Back to the Future
Die Energie-Stiftung feiert dieses Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Auch vor etwa einem halben Jahrhundert startete eine Entwicklung, die die Energiepolitik nachhaltig prägen sollte: Szenarioanalysen wurden zur Basis für energiepolitische Entscheidungen. Ihre Rolle ist die Abbildung der erwarteten Zukunft. Oft verraten sie aber mehr die Meinungen und Möglichkeiten zum Zeitpunkt ihrer Erstellung, als sie aufzuzeigen vermögen, wie sich die Zukunft tatsächlich entwickelt.
Im vorliegenden Artikel treten wir mit fünf Grafiken und Beiträgen eine Zeitreise zurück in die Jahrzehnte seit der Gründung der SES an und explorieren, wie sich die energiepolitischen Perspektiven in dieser Zeit verändert haben. Zuletzt wagen wir den heutigen Blick in die Energieversorgung der Zukunft und reflektieren den Sinn oder Unsinn solcher Energieszenarien.
Wachstumskritik und Sachzwänge
Nach der Atom- und Wasserkrafteuphorie der Nachkriegszeit kühlte sich die Stimmung in der Schweizer Energiepolitik zu Beginn der 1970er-Jahre deutlich ab. Die Erkenntnis der Endlichkeit natürlicher Ressourcen rückten die Studie «The Limits of Growth» des Club of Rome (1972) sowie die erste Ölpreiskrise von 1973 ins öffentliche Bewusstsein.
In der Folge setzte der Bundesrat eine Kommission um den «Energiepapst» und Motor-Columbus-Chef Michael Kohn ein und beauftragte sie mit der Erarbeitung der Gesamtenergiekonzeption (GEK), die 1978 erschien. Die GEK stiess bei der Schweizerischen Energie-Stiftung und weiteren Umweltverbänden auf scharfe Kritik. Bemängelt wurde insbesondere das Festhalten an überholten Denkmustern: Die Konzeption ging von einem ungebremsten Wachstum der Energienachfrage bei gleichzeitig tiefen Energiepreisen aus und setzte stark auf Grosstechnologien. Im Hauptszenario waren bis zum Jahr 2000 acht Atomkraftwerke vorgesehen.
Als Gegenentwurf präsentierten die Umweltverbände ihr eigenes Szenario «Jenseits der Sachzwänge». Zentrales Element war ein deutlich geringeres Wachstum des Energieverbrauchs, insbesondere im Wärmesektor. Statt Elektrowiderstandsheizungen propagierten sie Wärmeverbünde mit Wärme-Kraft-Kopplung. Andere Bereiche wie Verkehr und Industrie wurden allerdings weder von der Kohn-Kommission noch von den Umweltverbänden vertieft analysiert.
Als Erfolg werteten die Umweltverbände, dass einzelne ihrer Forderungen Eingang in die GEK-Analysen fanden – darunter ein Energieartikel in der Bundesverfassung, eine Energiesteuer sowie Massnahmen zur Senkung des Energieverbrauchs. Umgesetzt wurden diese jedoch erst deutlich später oder gar nicht.
von Léonore Hälg
Leiterin Fachbereich Erneuerbare Energien SES
Energiepolitischer Wendepunkt
Anfang der 1980er-Jahre scheiterten zwei Volksinitiativen der SES, die den Atomausstieg sowie Grundsätze für eine sparsame und umweltgerechte Energieversorgung in der Verfassung verankern wollten. Mit der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 änderte sich jedoch die Stimmung in der Bevölkerung grundlegend: Die Diskussion um die Atomenergie erhielt neuen Auftrieb.
Conrad U. Brunner, Energieplaner und SES-Präsident von 1987 bis 1993, bringt die damalige Lage auf den Punkt: «Die Substitution von Erdöl fanden alle gut. Strom war aber hochpolitisch und vom industriell-nuklear-militärischen Komplex dominiert. Tschernobyl öffnete die Diskussion für andere Sichtweisen. So wurde die Kohn-Kommission von der Expertengruppe Energieszenarien EGES, einem Gremium mit Technokrat:innen, abgelöst.»
