Hotspot der französischen Atomindustrie. In der Tat: Die zivile und militärische Nutzung der Atomenergie waren, sind und bleiben untrennbar verknüpft. Das zeigt das französische Reaktorforschungs-Projekt NUWARD beispielhaft.

von Simon Banholzer und Tonja Iten

Das Jahr 2020 endete mit einer Liebeserklärung von Emmanuel Macron an die französische Atomindustrie. «Unsere Energie- und ökologische Zukunft hängt von der Atomenergie ab», meint der französische Staatschef. Und weiter: «Unsere ökonomische und industrielle Zukunft hängt von der Atomenergie ab.»1 Diese Worte richtete Macron in einer vielbeachteten Rede im burgundischen Le Creusot an die dort ansässige Atomindustrie. Der Industrieort Le Creusot ist eine wichtige Produktionsstätte von Bauteilen für die Atomkraftwerke einerseits, andererseits ebenso für nukleare Waffensysteme zur militärischen Nutzung.

Kriselnde Atombranche
Bloss waren die letzten Jahre für die französische Atombranche keine Zeit der Freude, sondern vielmehr eine Zeit der Krise. Um bei Le Creusot zu bleiben: Das dortige Reaktorschmiedewerk, welches unter anderem die sicherheitsrelevanten Komponenten für die AKW anfertigt, machte 2016 mit Unregelmässigkeiten auf sich aufmerksam: Jahrelang kam es zu systematischen Fälschungen. Fehlerhafte Schmiedeteile wurden hergestellt. Anstatt die Ausschussware zu verwerfen, wurden Berichte gefälscht und die Qualitätssicherung unterminiert. Betroffen war auch Frankreichs Neubauprojekt, der Evolutionary Power Reactor (EPR). Das ehemalige Vorzeige-Projekt verkam zum Milliardengrab.

Nicht nur der Le Creusot-Skandal, sondern auch zahlreiche Fehleinschätzungen und Pannen warfen ein schlechtes Licht auf die die französische Atomindustrie. Der Bau des neuen EPR in Flamanville, wie auch die weiteren Bauprojekte im Ausland machten mit jahrelangen Verzögerungen und Kostenexplosionen Schlagzeilen. Bauherrin ist der französische, quasi-staatliche Atomriese EDF. Diese wollte das Kostendebakel nicht alleine tragen, sondern zeigte ebenso auf den EPR-Nuklearriesen Areva. Doch Areva existiert seit 2018 nicht mehr. Um eine Pleite zu verhindern, hat der Staat das Unternehmen quasi mittels Subvention freigekauft. Der Konzern wurde aufgeteilt in die staatliche Gesellschaft New Areva (inzwischen «Orano»), zuständig fürs Geschäft um den Brennstoffkreislauf, und die Reaktorbausparte Areva NP (heute «Framatome»), zu der auch die Schmiede Le Creusot gehört. EDF, zu 80% in staatlicher Hand, kämpft derweil mit hohen Schulden. Rund 41 Milliarden Euro waren es Ende 2019 gemäss Wirtschaftsministerium.

Nukleare DNA - Französische Identität
Es gilt also, die einst so strahlenden Branche in der Krise zu stützen. Und der Zuspruch von Macron an Framatome und Co. kam zum richtigen Zeitpunkt. Beweggründe sind einerseits ökonomische Interessen, wie eben am Problemkind EDF erläutert, andererseits auch die französische Identität und militärische Grösse, gestützt auf Frankreichs Atommacht-Status. Das französische Selbstverständnis speist sich seit der Nachkriegszeit zu einem gewichtigen Teil aus der nuklearen Branche.2 In Le Creusot gönnte Macron den Anwesenden nicht nur Lob, er verkündete auch den Bau eines neuen Flugzeugträgers. Nukleargetrieben, versteht sich.

Das Projekt NUWARD: Ein exemplarischer Fall
Zu den Anwesenden gehörten, nebst Framatome, auch die Manager von EDF, Orano und des Rüstungskonzerns Naval Group. Sämtliche Akteure sind ein Hybridobjekt von staatlicher und privater Finanzierung, zivilen und militärischen Nutzungsinteressen. Und mit Ausnahme von Orano sind sie allesamt am neuen französischen Small Modular Reactor (SMR)-Projekt namens NUWARD beteiligt. Auf den zu deutsch «kleinen modularen Reaktoren» ruhen die Hoffnungen der Atomindustrie: Die weniger mächtigen Reaktoren, die am Montageort «modular» aufgebaut werden sollen, verheissen geringeren schnellere Bauzeiten und tiefere Kosten dank höherer Produktionszahl sowie mehr Risiko-Eindämmungseffizienz und Sicherheit.