Während die Elektrizitätswirtschaft einen Atomausstieg weiterhin als unrealistisch und zu teuer bezeichnete, entstanden andernorts konkrete Ausstiegsszenarien. Eines davon erarbeiteten die INFRAS-Ökonomen Elmar Ledergerber, Walter Ott und Frieder Wolfart. Ott erinnert sich: «Nach den Ölknappheiten der Siebzigerjahre war die Versorgungssicherheit im Winter bereits damals ein zentrales Thema – auch beim Strom. Im Fokus standen jedoch der hohe Winterverbrauch durch Elektroheizungen sowie Stromtarife, die saisonale Knappheiten nicht abbildeten, und nicht, wie heute, das Stromangebot.» Als mögliche Lösung galten fossil betriebene Wärme-Kraft-Kopplungs-(WKK)-Anlagen, die gleichzeitig Strom und Wärme erzeugen. «Wir hielten WKK damals für ein geniales Konzept», sagt Ott rückblickend. «Öl und Gas sollten primär zur Stromproduktion genutzt werden, die Abwärme für Raumwärme und Warmwasser. CO2-Emissionen spielten damals keine Rolle. Heute wissen wir: Die Anlagen waren wohl zu teuer und hatten eine zu kurze Lebensdauer.»
Dass in der Analyse die Solar- und Windenergie berücksichtigt und deren Ausbau vergleichsweise treffend prognostiziert wurde, relativiert Ott mit einem Schmunzeln: «Das war Hoffnung – technologisches Kaffeesatzlesen. Dass die Photovoltaik im Vergleich zur Solarthermie so stark durchstarten würde, hätten wir nicht erwartet.» Auch Conrad U. Brunner betont: «Die technische Entwicklung der Photovoltaik war absehbar, der massive Preiszerfall nicht. Dafür fehlte uns die Fantasie.»
Schliesslich zeigte auch die vom Bundesrat eingesetzte EGES zur Überraschung einiger, dass ein Atomausstieg ohne ökologische und ökonomische Nachteile möglich ist. Diese Erkenntnisse wirkten nach: Im September 1990 stimmte die Bevölkerung sowohl einem Energieartikel in der Bundesverfassung als auch einem zehnjährigen Moratorium für Atomkraftwerke zu. Unter Präsident Conrad U. Brunner erweiterte die SES ihren Fokus – weg vom reinen Atomausstieg, hin zur umfassenden Energiewende mit Energieeffizienz und Erneuerbaren-Ausbau.
von Léonore Hälg
Leiterin Fachbereich Erneuerbare Energien
Ausstiegsszenario mit Sparsamkeit und WKK
Im Jahr 1995 wurden drei junge Wissenschaftler:innen – André Nietlisbach (Agrarökonom), Pascal Rohner (Maschineningenieur) und ich – von der Coalition Antinucléaire (CAN) beauftragt, ein Ausstiegszenario aus der Atomenergie zu erarbeiten. Die damals fünf in der Schweiz laufenden Atomkraftwerke sollten innerhalb von zehn Jahren ausser Betrieb genommen werden. Wir waren fachlich gut, rückblickend aber politisch recht naiv.
Wir setzten uns als Rahmenbedingung, dass beim Ausstieg aus der Atomenergie nicht mehr CO2 ausgestossen werden sollte, als damals beim Energieverbrauch schon anfiel. Die Grundidee war, etwa die Hälfte der Produktionseinbussen durch Stromeinsparungen abzufangen und die andere Hälfte mit Wärme-Kraft-Kopplungsanlagen zu kompensieren. Eine saftige Lenkungsabgabe auf die Elektrizität hätte dazu beigetragen, die Einsparungen zu erreichen. Die vorgesehenen 15 Rappen pro Kilowattstunde hätten den Strompreis glatt verdoppelt.
Weil damals wie heute die Winterversorgung im Zentrum stand – im Sommer war die Wasserkraft alleine ausreichend –, wurde der Finger auf die Elektroheizungen gesetzt. Sie machten 12 Prozent des Gesamtstromverbrauchs aus und im Winter klar noch mehr. Sie sollten in unserem Szenario durch energiesparende Alternativen ersetzt werden. Dies galt auch für Elektroboiler und die Beleuchtung.
Bei der Stromproduktion setzten wir wie gesagt auf die Wärme-Kraft-Kopplung, die mit fossilen Brennstoffen gleichzeitig Elektrizität und Wärme produziert. Strom ist deutlich wertvoller als Wärme und solche Anlagen erzielen enorm hohe Wirkungsgrade von bis zu 80 Prozent (Zum Vergleich: Mit der gleichen Menge Treibstoff erreicht ein Verbrennungsmotor kaum 20 Prozent).