Projektstart für die französische Variante NUWARD war bereits vor rund zehn Jahren, als die Auftragnehmer EDF, Naval Group (damals DCNS), das staatliche Atom- und Energieforschungszentrum CEA (Commissariat à l’énergie atomique et aux énergies alternatives) und die damalige Areva mit ersten Machbarkeitsstudien beauftragt wurden. Für das präkonzeptuelle Design wurde ebenso TechnicAtome (vormals Areva TA) hinzugenommen, Spezialistin für marine nukleare Antriebssysteme. Im September 2019 schliesslich präsentierten die Partner ihr Kooperationsprojekt NUWARD anlässlich der Generalkonferenz der Internationalen Atomenergie-Organisation in Wien.3 Die Beteiligten heben den Nutzen von NUWARD als Exportgut im globalen Energiemarkt hervor: Es gelte, die steigende Energienachfrage im Rahmen der steigenden Bevölkerung und klimapolitischen Herausforderungen zu meistern. Will heissen: Die Atomenergie wird wiederum als (vermeintlich) klimafreundliche Lösung gepriesen. Der kleine NUWARD mit einer Leistung von rund 340 MW ist als Komplement zum EPR mit rund 1700 MW Leistung gedacht.

Doch bei zivilen Anwendungen bleibt es kaum je. Der neue Flugzeugträger, der den ausgedienten «de Gaulle» ab 2038 ablösen soll, wird nuklear betrieben sein. Zuständig hierfür sind die Experten TechnicAtome und Naval Group. Auch die neue Generation der französischen U-Boote, die aktuell unter dem sogenannten Barracuda-Programm mit denselben Beteiligten entwickelt wird, verlässt sich auf die nukleare Antriebskraft. Der Verdacht liegt nahe, dass die Interessen von TechnicAtome und Naval Group bei NUWARD hierauf ausgerichtet sind. Laut ASAF, dem Unterstützungsverein der französischen Armee, erfreuen letztgenannte sich der Gelegenheit, Kenntnisse anzueignen, die dann später auch im militärischen Bereich Anwendung finden können.4

Von der Forschung bis zum Rüstungsleader
Ein vertiefter Blick auf die beteiligten Projektpartner und ihre Aktivitäten zeigt: Das Gemisch von zivil-militärischem Engagement ist keineswegs neu, auch wenn es neuerdings stolz präsentiert wird. Am erwähnten Barracuda-Projekt beispielsweise sind wiederum der Rüstungsindustriekonzern Naval Group, das CEA und TechnicAtome beschäftigt. Naval Group selbst, die sich als «europäische Leader in mariner Verteidigung» bezeichnen,5 gehört mehrheitlich dem französischen Staat und zu einem Drittel dem Rüstungskonzern Thales Group (der wiederum zu rund einem Drittel dem Staat gehört). Neben den grossteils militärischen Projekten betätigt sich der Konzern auch im zivilen Bereich, wie vormals beim EPR4 oder mittels Offshore Windenergie-Projekten.6 Naval Group ist derweil mit 20% Aktionär von TechnicAtome, dessen Kerngeschäft im Antrieb für Atom-U-Boote besteht. Daneben verfolgt die Aktiengesellschaft zivil-nukleare Aktivitäten, beispielsweise war sie beim EPR (ebenso) für Sicherheitssysteme in Hinkley Point (GB) zuständig. TechnicAtome wurde in den 1970er Jahren vom staatlichen Forschungsinstitut CEA ausgegliedert, welches bis heute Aktionär ist, zusammen mit dem Staat und EDF (selbst zu 85% in Staatsbesitz).

Das CEA kann als Symbol der gegenseitigen Abhängigkeit des militärisch - zivilen nuklearen Establishments gesehen werden (Bouveret et al.).2 CEA, vom französischen Akronym für Atom-Energie Kommission, wurde nach dem zweiten Weltkrieg gegründet und überwacht die gesamte französische Atomforschung, sowohl im militärischen und zivilen Bereich. Bis heute ist die Forschungsinstitution vollständig in staatlichem Besitz. Bemerkenswert sind die einzigartigen Privilegien, die die CEA als öffentliche Behörde geniesst: Sie ist für ihre Entscheidungen alleinig dem französischen Präsidenten gegenüber rechenschaftspflichtig und nicht denselben Finanzkontrollen wie andere staatlichen Behörden verpflichtet.

France Nucléaire - Quo vadis?
Für den französischen Staatschef macht eine Aufhebung der zivil-militärischen «double dimension» denn auch gar keinen Sinn. Vielmehr illustriere sie die Kohärenz zwischen strategischer Autonomie und Energie-Unabhängigkeit. Und diese wird nun auch wieder stolz öffentlich vorgetragen, wie in Le Creusot.
Es lohnt sich also für den französischen Staat nicht nur, der darbenden zivilen Atomindustrie unter die Arme zu greifen, vielmehr scheint es geradezu zwingend. Dies tut er nicht ausschliesslich über Aktienpakete (siehe Areva). Ebenso verbessert er die Auftragslage und stellt neue EPR-Bestellungen in Aussicht, was jedoch erst nach den kommenden Präsidentschaftswahlen 2022 debattiert wird. Zudem weibelt Macron in Brüssel dafür, dass die Atomenergie in der EU-Klimastrategie mehr Bedeutung erhält, mit der Hoffnung, Geld aus den Green New Deal-Töpfen zu erhalten. Das würde auch der Durchsetzung der geplanten nationalen Subventionen gegenüber der EU helfen.

Staatliche Beihilfen en masse sollen also die zivile Atomenergie in Frankreich retten. Denn der Wegfall des zivilen Teils kann und will sich der französische Präsidentenpalast nicht leisten. «Unsere strategische Zukunft, notre status de grande puissance, hängt von der Atomenergie ab», mit dieser dritten Conviction schloss Macron seine Hommage an die Atomkraft in Le Creusot.1

 

Quellen
1 Elysée, Déclaration du Président Emmanuel Macron depuis l'usine Framatome au Creusot, 8. Dezember 2020.
2 Bouveret et al., «Nuclear chromosomes: The national security implications of a French nuclear exit», Bulletin oft he Atomic Scientists, 2013.
3 CEA, et al., «CEA, EDF, Naval Group et TechnicAtome présentent Nuward : projet commune de ‘petit réacteur modulaire’», Medienmitteilung, 17. Oktober 2019.
4 ASAF, «Naval Group se relance dans le nucléaire civil», 16. Oktober 2019
5 Naval Group, «Naval Group», Webinfos
6 Naval Group, «Environement», Web

 

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…et sans nucléaire militaire, pas de nucléaire civile. So die Worte des französischen Staatschefs Emmanuel Macron anlässlich seines Besuchs Ende Jahr in Le Creusot, einem Hotspot der französischen Atomindustrie. In der Tat: Die zivile und militärische Nutzung der Atomenergie waren, sind und bleiben untrennbar verknüpft. Das zeigt das französische Reaktorforschungs-Projekt NUWARD beispielhaft.

von Simon Banholzer und Tonja Iten

Das Jahr 2020 endete mit einer Liebeserklärung von Emmanuel Macron an die französische Atomindustrie. «Unsere Energie- und ökologische Zukunft hängt von der Atomenergie ab», meint der französische Staatschef. Und weiter: «Unsere ökonomische und industrielle Zukunft hängt von der Atomenergie ab.»1 Diese Worte richtete Macron in einer vielbeachteten Rede im burgundischen Le Creusot an die dort ansässige Atomindustrie. Der Industrieort Le Creusot ist eine wichtige Produktionsstätte von Bauteilen für die Atomkraftwerke einerseits, andererseits ebenso für nukleare Waffensysteme zur militärischen Nutzung.

Kriselnde Atombranche
Bloss waren die letzten Jahre für die französische Atombranche keine Zeit der Freude, sondern vielmehr eine Zeit der Krise. Um bei Le Creusot zu bleiben: Das dortige Reaktorschmiedewerk, welches unter anderem die sicherheitsrelevanten Komponenten für die AKW anfertigt, machte 2016 mit Unregelmässigkeiten auf sich aufmerksam: Jahrelang kam es zu systematischen Fälschungen. Fehlerhafte Schmiedeteile wurden hergestellt. Anstatt die Ausschussware zu verwerfen, wurden Berichte gefälscht und die Qualitätssicherung unterminiert. Betroffen war auch Frankreichs Neubauprojekt, der Evolutionary Power Reactor (EPR). Das ehemalige Vorzeige-Projekt verkam zum Milliardengrab.