Obwohl eine geniale Technologie, über Wärme-Kraft-Kopplung spricht man heute kaum noch. Das ist schade und liegt wohl an ihrer Komplexität, die schwer vermittelbar ist. Wie lässt sich erklären, dass etwas, das CO2 produziert, dazu beitragen kann, CO2 einzusparen? Die Photovoltaik war damals für uns kein Thema, LED gab es noch nicht.
Die Studie hatte wie eine Bombe eingeschlagen. Wir wurden überall für Vorträge eingeladen und in Arbeiten zitiert. Technisch war alles korrekt, uns waren aber die gesellschaftlichen und politischen Widerstände gegen einen Atomausstieg in keiner Weise bewusst.
von Guise Togni
Physikerin und SES-Beirätin
2000-Watt-Gesellschaft, Peak Oil und atompolitische Rückschritte
Nach den atompolitisch vergleichsweise ruhigen 1990er-Jahren wurde es nach der Jahrtausendwende deutlich turbulenter. Im Jahr 2000 lief das zehnjährige Baumoratorium für neue Atomkraftwerke aus. Die SES engagierte sich daraufhin führend im Verein «Strom ohne Atom», der eine Neuauflage der Atom-Doppel-Initiative lancierte: Strom ohne Atom und Moratorium Plus.
Beide Vorlagen wurden im Mai 2003 deutlich verworfen. In der Folge öffnete sich die SES stärker für neue energiepolitische Fragestellungen. Sie startete Kampagnen zur Klimapolitik und zur Endlichkeit fossiler Energien (Peak Oil). Im Zentrum standen die hohe Auslandsabhängigkeit der Schweiz, die Steigerung der Energieeffizienz sowie Suffizienz im Rahmen der Vision einer 2000-Watt-Gesellschaft.
In der Atompolitik rückte die SES insbesondere die ungelöste Frage der Atommülllagerung in den Fokus und betonte deren faktische Unlösbarkeit angesichts der extremen Zeiträume. Zwar zeichnete sich in den 2000er-Jahren eine leichte Trendwende ab: Seit 2000 sank und sinkt der Energieverbrauch, seit 2006 auch der Stromverbrauch pro Kopf. Der Rückgang verlief für uns jedoch viel zu langsam, was den Einsatz der SES für die 2000-Watt-Gesellschaft zusätzlich befeuerte. Als Beitrag zur Diskussion veröffentlichten wir zusammen mit den anderen Umweltverbänden unsere Vision einer erneuerbaren Stromversorgung.
Rückblickend zeigte sich, dass nicht alle Prognosen zutrafen: Das Wachstum der Photovoltaik wurde komplett unterschätzt, während wir mit einem relevanten Ausbau der Geothermie rechneten. Auch die rasante Zunahme der Elektromobilität kam überraschend. Mitte des Jahrzehnts wurde zudem bekannt, dass die Axpo neue AKW plante und nach Standorten suchte – ein weiterer Weckruf für eine starke Anti-Atom-Arbeit der SES.
von Bernhard Piller
SES-Projektleiter von 2003 bis 2014
Auf einem Auge blind?
Nach der Atomkatastrophe in Fukushima am 11. März 2011 waren die Pläne für den Bau neuer AKW in der Schweiz rasch vom Tisch. Aber wie kann diese künftige «Stromlücke» (ein Modewort dieser Zeit) gefüllt werden?
Die drei Viertel der in der Schweiz verbrauchten Energie, die nicht elektrisch waren, traten in den Hintergrund. Es ging oft nur noch um Strom. Erst später rückte die Klimabewegung mit dem Netto-Null-Ziel den anderen Aspekt wieder in den Fokus. In dieser energiepolitisch heissen Zwischenzeit machten auch die Umweltorganisationen diesbezüglich keine Ausnahme, wie die Grafik von 2012 zeigt.
Im zugrunde liegenden Modell wurde der Ersatz von Ölheizungen durch Wärmepumpen und von Benzin- durch Elektroautos natürlich eingerechnet. Und klar, man hat auch von Suffizienz gesprochen, die zum Beispiel für die Vermeidung von Treibhausgasen aus dem Flugverkehr unabdingbar ist. Aber dargestellt hat man nur elektrische Energie.
Hat man die Rechnung nicht ganz fertig gemacht?
Spätere und andere Modelle zeigen interessanterweise, dass die benötigte Strommenge auch für die Erreichung von netto null Treibhausgasemissionen nicht viel grösser ist. Ein sparsamer und rationeller Umgang mit Energie (wie in der Bundesverfassung festgelegt) und die enormen Effizienzpotenziale beim Umstieg auf strombasierte Technologie machen es möglich.
Insofern gab die damalige Modellierung trotz vermeintlich engem Fokus ein gutes Gesamtbild einer künftigen Energieversorgung ab. Die Diskussionen um Details habe ich lebhaft in Erinnerung: Wie viel Prozent des Sonnenlichts werden Anlagen, die im Jahr 2030 hergestellt werden, in Strom umwandeln können? Wie viel Biomasse wird in einer Zukunft, wo die Ernährung möglicherweise weniger fleischlastig sein wird, anfallen?
Diese Details rücken rasch in den Hintergrund. Was bleibt, ist eine Vision – 100PRO: 100 Prozent erneuerbar, einheimisch, effizient. Die Zahlen werden mit jedem Modell leicht anders aussehen – die Vision aber hat Bestand.
von Felix Nipkow
Leiter Fachbereich Erneuerbare Energien bei der SES von 2011 bis 2023
Alle Szenarien sind «falsch» – aber manche sind nützlich
Mit dem Blick zurück zeigt sich fast immer dasselbe Bild: Kaum eines der einst entworfenen Zukunftsszenarien trifft die tatsächliche Entwicklung exakt. Das gilt für globale Energieausblicke wie den World Energy Outlook ebenso wie für nationale Studien wie die Schweizer Energieperspektiven. Es gilt für Szenarien von Verbänden, Energieversorgern oder Beratungsunternehmen genauso wie für wissenschaftliche Arbeiten von Universitäten und Forschungsinstituten. Da stellt sich zwangsläufig die Frage: Warum dieser enorme Aufwand? Wozu brauchen wir all diese Szenarien überhaupt?
Zwei Aspekte sind hier besonders wichtig. Erstens: Szenarien sind keine Wettervorhersagen. Ihr Zweck ist nicht, möglichst treffsicher vorherzusagen, was passieren wird, sondern aufzuzeigen, was passieren könnte. Ein Szenario beschreibt eine virtuelle Zukunftswelt mit klar definierten – oft stark vereinfachten – Annahmen, damit die zugrunde liegenden Modelle überhaupt lösbar sind. Szenarien zeigen daher nicht die Zukunft, sondern die Konsequenzen bestimmter Annahmen innerhalb eines Modellrahmens. Sie sind idealerweise plausible Approximationen möglicher Entwicklungen, sagen aber wenig darüber aus, wie wahrscheinlich diese tatsächlich eintreten werden.
Wenn Szenarien also nicht primär der Vorhersage dienen, wozu dann? Damit kommen wir zum zweiten Aspekt: Szenarien richten den Blick zwar in die Zukunft, sind aber im Kern Werkzeuge für Entscheidungen im Hier und Jetzt. Sie reflektieren daher die aktuellen energiepolitischen Gegebenheiten. Die zentralen Weichenstellungen für das Energiesystem von 2050 werden heute vorgenommen. Wie wir in der Schweiz künftig Energie produzieren, verteilen und nutzen, entscheiden wir nicht später – wir entscheiden es jetzt.
Da wir nicht bis 2050 warten können, um zu sehen, wie sich die Welt tatsächlich entwickelt, helfen uns Szenarien, mögliche Richtungen abzustecken. Wie bei einem Navigationsgerät geben wir ein Ziel ein – etwa Netto-Null bis 2050 – und erhalten verschiedene Routen dorthin: manche schneller, andere günstiger oder robuster. Entscheiden müssen wir uns trotzdem selbst. Und dann geht es los. Wie im Strassenverkehr tauchen unterwegs unerwartete Hindernisse auf, Annahmen ändern sich, und die sorgfältig geplante Route passt plötzlich nicht mehr. Dann heisst es: neu berechnen, Kurs anpassen. Genau deshalb gibt es regelmässig neue Szenarien – sie sind gewissermassen das Update zur aktuellen Verkehrslage.
Mit Szenarien blicken wir also ins Morgen, um heute handlungsfähig zu sein. In diesem Morgen werden unsere Kinder und Enkelkinder leben. Sie werden zurückschauen und beurteilen, ob unsere Route die richtige war. Ändern können sie sie dann nicht mehr. Und wenn wir die letzten Jahrzehnte als Massstab nehmen, werden sie vermutlich sagen: «Ein bisschen schneller wäre nicht schlecht gewesen.»
von Hannes Weigt
Professor für Energieökonomie an der Universität Basel
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