Nicht nur der Le Creusot-Skandal, sondern auch zahlreiche Fehleinschätzungen und Pannen warfen ein schlechtes Licht auf die die französische Atomindustrie. Der Bau des neuen EPR in Flamanville, wie auch die weiteren Bauprojekte im Ausland machten mit jahrelangen Verzögerungen und Kostenexplosionen Schlagzeilen. Bauherrin ist der französische, quasi-staatliche Atomriese EDF. Diese wollte das Kostendebakel nicht alleine tragen, sondern zeigte ebenso auf den EPR-Nuklearriesen Areva. Doch Areva existiert seit 2018 nicht mehr. Um eine Pleite zu verhindern, hat der Staat das Unternehmen quasi mittels Subvention freigekauft. Der Konzern wurde aufgeteilt in die staatliche Gesellschaft New Areva (inzwischen «Orano»), zuständig fürs Geschäft um den Brennstoffkreislauf, und die Reaktorbausparte Areva NP (heute «Framatome»), zu der auch die Schmiede Le Creusot gehört. EDF, zu 80% in staatlicher Hand, kämpft derweil mit hohen Schulden. Rund 41 Milliarden Euro waren es Ende 2019 gemäss Wirtschaftsministerium.

Nukleare DNA - Französische Identität
Es gilt also, die einst so strahlenden Branche in der Krise zu stützen. Und der Zuspruch von Macron an Framatome und Co. kam zum richtigen Zeitpunkt. Beweggründe sind einerseits ökonomische Interessen, wie eben am Problemkind EDF erläutert, andererseits auch die französische Identität und militärische Grösse, gestützt auf Frankreichs Atommacht-Status. Das französische Selbstverständnis speist sich seit der Nachkriegszeit zu einem gewichtigen Teil aus der nuklearen Branche.2 In Le Creusot gönnte Macron den Anwesenden nicht nur Lob, er verkündete auch den Bau eines neuen Flugzeugträgers. Nukleargetrieben, versteht sich.

Das Projekt NUWARD: Ein exemplarischer Fall
Zu den Anwesenden gehörten, nebst Framatome, auch die Manager von EDF, Orano und des Rüstungskonzerns Naval Group. Sämtliche Akteure sind ein Hybridobjekt von staatlicher und privater Finanzierung, zivilen und militärischen Nutzungsinteressen. Und mit Ausnahme von Orano sind sie allesamt am neuen französischen Small Modular Reactor (SMR)-Projekt namens NUWARD beteiligt. Auf den zu deutsch «kleinen modularen Reaktoren» ruhen die Hoffnungen der Atomindustrie: Die weniger mächtigen Reaktoren, die am Montageort «modular» aufgebaut werden sollen, verheissen geringeren schnellere Bauzeiten und tiefere Kosten dank höherer Produktionszahl sowie mehr Risiko-Eindämmungseffizienz und Sicherheit.

Projektstart für die französische Variante NUWARD war bereits vor rund zehn Jahren, als die Auftragnehmer EDF, Naval Group (damals DCNS), das staatliche Atom- und Energieforschungszentrum CEA (Commissariat à l’énergie atomique et aux énergies alternatives) und die damalige Areva mit ersten Machbarkeitsstudien beauftragt wurden. Für das präkonzeptuelle Design wurde ebenso TechnicAtome (vormals Areva TA) hinzugenommen, Spezialistin für marine nukleare Antriebssysteme. Im September 2019 schliesslich präsentierten die Partner ihr Kooperationsprojekt NUWARD anlässlich der Generalkonferenz der Internationalen Atomenergie-Organisation in Wien.3 Die Beteiligten heben den Nutzen von NUWARD als Exportgut im globalen Energiemarkt hervor: Es gelte, die steigende Energienachfrage im Rahmen der steigenden Bevölkerung und klimapolitischen Herausforderungen zu meistern. Will heissen: Die Atomenergie wird wiederum als (vermeintlich) klimafreundliche Lösung gepriesen. Der kleine NUWARD mit einer Leistung von rund 340 MW ist als Komplement zum EPR mit rund 1700 MW Leistung gedacht.

Doch bei zivilen Anwendungen bleibt es kaum je. Der neue Flugzeugträger, der den ausgedienten «de Gaulle» ab 2038 ablösen soll, wird nuklear betrieben sein. Zuständig hierfür sind die Experten TechnicAtome und Naval Group. Auch die neue Generation der französischen U-Boote, die aktuell unter dem sogenannten Barracuda-Programm mit denselben Beteiligten entwickelt wird, verlässt sich auf die nukleare Antriebskraft. Der Verdacht liegt nahe, dass die Interessen von TechnicAtome und Naval Group bei NUWARD hierauf ausgerichtet sind. Laut ASAF, dem Unterstützungsverein der französischen Armee, erfreuen letztgenannte sich der Gelegenheit, Kenntnisse anzueignen, die dann später auch im militärischen Bereich Anwendung finden können.4

Von der Forschung bis zum Rüstungsleader
Ein vertiefter Blick auf die beteiligten Projektpartner und ihre Aktivitäten zeigt: Das Gemisch von zivil-militärischem Engagement ist keineswegs neu, auch wenn es neuerdings stolz präsentiert wird. Am erwähnten Barracuda-Projekt beispielsweise sind wiederum der Rüstungsindustriekonzern Naval Group, das CEA und TechnicAtome beschäftigt. Naval Group selbst, die sich als «europäische Leader in mariner Verteidigung» bezeichnen,5 gehört mehrheitlich dem französischen Staat und zu einem Drittel dem Rüstungskonzern Thales Group (der wiederum zu rund einem Drittel dem Staat gehört). Neben den grossteils militärischen Projekten betätigt sich der Konzern auch im zivilen Bereich, wie vormals beim EPR4 oder mittels Offshore Windenergie-Projekten.6 Naval Group ist derweil mit 20% Aktionär von TechnicAtome, dessen Kerngeschäft im Antrieb für Atom-U-Boote besteht. Daneben verfolgt die Aktiengesellschaft zivil-nukleare Aktivitäten, beispielsweise war sie beim EPR (ebenso) für Sicherheitssysteme in Hinkley Point (GB) zuständig. TechnicAtome wurde in den 1970er Jahren vom staatlichen Forschungsinstitut CEA ausgegliedert, welches bis heute Aktionär ist, zusammen mit dem Staat und EDF (selbst zu 85% in Staatsbesitz).

Das CEA kann als Symbol der gegenseitigen Abhängigkeit des militärisch - zivilen nuklearen Establishments gesehen werden (Bouveret et al.).2 CEA, vom französischen Akronym für Atom-Energie Kommission, wurde nach dem zweiten Weltkrieg gegründet und überwacht die gesamte französische Atomforschung, sowohl im militärischen und zivilen Bereich. Bis heute ist die Forschungsinstitution vollständig in staatlichem Besitz. Bemerkenswert sind die einzigartigen Privilegien, die die CEA als öffentliche Behörde geniesst: Sie ist für ihre Entscheidungen alleinig dem französischen Präsidenten gegenüber rechenschaftspflichtig und nicht denselben Finanzkontrollen wie andere staatlichen Behörden verpflichtet.

France Nucléaire - Quo vadis?
Für den französischen Staatschef macht eine Aufhebung der zivil-militärischen «double dimension» denn auch gar keinen Sinn. Vielmehr illustriere sie die Kohärenz zwischen strategischer Autonomie und Energie-Unabhängigkeit. Und diese wird nun auch wieder stolz öffentlich vorgetragen, wie in Le Creusot.
Es lohnt sich also für den französischen Staat nicht nur, der darbenden zivilen Atomindustrie unter die Arme zu greifen, vielmehr scheint es geradezu zwingend. Dies tut er nicht ausschliesslich über Aktienpakete (siehe Areva). Ebenso verbessert er die Auftragslage und stellt neue EPR-Bestellungen in Aussicht, was jedoch erst nach den kommenden Präsidentschaftswahlen 2022 debattiert wird. Zudem weibelt Macron in Brüssel dafür, dass die Atomenergie in der EU-Klimastrategie mehr Bedeutung erhält, mit der Hoffnung, Geld aus den Green New Deal-Töpfen zu erhalten. Das würde auch der Durchsetzung der geplanten nationalen Subventionen gegenüber der EU helfen.

Staatliche Beihilfen en masse sollen also die zivile Atomenergie in Frankreich retten. Denn der Wegfall des zivilen Teils kann und will sich der französische Präsidentenpalast nicht leisten. «Unsere strategische Zukunft, notre status de grande puissance, hängt von der Atomenergie ab», mit dieser dritten Conviction schloss Macron seine Hommage an die Atomkraft in Le Creusot.1

 

Quellen
1 Elysée, Déclaration du Président Emmanuel Macron depuis l'usine Framatome au Creusot, 8. Dezember 2020.
2 Bouveret et al., «Nuclear chromosomes: The national security implications of a French nuclear exit», Bulletin oft he Atomic Scientists, 2013.
3 CEA, et al., «CEA, EDF, Naval Group et TechnicAtome présentent Nuward : projet commune de ‘petit réacteur modulaire’», Medienmitteilung, 17. Oktober 2019.
4 ASAF, «Naval Group se relance dans le nucléaire civil», 16. Oktober 2019
5 Naval Group, «Naval Group», Webinfos
6 Naval Group, «Environement», Web

 

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Simon Banholzer
Leiter Fachbereich Atomenergie

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